Gorilla-Watching im Kongo - DER SPIEGEL
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Gorilla-Watching: Rendezvous mit Silberrücken

Foto: Elian Ehrenreich

Gorilla-Watching im Kongo Familientreffen im Regenwald

Im Herzen des mächtigen Kongobeckens liegt eines der letzten Rückzugsgebiete wilder Gorillas. Sie zu besuchen ist mühsam, der Weg führt durch knietiefe Sümpfe und nahezu undurchdringlichen Regenwald. Der Lohn: eine einzigartige Begegnung mit Silberrücken.
Von Elian Ehrenreich
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Draußen vor der Hütte, jenseits der mit Moskitonetz gesicherten Schlafstätte, erwacht der Regenwald mit virtuoser Vielstimmigkeit. Heute soll es endlich passieren: Eine Verabredung wartet, die Verabredung mit sehr nahen Verwandten, deren genetischer Bauplan nur zu 2,3 Prozent von unserem abweicht. Neptuno heißt der 27-jährige Silberrücken, wie die Chefs von Gorilla-Clans genannt werden.

Zu Fuß geht es auf diese evolutionäre Zeitreise. Weißer Nebel wabert aus der tiefgrünen bis schwarzen Pflanzenwand, welche die dreiköpfige Gruppe verschluckt. Fährtensucher Gabin Okele geht mit einer Machete voran.

Gesprochen wird kaum, dem Weg gilt alle Aufmerksamkeit. Er führt über vom Dauerregen aufgeweichte Böden, durch Bäche, über umgestürzte Bäume, steile Hänge hinauf und hinab und durch knietiefen Sumpf. Stundenlang.

Der Odzala-Nationalpark, mit 13.600 Quadratkilometern etwas kleiner als Schleswig-Holstein, ist ein Kleinod im Nordwesten der Republik Kongo. Die ehemalige französische Kolonie ist im Gegensatz zum Nachbarstaat, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, politisch stabil.

Zu 60 Prozent ist sie von Regenwald bedeckt. Von einem nahezu undurchdringlichen Dickicht aus Mangroven, Palmen, Akazien, Würgepflanzen und Edelholzbäumen wie Teak und Mahagoni. Durch den schon 1935 eingerichteten Nationalpark streifen Leoparden und Büffel, auch ist er eines der letzten Rückzugsgebiete gefährdeter Menschenaffen - Gorillas, Schimpansen und Bonobos. Joseph Conrad setzte ihm einst ein literarisches Denkmal. Doch dieses "Herz der Finsternis" ist gefährdet: Holzdiebe und Wilderer tummeln sich hier.

Vier Gorillas pro Quadratkilometer

Die deutsche Investorin Sabine Plattner, Ehefrau des SAP-Gründers Hasso Plattner, hat am Rande des Odzala-Wildparks eine Konzession für die Errichtung einer Lodge erworben. Betrieben wird das Ngaga-Camp vom südafrikanischen Outback-Profi Wilderness Safaris, ebenso wie eine zweite Lodge direkt im Park. Mit vier Gorillas pro Quadratkilometer gibt es hier die höchste Dichte an Menschenaffen in ganz Zentralafrika. Insgesamt leben etwa 20.000 Flachlandgorillas in der Republik Kongo.

Anders als in Ruanda und Uganda, wo die weniger umtriebigen Berggorillas besucht werden können, sind die Flachlandkollegen im Kongo kaum an Menschen gewöhnt. Damit Begegnungen zwischen Primaten und Menschen für beide Seiten stressfrei ausgehen, müssen Regeln eingehalten werden: So dürfen nie mehr als vier Touristen auf Pirsch gehen, man verweilt nie lange in der Nähe der Affen und hält einen Sicherheitsabstand von sieben Metern ein. Dabei wird ein Mundschutz getragen, damit sich Gorillas nicht mit unseren Krankheiten infizieren. Schon eine Erkältung könnte für sie tödlich enden.

Inzwischen ist es Vormittag, noch immer dringt Tageslicht nur spärlich durchs dichte Blätterdach. Umgeknickte Halme, ein Rascheln im Dickicht, ein Hauch von Gorillaschweiß in der Luft - untrügliche Zeichen ihrer Nähe, flüstert Gabin. Als Fährtensucher kennt der 36-Jährige vom Volk der Mbeti den Clan seit langem. Und die Gorillas kennen ihn.

In der Baumkrone ist gegen das grelle Licht des Himmels zunächst nur ein schwarzes Knäuel zu erkennen, das sich bald als Gorillakind entpuppt. Es sind die Augen, die diese Tiere so vertraut erscheinen lassen. Neugierig, wach, nachdenklich, sich schüchtern hinter einem Blätterbündel versteckend, beobachtet das Gorillababy die Menschengruppe, ehe es von seiner Mutter weggezogen wird. Africus heißt der Einjährige, Ceres seine Mutter. Im Hintergrund knurrt Silberrücken Neptuno, der seine Sippe zur Ordnung mahnt. Als wolle er sagen: "Bleibt cool, ignoriert diese komischen Wesen!"

Fressen, klettern, raufen

Immer mehr Clan-Mitglieder zeigen sich. Lautlos, fast graziös und sehr bedächtig bewegen sie sich in einem Otunga-Baum, essen die feigenartigen Früchte. Abgeerntete Äste fallen krachend zu Boden. Die Anwesenheit der Menschen wird bald übersehen, sie gehen ihren Alltagsgeschäften nach: fressen, klettern, raufen, einander umklammern.

Seit mehr als einem Jahrzehnt wird der Clan erforscht - weshalb man den Primaten auch Namen gab. Verantwortlich dafür ist Magda Bermejo, eine 48-jährige spanische Biologin, die seit 1995 im Kongo forscht. Magda ist das, was die Amerikanerin Dian Fossey ("Gorillas im Nebel") für die Berggorillas war: Bewahrerin, Forscherin, kämpferische Lobbyistin. Doch anders als Fossey, deren Liebe zu den Tieren sie zur Menschenverächterin werden ließ, will Magda die Kongolesen im Kampf um den Erhalt der Gorillas einbinden.

"Der Tourismus ist die vielleicht letzte Chance, um die Flachlandgorillas vor dem Aussterben zu bewahren", sagt Magda, die mit dem Gorilla-Camp zusammenarbeitet und auch dort wohnt. Das Gefühl der Ohnmacht - sie kennt es genau. 2003 brach Ebola in der Region aus. 200 Dorfbewohner starben, aber auch 500 Gorillas, darunter der ganze Clan, den sie damals erforschte.

Magda und ihr Mann German Illera fingen neu an. Die beiden Gorilla-Camps im und am Odzala-Nationalpark sind nicht nur die ersten Luxuslodges der Region, sondern im gesamten Kongobecken. "Nur durch Tourismus wird der Regierung in Brazzaville bewusst, welchen Wert diese einzigartigen Tiere für die Republik Kongo haben", sagt sie. Bisher kämpften die beiden Spanier weitgehend allein. Erst mit Eröffnung der Lodges wächst bei den Politikern das Interesse für Primaten - denn der Tourismus bringt Geld auch in diese vergessene Region.

Gorilla-Watching in der Republik Kongo