Guyana Im "Land der vielen Wasser"
Georgetown - Woher nimmt Diane McTurk nur die Kraft? Obwohl Riesenotter Franky heftig grunzt, scheint sie keine Mühe zu haben, ihn im Arm zu halten. Die 74-Jährige betreibt im Urwald von Guyana eine Farm mit einigen Gästezimmern. Der im Norden Südamerikas gelegene Staat hat sich zum Eldorado für Öko- und Abenteuertouristen entwickelt. Diese können in der früheren britischen Kolonie neben zahmen Riesenottern auch die übrige Fauna und Flora des Regenwaldes erkunden, Goldgräberromantik erleben oder christliche Kirchen, Moscheen und Hindutempel bestaunen.
Erst seit Mitte der achtziger Jahre empfiehlt sich Guyana als Ziel für Urlauber. Zuvor lähmten Unruhen und wirtschaftliche Restriktionen den 1966 in die Unabhängigkeit entlassenen Staat. Guyana ist nur geringfügig kleiner als sein ehemaliges Mutterland Großbritannien, hat jedoch weniger als 800.000 Einwohner. Heute gilt das Land als Schmelztiegel der Völker und Religionen, der Nachfahren europäischer Einwanderer und indianischer Ureinwohner, Amerindians genannt.
Zu der Zeit als Guyana weitgehend abgeschnitten von der Außenwelt war, verdiente Diane McTurk ihren Lebensunterhalt mit Viehwirtschaft und Latex-Bäumen. Inzwischen ist der Tourismus zu einem zweiten Standbein geworden. Ab umgerechnet 40 Euro pro Tag können die Gäste bei der Farmerin mit schottischen Vorfahren unterkommen. Dafür gibt es Vollpension, ein schlichtes Bett, Spaziergänge zu Dörfern der Amerindians und Kajakausflüge auf den nahen Flüssen, wo auch die Riesenotter heimisch sind. "Das Leben bei uns ist einfach, Gäste gehören zur Familie", sagt McTurk.
Zum Pflichtprogramm für Tropenfans gehört der Wasserfall Kaieteur am Pataro-Fluss im Landesinneren. Fast 230 Meter fällt der breite Wasservorhang, eingerahmt von üppigen Gewächsen, in die Tiefe. Im Südwesten des Landes liegt der Orinduik-Wasserfall. Hier schäumt das Wasser über Stufen, Terrassen und Jaspis, einen Halbedelstein. Im "Land der vielen Wasser", wie Guyana von den Ureinwohnern getauft wurde, sind Dschungel-Lodges und Farmen mit Gästebetten Vorposten einer nahezu unberührten Flora und Fauna. Massentourismus und Luxus sind weitgehend unbekannt.
Wer vom mystischen Wilden Westen träumt, könnte sich beispielsweise in Bartica wohlfühlen. Das Goldgräber-Nest ist von der Hauptstadt Georgetown aus per Minibus und einer Fahrt mit dem Taxi-Boot auf dem Essequibo-Fluss erreichbar. Staubige Straßen werden von uralten Geländewagen, Pferdekarren und Rum-Shops gesäumt, in denen Goldsucher mitunter abenteuerliche Geschichten zum besten geben. Eine Übernachtung ist schon ab acht Euro möglich.
Weiter im Süden, in Guyanas karger Savanne, erreichen manche Termitenhügel und blühende Agaven nicht nur in den Erzählungen der Goldgräber abenteuerliche Ausmaße. Sie werden beinahe so hoch wie die Flachdachhäuschen der Ureinwohner. "Wir nennen die großen Insekten Guyana-Termiten oder Makushi-Ameisen, das sind besonders kräftige Hügelbauer", erzählt Tommy Kanyon. Er hat ein Häuschen, Frau und viele Kinder in Lethem, im Südwesten der Rupununi Savanne an der Grenze zu Brasilien.
Die wichtigste Stadt im Süden hat knapp 3000 Einwohner und einen kleinen Flughafen. Im Geländewagen ist Lethem von Georgetown aus in 14 bis 20 Stunden zu erreichen. Das Propellerflugzeug braucht nur knapp zwei Stunden. Zwischendurch legen die Piloten mitunter Stopps ein - wenn ein Fluggast dies wünscht und eine Landepiste zur Verfügung steht. Für Ausflüge rund um Lethem dient der "Airport Shop" von Shirley und Don Melville als Erfolg versprechende Info-Börse.
Auch Tommy Kanyon nimmt in seinem alten Landrover gegen Beteiligung an den Bezinkosten oder eine Flasche Rum gern Urlauber auf Fahrten zu Dörfern oder Farmen mit. Der Transportfahrer, Farmer und Goldschürfer erzählt von der Armut im Land: Ein Dorflehrer verdient umgerechnet lediglich 120 Euro im Monat. Hunger muss dennoch niemand leiden. Viele haben ein Gärtchen und Hühner.
Auch mehrtägige Ausflüge mit dem Boot sind in Guyana möglich. Auf dem Essequibo-Fluss tuckern kleine Frachter und schlanke Holzboote mit kräftigem Motor in Nord-Süd-Richtung. Das breite Gewässer hat unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 300 und 1000 Inseln. Die unbestritten größte davon, nahe der Mündung ins Karibische Meer, hat mindestens die Ausmaße des nahe gelegenen Ferieneilands Barbados.
Von der Flussmündung aus ist es nur ein Katzensprung bis nach Georgetown. Dort faszinieren mehrgeschossige Holzhäuser aus der Kolonialzeit und eine anglikanische Kathedrale, die mit 45 Metern zu den höchsten Holzkirchen der Welt zählt. Einen Besuch sind auch die bunten Tages- und Nachtmärkte im Zentrum wert. Allerdings sollten Besucher einige ärmere Stadtteile Georgetowns selbst tagsüber meiden.
In Georgetowns Umland, dem fruchtbaren Küstengürtel, wechseln sich üppige Bananenhaine, Reisfelder und Viehweiden mit Dörfern ab, aus denen Hindutempel, Moscheen und Kirchtürme ragen. Die Menschen, die hier leben, haben ihre Wurzeln in Afrika, Indien, China, Portugal, Großbritannien und Südamerika. Als Amtssprache hat sich Englisch durchgesetzt - wie nirgendwo sonst in Südamerika. Besucher können sich selbst im Urwald damit verständigen, wo ansonsten verschiedene indianische Dialekte gesprochen werden.
Von Bernd Kubisch, gms