French River Auf dem Fluss der Stockschwinger
Showtime. Wir haben sie schon von weitem gehört, jetzt treiben wir zwischen Granitfelsen um die letzte Biegung, und da sind sie schon: die Blue Chute Rapids. Vor uns verengt sich der French River zu einem etwa zehn Meter breiten Kanal mit anderthalb Metern Gefälle. Die Fließgeschwindigkeit vervielfacht sich. Ein paar Dutzend stehender Wellen, hier zu Lande treffend "haystacks" genannt, verwandeln diese Stelle in ein etwa 50 Meter langes Waschbrett mit meterhohen Rillen aus schäumendem H20. Rückwärts paddelnd, schinden wir noch eine Extraminute, um die beste Route durch diese Waschstraße auszukundschaften. Eine Portage ist nicht möglich, die Felsufer sind zu steil. Böse Überraschungen wie Felsbrocken über oder knapp unter der Oberfläche scheint es aber nicht zu geben.
Wir entscheiden uns für eine lange, dunkle Zunge, die über das Waschbrett leckt. Dort sieht der Fluss aus wie über eine Wäschestange gezogen, dort fließt er am schnellsten, der Seegang hält sich in Grenzen. Auf ihr schlüpfen wir nun dieses Nadelöhr, das jetzt auf Augenhöhe gischt und brodelt, ohne dass auch nur ein Spritzer über die Bordwand schlägt. Kanadische Paddler nennen das "shooting the rapids". Unterhalb von Blue Chute laden wir die Ausrüstung aus und gehen mit den Kanus spielen. Surfen, kentern, surfen, kentern: Wir kriegen den Hals nicht voll.
Der French River vier Autostunden nördlich von Toronto ist eines der schönsten Paddelreviere Kanadas. Von den Gletschern der letzten Eiszeit extrem zerfasert, erinnert er mit seinen unzähligen Buchten, Inseln und Seitenarmen an eine schwedische Schärenlandschaft - wären da nicht die Ortsnamen, englisch-französische Gebilde in bester Manier, die Indianer, Pelzhändler und Missionare zurückließen. Von 17. bis 19. Jahrhundert war der French einer der wichtigsten Wasserwege Nordamerikas. 120 Kilometer lang und den Lake Nippissing mit dem Lake Huron verbindend, war er Teil einer indianischen Handelsroute, die in Montreal begann, über den Ottawa River und die Großen Seen führte und erst mehrere tausend Kilometer später am Lake Athabasca am Polarkreis endete.
Wer nach Westen wollte, musste hier durch, von Straßen durch die Wildnis wurde nicht einmal geträumt. Die Liste der Namen liest sich folglich wie das Who's Who der Entdeckungsgeschichte Nordamerikas. Viele blieben historische Fußnoten, führten aber Leben wie in Abenteuerromanen. Darunter waren Kerle wie der 18-jährige Etienne Brulé, der 1610 mit einem Huronen-Trupp als erster Weißer den Lake Superior erreichte und Jahre später im Streit um eine Squaw erschlagen und verspeist wurde.
Nicollet, Radisson, La Salle und Vérendrye kamen auch durch, halbwilde Gesellen mit Flinte und Tomahawk, die es auf der Jagd nach Biberfellen immer weiter nach Westen, Norden und Süden trieb, wobei sie Nordamerika fast nebenbei entdeckten. Sie und viele andere sahen die Rockies und das Mississippi-Delta, lange bevor diese offiziell entdeckt wurden. Und die Jesuiten aus Québec, die von den Huronen "stick waivers" genannt wurden, weil sie vom Kanu aus mit ihren Kruzifixen winkten. Die körperlichen Leistungen, die diese Männer in ihren Kanus vollbrachten, wären heute noch Guinessbuch-reif. So machten die Voyageurs, frankokanadische Pelzhändler in englischen Diensten, um 1800 die 4000 Kilometer von Montreal nach Fort Williams am Lake Superior und zurück in einem Sommer. Dabei paddelten sie in ihren 10 Meter langen Kanus aus Birkenrinde 18 bis 20 Stunden pro Tag, mit vierzig Schlägen pro Minute, und verbrauchten mit 7000 Kalorien täglich doppelt so viel wie der heutige Durchschnittsbürger.
Wie würden wir uns wohl in einem Voyageur-Kanu schlagen? Auf dem French River paddeln wir täglich 20 Kilometer und treiben morgens und abends die Cholesterinspiegel in schwindelnde Höhen. Die Strömung ist nicht der Killer, die ist auf dem French fast gleich null. Es ist der Westwind, der uns beim Paddeln die Arme lang werden lässt. Die Voyageurs nannten ihn "la Vieille" und hassten ihn leidenschaftlich. Wehte er ihnen ins Gesicht, kamen sie zu spät zu den Treffen mit den indianischen Zwischenhändlern, zu spät zum Saufgelage in Fort Williams, und vor allem: Auch die Squaws mussten warten. Wir dagegen haben Zeit und können im Windschatten der unzähligen Inseln paddeln. Blies "die Alte" nicht, machten die Voyageurs dagegen Tempo.
Wir nicht. Wir genießen das Gefühl, das gleiche Wasser unter dem Kiel zu haben und die gleiche Wildnis zu sehen wie jene Waldläufer und Entdecker. 1650 sah der alte "Rivière des Francais" eine Kanuflotte, die sich aus dem jämmerlichen Rest des einst stolzen Volkes der Huronen und einer Hand voll zerlumpter Jesuiten zusammensetzte. Von den Irokesen nahezu aufgerieben, flohen die Überlebenden auf dem French River nach Québec. Bei den Big Pine Rapids tragen wir die Kanus um die Stromschnellen herum. Kanadische Paddlern nennen so eine Stelle "Portage".
Wir sind nicht die Ersten, die hier auf Nummer sicher gehen. Nackte Füße, Mokassins und Stiefel haben im Laufe der Jahrhunderte einen noch immer gut erkennbaren Trail in den Granit getrieben. Schleppten sie hier ihre Kanus vorbei, die Brulés, Vérendryes und La Salles? Man schließt die Augen und sieht sie unter der Last ihres Gepäcks schwitzen, hört sie fluchen, schimpfen, schnaufen. Viel Handelsware ging an diesen Schnellen verloren: Unterhalb der Blue Chute Rapids und anderswo wurden Musketen, Kleidungsstücke und Kupferkessel gefunden.
Abends campieren wir auf felsigen Anhöhen mit Blick auf den Fluss. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, die Kanuflotten der Voyageurs vorbeiziehen zu sehen. 1789 hatten sie Alexander Mackenzie an Bord. Der Schotte erreichte etwas später als erster Weißer den Pazifik auf dem Landweg. Mit einer anderen Flotte kehrte 1812 der Landvermesser David Thompson nach Montreal zurück. Seine Leistung lässt die berühmteren Amerikaner Lewis und Clark als Touristen erscheinen. Thompson hatte seit 1786 den Westen Kanadas quasi im Alleingang kartografiert - eine Fläche von 3,9 Millionen Quadratkilometer! Die Indianer nannten ihn "Der Mann, der die Sterne schaut". Er sah, was wir sehen. Einen Sternenhimmel, der bis zum Horizont reicht, und einen Teil der Milchstraße. Und das Nordlicht, das um Mitternacht über unseren Zelten flackert. Denn seitdem hat sich hier nichts verändert.