Gefährliche Talfahrt: Solartaxi wird fast gesteinigt - DER SPIEGEL
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Gefährliche Talfahrt Solartaxi wird fast gesteinigt

Louis Palmer und sein Team erfahren die Türkei: Das Solartaxi wird kurzerhand von einer Moderatorin des türkischen Fernsehens gekapert, gewinnt im Wettrennen mit schweren Brummis und wird auf der Talfahrt mit Steinen bombardiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich sitze gerade mit Katja, Thomas und Heinz auf der Terrasse im 8. Stock des Hotel Anit in Gaziantep. Nun haben wir schon 13 Tage in diesem Land hinter uns, und es ist Zeit von der Türkei Abschied zu nehmen. Unglaublich, dass wir elf Länder bisher durchquert und fast 6000 Kilometer hinter uns gebracht haben, ohne irgendwelche großen Schwierigkeiten. Das Solarmobil läuft wie verrückt und stets zuverlässig wie eine Schweizer Uhr. Morgen geht unsere Inshallah-Tour weiter nach Syrien in total unbekanntes Territorium

Vor drei Tagen hatten sich die Wege von Thomas und Katja sowie Heinz und mir getrennt. Thomas und Katja wollten mit dem Begleitbus noch etwas länger im zauberhaften Kappadokien verbringen, während Heinz und ich mit dem Solarmobil am Abend noch 70 Kilometer bis in die nächste Stadt schaffen wollten. Doch kaum waren wir aus Göleme raus, fuhren wir zuerst direkt dem türkischen Sender TRT in die Arme, der uns schon überall suchte. Eine rothaarige, sehr auffällige und lebendige, für türkische Verhältnisse ungewöhnliche Moderatorin mit großer Sonnenbrille hatte sich mit ihrem Opel Vectra uns einfach in den Weg gestellt.

Ballonfahrer Abdullah kam mit seinem Jeep Cherokee und einem breiten Lächeln im Gesicht noch dazu und erklärte, ja, ER habe das Fernsehen organisiert, die Moderatorin sei eine seiner Freundinnen. Dazu grinste er wie ein unschuldiges Lamm. Das Problem für das improvisierte Interview auf der Landstraße war aber, dass die Frau keine andere Sprache als Türkisch konnte, und ich als Interviewpartner war daher nutzlos. Da hatte die Moderatorin einen Einfall, verschwand, tauchte wenig später mit einer rot gekleideten Hausfrau wieder auf, schubste diese ins Solartaxi und begann sie zu interviewen.

Hauptsache, es kommt von Herzen

Zuerst standen meine Haare zu Berge, als die Hausfrau voller Schwung und Energie und mit unglaublichem Strahlen im Gesicht begann, das Auto, das sie noch nie zuvor gesehen hatte, zu kommentieren und zu erklären. Ich verstand nur Bahnhof, aber alle anderen hatten ihren Spaß, und dann begriff auch ich allmählich, dass die ganze Türkei dank dem Strahlen dieser Hausfrau begreifen wird, dass Autofahren mit Solarenergie mehr Spaß macht als mit einem Cherokee. Ist doch egal, wer hier was sagt, Hauptsache es kommt von Herzen!

Nach diesem Dreh war es schon fast dunkel. Da Nachtfahren im Mittleren Osten, was Adrenalin-Schübe betrifft, wohl nur dem Schwimmen im Haifischbecken nahe kommt, schenkte uns Abdullah noch ein gelbes Blitzlicht. Damit uns keiner über den Haufen fährt, wie er meinte. Und wie recht er hat. Denn selten kommen wir pünktlich wie geplant vor Sonnenuntergang an unserem Tagesziel an. Seit diesem Tag ziert dieses Ding unser Dach und hält bei Nacht die Inshallah-Autofahrer auf Distanz – vielleicht zehn Zentimeter mehr.

Die karge, trockene Hochebene wurde langsam abgelöst von einer sanften Bergwelt mit sattgrünen Kieferwäldern und glasklaren Bächen. Das Morgenlicht war atemberaubend – und das Morgenland hielt noch weitere Überraschungen bereit. Heinz und ich, wir hatten ja auch keine Ahnung, welche Berge es in der Türkei gibt. Auf Pässen, wie wir sie seit der Schweiz nicht mehr gesehen haben, lieferten wir uns im 40-km/h-Bereich ein Rennen mit den schweren Lastwagen. Das Solartaxi war natürlich das schnellste, flink schlängelten wir uns an den Rädern der Dinos vorbei, und Heinz machte sich einen Spaß daraus, Auspuffrohre zu filmen. Irgendwie erschien mir sein Gesicht nachher dunkler als vorher.

Doch lange währte die Freude nicht: Auf einer Schotterpiste auf Talfahrt kam die Steinigung! Jeder Brummi, der uns überholte, spickte aprikosengroße Steine an unsere Windschutzscheibe und gegen die Zellen! Nach dieser Tortur überprüften wir alle Gläser nochmals und was für ein Glück: Das Ganze war glimpflich abgelaufen. Sonst hätte ich die Moderatorin nochmals anrufen müssen: „Hey, macht mal schnell einen Beitrag, das Solartaxi wurde soeben gesteinigt!"

Bangen vor der syrischen Grenze

Nun, heute haben wir uns alle vom Team auf der Dachterrasse in Gaziantep wieder gefunden, und es gibt viel zu erzählen. Doch die Hauptsache ist die, dass wir heute hier auf dem Schweizer Honorarkonsulat das Empfehlungsschreiben der Schweizer Botschaft aus Damaskus erhalten haben. Keine Ahnung, was drin steht, es ist ja alles auf Arabisch geschrieben, aber jedenfalls werde ich es morgen auf die Windschutzscheibe des Solartaxi kleben und so an der Grenze zu Syrien vor all den Grenzbeamten aufkreuzen. Denn wir haben schon so viele Geschichten gehört, wie schwierig der Zoll in arabischen Ländern ist, da wollen wir einfach sicher gehen und sofort informieren, dass wir da rein wollen. Und falls das auch nicht reicht, werde ich die Schweizer Fahne hissen. Vorne links, über dem Kotflügel. Dann mache ich aus dem Solartaxi einen Diplomatenwagen! Inshallah!

Nichts ist sicher morgen. Sicher ist einzig eine schlaflose Nacht heute. Bin sehr gespannt auf diese Grenze! Syria salam alaikum!

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