Hai-Fütterung Häppchen statt Köder
Von Zwischenfällen mit Haien erfährt die Welt meist sofort. Dass viele der Tiere in ihrem Bestand gefährdet sind, wissen jedoch nur wenige Menschen.
Riesenhaie enden als Beifang in Fischernetzen, asiatische Fangflotten schneiden im Auftrag von Feinschmeckern Haien bei lebendigem Leib die Flossen ab, bevor der Fisch verstümmelt wieder ins Meer geworfen wird.
Selbst Sportfischer hatten regional fast für haifreie Zonen gesorgt, so etwa auf den Bahamas. Die zwei Meter langen Riffhaie machten zwar beim Vermessen am Haken mächtig Eindruck, Tierschützer aber warnten vor der dauerhaften Zerstörung des Biotops Korallenriff. Letztendlichen Ausschlag für ein weitreichendes Angelverbot von Haien auf den Bahamas gab jedoch ein knallhartes wirtschaftliches Kalkül. Man rechnete der Regierung vor, wie viel Einnahmen und Steuern dem Land entgingen, falls die Großfische keine Sporttaucher mehr anlocken würden. Dieses Rechenexempel ersparte den karibischen Riffhaien nicht nur den Tod am Angelhaken, sondern machte das kontrollierte Haifüttern zur Attraktion für Taucher.
Mit PADI greift nun einer der weltweit agierenden Tauchsportverbände die Idee auf. Längst ist das Problem nicht mehr nur auf die Karibik beschränkt, so Kurt Amsler, der für das PADI Naturschutz-Projekt A.W.A.R.E. verantwortliche Mitarbeiter. Der Schweizer warnt: "Haie sind in allen Weltmeeren bedroht".
Tauchschulen und -basen in tropischen Regionen sollen nun helfen, dass die Raubfische ihr schlechtes Image verlieren. Hobbytauchen ist ein Breitensport geworden, und für die meisten Sporttaucher zählen Haibegegnungen zu den Höhepunkten im Taucherleben. Mit organisierten Fütterungen unter Wasser wird jetzt bewiesen, dass Haie keine alles verschlingenden Bestien sind, sondern überaus elegante Raubfische, die es zu schützen lohnt.
Einer, der das seit Jahren praktiziert, ist Stuart Cove. Seine Tauchbasis in der Nähe von Nassau auf den Bahamas hat das Spektakel mit den Haien perfektioniert. Jeden Tag fährt ein Boot mit Tauchern zur etwas anderen Fütterung der Raubtiere hinaus. Auf einer Sandfläche in zwölf Meter Tiefe knien die Taucher im Halbkreis, während ein Tauchlehrer vor ihren Augen Happen an zwanzig bis dreißig Riffhaie verteilt.
"In den ganzen Jahren, in denen wir das schon machen", so Stuart Cove, "hat es nie einen Zwischenfall mit unseren Gästen gegeben." Ervin Moss aus der Crew von Cove weiß: "Die Haie interessieren sich nur für den mitgebrachten Fisch. Selbst wenn man sich in den Finger geschnitten hätte, würden sie das ignorieren." Diesen Umstand wissen auch Filmproduzenten zu schätzen. Gavin McKinney, auf Nassau geborener Unterwasser-Kameramann und bei mehreren James-Bond-Filmen als Double für 007 im Einsatz, schätzt die Haie als Filmpartner.
"Die Haie," sagt McKinney mit einem verschmitzten Lächeln, "haben weniger Marotten als so mancher Filmstar". Mit kleinen Leckerbissen wurden die Räuber mit den Flossen zuletzt für das Remake von "Charlie's Angels" ("Drei Engel für Charlie") von Stuart Cove vor die Kameras gelockt.
Auch in der Südsee stehen Haie im Mittelpunkt des Taucherinteresses. Vor Rangiroa, einem Atoll bei Tahiti, gibt es die wahrscheinlich größte Ansammlung von Riffhaien weltweit. Eine der Stellen, an denen der Korallenring des Atolls durchbrochen und die Lagune mit dem Pazifik verbunden ist, wird vielsagend als Kanal der 500 Haie' bezeichnet. Ob es nun tatsächlich 500 oder nur 250 sind - der Abstieg am Avatoru-Paß wird für jeden Sporttaucher unvergesslich. Binnen weniger Minuten versammeln sich dort in dreißig Meter Tiefe so viele Haie, dass man kaum noch blaues Wasser zu erkennen glaubt.
Didier Vogel, Elsässer und seit Jahren als Tauchlehrer auf der Basis "Raye Manta Club" in Französisch Polynesien: "Wir füttern hier sehr kontrolliert, um eine Begegnung mit den Haien herbeizuführen. Schaden nehmen die Tiere oder ihr Lebensraum dadurch nachweislich nicht. Nach einem solchen Tauchgang ist bei den Sporttauchern aber ein ganz anderes Bewusstsein im Verhältnis zu den Haien vorhanden. Das Image des blutrünstigen Killers geht schlagartig verloren und in gleichem Maße wächst die Bereitschaft, Haie zu schützen."
Standen Naturschützer dem Füttern der Haie früher skeptisch gegenüber, hat es sich heute als geeignete Maßnahme entpuppt, für den Schutz der eleganten Raubfische zu werben. Die Sporttaucher freut's, und die Haie sicher auch.