Mikrobrauer in Neuseeland: Reuben und das Teebaumbier
Mikrobrauer in Neuseeland Bier mit Tier
Reuben Lee schlurft in kurzen Hosen und Gummistiefeln durch den Schuppen, klettert eine Aluleiter hoch und späht in das brodelnde Innere der Maischepfanne. Es ist recht früh am Morgen. Nebenan, im Mussel Inn, räumt die Bedienung noch die Reste vom Vorabend auf.
An dem hat sich wieder mal die halbe Bevölkerung der Golden Bay - Hippies, Touristen, Farmer - in der Kneipe bei Jazzmusik den legendären Bieren der Mikrobrauerei gewidmet. Pale Whale Ale, Laughing Owl, Golden Goose zischten durch die Zapfhähne - und Captain Cooker, das erfolgreichste Produkt des Mussel Inn.
Der schlaksige Braumeister mit der strubbeligen Surfermähne wirkt ein wenig verschlafen, als hätte er mitgefeiert. Doch schon um 6 Uhr hat er Malzsäcke gewuchtet. Das sei aber kein Vergleich zu früher: "Ich habe Bäcker gelernt", sagt der 39-Jährige in seiner gemächlichen Art zu reden, mit einem leicht schiefen Lächeln, "aber da musste ich einfach zu früh aufstehen."
Der gebürtige Auckländer erwog dann den Beruf des Winzers. Schnell begann er aber in der ersten Mikrobrauerei des Landes zu arbeiten, bei Mac's im nur rund hundert Kilometer entfernten Nelson. "Learning bei doing" war das, sagt Reuben, durch ein Fernstudium in Großbritannien erwarb er die nötigen Zertifikate für den Meister. Seit 14 Jahren ist er nun der Chef an den Braukesseln in der Hippie-Bucht.
Boom der Mikrobrauereien
Wie ist es, hier zu leben - in der Golden Bay, in der sich viele Aussteiger und Künstler niederlassen und wo der Samstagsmarkt wirkt wie ein Flower-Power-Sit-in? In der Bucht, die das Traumziel vieler Auswanderer und Backpacker ist? "Es ist ein wunderschöner Ort", sagt Reuben, "sehr relaxt. Ich mag Hippies und die Touristen aus aller Welt."
Allerdings: Hier einen Job zu finden sei schwierig, und wer einen ergattert hat, der verdiene wenig. Die ersten Aussteiger vor 30 Jahren konnten noch günstig viel Land kaufen. Heute sind die Preise in die Höhe geschossen, so jemand wie Reuben kann von einem eigenen Haus nur träumen. Denn auch viele wohlhabende Neuseeländer zieht es an die sonnige Küste.
Und in die kleinen Brauereien der Region. Denn der Kiwi liebt sein Bier, trotz Weinboom ist es sein alkoholisches Lieblingsgetränk. Anfang der achtziger Jahre war es mit Vielfalt allerdings nicht mehr weit her, zwei Großunternehmen teilten sich den Markt mit ähnlichen Produkten. Inzwischen - Mac's machte den Anfang - gibt es im Land an die 50 der Craft Breweries.
Allein zwölf davon können hier im Nordwesten der Südinsel auf einem Craft Beer Trail abgeklappert werden. Ins Glas kommen kreative Gebräue, vom einstigen deutschen Reinheitsgebot lässt sich hier niemand beeinflussen. "Bier aus nur vier Zutaten - Malz, Hopfen, Hefe und Wasser - mag ich am liebsten", sagt Reuben, "aber irgendwann wird das doch langweilig, oder?"
Ernte hinter der Kneipe
Captain Cooker, der Hit des Mussel Inn , hat jedenfalls eine weitere, typisch neuseeländische Zutat: Manuka, den Teebaum, das allgegenwärtige und eifrigste Gewächs des Landes, das jede Brache schnell begrünt. "Wir gehen einfach hier in den Busch hinter der Kneipe", sagt der Braumeister, "und pflücken die Spitzen." Er hält einen kleinen Sack auf, in dem das grau-grüne Gestrüpp auf seinen Einsatz wartet.
Manuka hat eine leicht antiseptische Wirkung, "gesünder geht es doch kaum, oder?", sagt er und grinst. Dem rotbraunen, leicht süßen Bier verleiht es einen etwas bitteren, kräuterigen Touch. Mancher schmeckt auch Ingwer, Rosenblüten und Karamell heraus. Der Inhaber des Mussel Inn und Erfinder dieser Mixtur ließ sich inspirieren durch den britischen Entdecker James Cook, der 1773 das erste Bier Neuseelands an Bord seines Schiffes gebraut haben soll - mit Manuka- und Rimu-Zweigen.
Demnächst wird Reuben es mal mit Muscheln im Maischekessel probieren. Dem Porter-Bier namens Love Mussel sollen die Schalentiere einen einzigartigen salzigen Geschmack verleihen.