Grönland: Zitterpartie auf ewigem Eis - DER SPIEGEL
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Grönland Zitterpartie auf ewigem Eis

Die Kälte macht sich überall breit, von den Füßen über die Beine kriecht sie den Oberkörper hoch. 42 Grad Celsius minus zeigt das Thermometer. In den Westen Grönlands kommen die Urlauber nicht der Sonne wegen. Es sind die Natureindrücke im Eis, die faszinieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kangerlussuaq - Die Sonne strahlt am makellos blauen Himmel. Doch jeder Atemzug schmerzt in der bitteren Kälte. Bei Temperaturen unter 40 Grad Celsius minus bilden sich bereits nach ein paar Sekunden im Freien kleine Eisklumpen an den Wimpern und ein Frostfilm überzieht Gesicht, Mütze und Anorak. Trotzdem landet hier eine wachsende Zahl von Touristen, die überwiegend pauschal knapp vier Tage in unmittelbarer Nähe des gewaltigen Inlandeises der größten Insel der Welt gebucht haben.

Kangerlussuaq - zu deutsch: langer Fjord - ist nur eine wenig ansehnliche Ansiedlung, die aus einem Flughafen und einer Reihe von Wohncontainern aus Blech besteht, die wie zufällig in die eisige Landschaft geworfen wirken. Etwa 600 Einwohner hat der Ort, der am Ende eines 170 Kilometer langen Fjordes im Landesinneren liegt. Doch niemand ist in Kangerlussuaq wirklich zu Hause.

"Hier lebt, wer hier arbeitet", sagt Ida Birch, die beim Tourveranstalter Team Arctic Touristen betreut. In erster Linie wohnten in Kangerlussuaq Menschen, die am Flughafen beschäftigt sind und nach einer gewissen Zeit wieder in belebtere Gegenden Grönlands zurückkehrten.

1941 als US-amerikanische Militärbasis gegründet, wurde Kangerlussuaq rund 50 Jahre später an die grönländische Selbstverwaltung übergeben. Dass sich dieser wenig spannende Ort zu einem der wichtigsten Anlaufpunkte im Westen Grönlands für Einheimische und für Touristen entwickelt hat, hat vor allem mit seiner geografischen Lage zu tun.

"Weil wir so weit im Inland liegen, haben wir das ganze Jahr über ein sehr stabiles Wetter und fast nie Schneestürme", sagt Ida Birch. Der Flughafen ist deshalb zu einem Knotenpunkt für Flüge von und nach Dänemark, Kanada und den Inlandsverkehr in Grönland geworden. Urlauber landen in der Container-Ortschaft 60 Kilometer nördlich des Polarkreises vor allem wegen des Inlandeises.

Kangerlussuaq ist der einzige Ort in ganz Grönland, von dem aus die gewaltigen Eismassen über eine Straße erreicht werden können. Fast zwei Stunden braucht der Geländewagen für die 25 Kilometer lange Fahrt. Schnee und Felsen säumen den vereisten Schotterweg. Misstrauisch beobachten Moschusochsen das Auto, bevor sie lieber die Flucht ergreifen, um in sicherer Distanz unter der Schneedecke nach Futter zu suchen. Im Zickzack läuft ein Polarfuchs die Berge hinauf, die sich zu beiden Seiten des langen Fjordes dahinziehen.

Dann kommen die ersten Gletscher und schließlich das Inlandeis in Sicht. Wie ein festgefrorenes Meer ergießen sich die Eismassen über die Landschaft - nach dem Südpol das zweitgrößte Eiskap der Welt. "660 Kilometer nichts als Eis", erzählt Fremdenführer Bjarne, den Blick nach Osten gerichtet. Bis zu dreieinhalb Kilometer dick sei an manchen Stellen die Eisschicht, die auch im Sommer bei Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad Celsius nur um wenige Zentimeter abschmelze.

Aus der Nähe sehen die einzelnen Eisberge wie grün-graue, leicht transparente Felsblöcke aus. Ein markierter Pfad führt zwischen ihnen hindurch. "Immer auf dem Weg bleiben", warnt Bjarne. Abzukommen sei gefährlich, da es immer wieder von Schnee bedeckte und deshalb nicht zu erkennende Gletscherspalten gebe.

"Für mich als Dänen ist es immer ein Traum gewesen, einmal nach Grönland zu kommen", erzählt Torben Jacobsen aus Odense, als sich die Gruppe nach dem Ausflug ins ewige Eis wieder am Auto trifft. Wie die meisten anderen Touristen hat er ein Pauschalpaket für ein verlängertes Wochenende in Kangerlussuaq gebucht - Freitagmittag bis Montagmittag in der Arktis, dann zurück nach Dänemark.

Seit 1979 sind die Grönländer politisch weitgehend autonom und verwalten sich selbst. Die Verbindungen nach Dänemark sind allerdings nach wie vor sehr eng. Auch der größte Teil der Besucher stammt aus dem nordeuropäischen Land - so wie Torben Jacobsen. Die Kälte mache ihm nichts aus, erklärt er: "Das Wetter ist doch unglaublich schön. Und dass das kein Badeurlaub werden würde, wusste ich vorher", sagt er, zieht die Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht und gießt sich etwas Rum in seinen Tee.

"Zu kalt", befinden dagegen Michiko und Mizuho, Studentinnen aus Tokio, die im Rahmen einer Europareise nach Grönland gekommen sind. "Wir wollten was anderes sehen als die üblichen Sachen", erklärt Mizuho. Natürlich sei ihnen klar gewesen, dass es hier kalt sei, aber so kalt hätten sie es sich doch nicht vorgestellt.

Eigentlich hatten sie das übliche Programm für einen Besuch in Kangerlussuaq geplant, mit einer Tour zum Inlandeis, einer Hundeschlittenfahrt auf dem zugefrorenen Fjord und dem nächtlichen Schauspiel der geisterhaften Polarlichter am Himmel. Doch stattdessen bleiben sie jetzt lieber in der gut geheizten Cafeteria des Flughafens, in dem sich auch das größte Hotel Kangerlussuaqs befindet, und betrachten sich Grönland durch die Fensterscheibe.

Ansonsten schreckt die Kälte allerdings kaum jemanden ab. Mit mehreren Schichten Skiunterwäsche, Pullovern und Socken sowie mit Skianzügen ausgestattet, nehmen die Kurzurlauber zum Beispiel die Spur der Moschusochsen auf. In den sechziger Jahren wurden in der Region von Kangerlussuaq 27 dieser urtümlichen Tiere angesiedelt, die eigentlich aus Illoqqortoormiut im Nordosten Grönlands stammen, wo sie vom Aussterben bedroht waren.

Mittlerweile dürfen die Moschusochsen in begrenzter Zahl auch wieder gejagt werden. Ihr Fleisch gilt besonders in skandinavischen Ländern als Delikatesse, und auch ihr Fell ist begehrt - zum Beispiel als wärmende Unterlage auf den Betten im Eishotel von Kangerlussuaq. Wie ein Riesen-Iglu mit kleinen Ablegern steht die eisige Unterkunft direkt vor dem Flughafenhotel. Nicht nur die Bettgestelle, Sessel und Stühle, auch die Gläser sind hier aus Eis.

Ein paar Grad wärmer als draußen ist es in den kugeligen Räumen zwar, doch ohne warme Kleidung ist es nicht auszuhalten. "Erst hinlegen, wenn man so müde ist, dass man gleich umfällt", hatte Ida Birch geraten. Bei etwa 30 Grad Celsius minus wehrt sich der Körper sonst zu sehr gegen das Einschlafen. Selbst der dicke Polarschlafsack, Schal, Mütze und Handschuhe können dann das große Zittern nicht verhindern.