Galapagos-Archipel Turtelnde Tölpel im Inselparadies
Puerto Ayora - Mit einem vielstimmigen Konzert beginnt auf Española der Tag: Wenn der erste Strahl der Sonne über den Pazifik kriecht und ihren Pelz wärmt, beginnen die Seelöwen mit einem lautstarken Grunzen und Brüllen. Auch die Blaufußtölpel verpassen ihren Einsatz nicht: Mit einem Hupen und Pfeifen starten sie in den Tag. Die ersten Touristen setzen bereits von einem Kreuzfahrtschiff über, um mit den friedlichen Tieren auf Tuchfühlung zu gehen, die auf der südlichsten der Galapagos-Inseln leben.
"Keiner darf den Weg verlassen, ein Tier berühren oder den Blitz beim Fotografieren zuschalten", gibt Fremdenführer Walter Sotomayor die Regeln aus. Weil sie Millionen Jahre lang keine schlechte Erfahrung gemacht haben, zeigen die meisten Tierarten der Inseln keine Scheu vor dem Menschen: Einige Tölpel nisten auf dem engen Fußweg, machen Krach und schnäbeln. Mancher Besucher steigt vorsichtig über die turtelnden Tölpelpaare mit den hellblauen Füßen hinweg - sie lassen sich nicht stören. Schließlich ist es auch ihre Insel.
Einer der ersten Touristen war Charles Darwin
Fünf Millionen Jahre lang konnten sich Vulkane, Tiere und Pflanzen auf den Galapagos-Inseln ungestört entwickeln. Von den über 40 Inseln und Inselchen sind nur vier von Menschen bewohnt. Viele der auf dem Archipel lebenden Arten gibt es nur hier - manche sogar nur auf bestimmten Inseln. Allein 228 Pflanzenarten, die nur hier wachsen, gibt es, ebenso 28 Vogel-, sowie 23 Reptilien- und Säugetierarten. Die abgelegene Inselgruppe, die 1000 Kilometer westlich des südamerikanischen Kontinents liegt, gilt daher als ein Schaufenster der Evolution.
Die Inkas aus Peru waren die Ersten, die Ende des 15. Jahrhunderts die Inseln betraten. Als offizieller "Entdecker" gilt dennoch Tomas de Berlanga, der Bischof von Panama. Bei seiner Seereise im Jahr 1535 streikte der Wind, die starke Strömung trieb ihn zu diesem einzigartigen Naturreich. Der britische Naturforscher Charles Darwin war es, der 1835 die biologische Bedeutung der Inselgruppe erkannte. Um die empfindliche Natur der Inselgruppe zu schützen, wurde 1959 mit internationaler Unterstützung der Galapagos-Nationalpark aus der Taufe gehoben.
Fregattvögel, die anderswo Abstand zum Menschen halten, lassen sich auf Española aus einem Meter Entfernung in die Augen schauen. Eine Vogelmutter lugt neugierig aus ihrem Nest und bedeckt das flaumige Kücken mit ihrem schwarzen Federkleid. Ein paar Meter weiter balzt ein Männchen: Wie ein Frosch bläht er seinen roten Kehlsack auf, um der Vogeldame zu imponieren.
Auch die hässlichsten Inselbewohner juckt der Touristentrubel kaum: Mit glitschiger Schuppenhaut liegen Meeresleguane auf Felsen in der Sonne. Die Gischt sprüht beständig über das Knäuel grau-grüner Leiber. Mancher Schuppenschwanz liegt über dem Runzelkopf des Partners. Stundenlang regt sich kein Körperteil.
Umweltdramen hinter den Kulissen
Die Stille und die Harmonie auf dem Archipel vertuschen allerdings die Umweltdramen, die sich hinter den Kulissen abspielen. Denn mit dem Menschen kamen auch Ziegen, Ratten und Esel, die Nester zertrampeln, Eier fressen und den angestammtem Tieren den Lebensraum nehmen. Weitere Zivilisationsprobleme kamen hinzu: Im Januar 2001 ergossen sich aus dem verunglückten Tanker "Jessica" große Mengen Öl nahe der Insel San Cristobal in den Pazifik. Pelikane, Seelöwen, Leguane und Krabben mussten gereinigt werden. Glücklicherweise starben nur wenige Tiere, der Wind trieb den Ölteppich aufs Meer.
Mittelpunkt der Inselwirtschaft ist die Stadt Puerto Ayora auf der Insel Santa Cruz, mit 10.000 Bewohnern auch die größte Gemeinde der Inselgruppe. An der kleinen Hafenpromenade des Ortes, vor den Häusern, kleinen Hotels und Restaurants mit den bunt bemalten Fensterläden, gehen sonntags die Großmütter mit ihren Enkeln spazieren. Die Mädchen in frisch gebügelten Kleidchen tragen farbenfrohe Schleifen im Haar.
Am Hafen sitzen derweil die Fischer und debattieren über den letzten Fang. Daneben dümpeln ihre Boote, dazu ein paar Jachten von Weltumseglern und einige luxuriöse kleine Passagierschiffe, die zwischen den Inseln kreuzen. Weiter draußen lichtet die "Explorer II" die Anker, das mit 50 Kabinen größte Schiff der Region. Es hat neben Naturführern auch Tauchlehrer an Bord, damit die zahlenden Gäste die Natur der Inselgruppe über und unter Wasser erkunden können.
Mit den Ausflugsschiffen auf Tour zu gehen, ist allerdings nicht billig. Für einen Tag in einem Boot sind inklusive der Kabine und der Führungen 150 bis 350 Euro auf den Tisch zu legen. Hinzu kommt der Eintritt in das Naturschutzgebiet, der umgerechnet rund 100 Euro kostet - doch in der Hoffnung auf einen Ausflug zu einem nicht alltäglichen Urlaubsziel mitten im Stillen Ozean zahlen viele diesen Preis.
Von Bernd Kubisch, gms