Haifa: Wohnwagen mit Meeresblick - DER SPIEGEL
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Haifa Wohnwagen mit Meeresblick

Vor 25 Jahren parkte Lebenskünstler David seinen VW-Bus direkt am Meer in Haifa. Heute ist das Gefährt fester Teil des Strandbildes – er liebt seine Wahlheimat trotz Hizbollah-Raketen und Polizisten, die nach Haschisch suchen.
Von Hannes Alpen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich dachte, der Himmel bricht über uns zusammen, als die Raketen aus dem Norden auf uns einprasselten", erinnert sich David an den Krieg zwischen Israel und der Hizbollah im Sommer letzten Jahres. "Viele Raketen fielen ins Meer, aber wenn sie das Festland trafen, war der Lärm unerträglich. Eine schlug nur fünfzig Meter von hier ein!" David ist ein jüdisch-amerikanischer Lebenskünstler, den es nach Woodstock über Umwege nach Haifa verschlug. An der Südspitze der Haifabucht, nur wenige Meter vom Wasser, parkte er seinen VW-Campingbus. Das war vor 25 Jahren. Nach mehreren Stationen in anderen Teilen Israels lebt er nun seit acht Jahren wieder in Haifa.

Ein Ofenrohr steht schief aus der offenen Tür, eine Solarplatine liefert Strom. David scheint zufrieden mit dem Leben. Er arbeitet in dem nahe gelegenen Rambam-Krankenhaus im Drogenentzug, eine andere Bleibe als sein Camp am Wasser kann er sich nicht vorstellen: "Ich brauche das Meer. Oft sitze ich einfach nur vor meinem Wagen und schaue aufs Wasser. Manchmal bekomme ich Gesellschaft von einem alten deutschen Freund, der vor Jahren hier eingewandert ist. Er bringt immer ein Bier, und wir lassen das Meer auf uns wirken – sprechen brauchen wir nicht viel".

Containerschiffe schieben sich langsam in die Bucht in Richtung Hafen, Kitesurfer ziehen ihre Bahnen, um ab und an mit waghalsigen Sprüngen dem Gesetz der Schwerkraft zu entfliehen.

Der Krieg machte Haifa in der Welt bekannt

David schätzt vor allem die Toleranz, die in Haifa herrscht. Hier mache ihm keiner Vorschriften, wie er zu leben habe. Stress mit der Polizei gab es bisher nur selten. "Wegen meines Camps am Wasser hat die Polizei eigentlich nie Probleme gemacht. Nur während des Krieges im Sommer kamen die vorbei, weil sie Haschisch bei mir vermuteten. Das war schon verrückt, da schlagen die Raketen ein, man fürchtet um sein Leben, und dann belästigen die einen mit so etwas. 'Wer ist hier der Feind?', habe ich mich da schon gefragt".

Der Krieg war es auch, der Haifa in der Welt bekannt machte. Immer wieder wurde spekuliert, dass die Stadt zum Ziel von Katjuscha-Raketen der Hizbollah werden könnte, doch niemand hatte bis zuletzt daran geglaubt. Die Stadt rühmt sich gern als vorbildlich im Zusammenleben mit dem relativ hohen Anteil arabischer Einwohner von zehn Prozent. Im Krieg wurde sie primär aufgrund ihrer strategischen Ziele anvisiert. Neben dem Containerhafen sind in der Haifabucht Öl- und Chemieindustrie angesiedelt.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Mandatsmacht Großbritannien die Stadt durch eine Pipeline mit den Erdölfeldern im Irak verbunden, um das Öl dann über das Mittelmeer zu verschiffen. Ebenfalls trieben die Briten den massiven Ausbau des Hafens voran. Während einst die Stadt Akko an der Nordspitze der lang gezogenen Haifabucht der wichtigere Hafen war, wuchs die Bedeutung Haifas mit dem Aufkommen der Dampfschiffe, für die der Hafen von Akko zu klein wurde. Heute umfasst der Hafen einen Container-, einen Fischereihafen sowie ein Passagierterminal. Außerdem beherbergt er Israels Marineflotte.

Der weiträumige Hafen und die ihm angegliederte Industrie prägen das Stadtbild. Während in anderen Städten am Meer die Wassernähe über den Preis von Immobilien entscheidet und meist Villen und Hotels den Küstenstreifen belegen, ist dieser in weiten Teilen Haifas durch den Hafen verbaut und oft gar nicht zugänglich. Trotzdem ist das Meer in der Stadt allgegenwärtig. Verantwortlich dafür ist der Karmelberg, der sich vom Inland bis an die Küste erstreckt. Haifas Hafen schmiegt sich in die Bucht, die sich im Schutz des Berges nach Norden hin ausdehnt. Die Stadt aber mit ihren fast 300.000 Einwohnern erstreckt sich über den Karmel bis an den südlichen Teil der Küste, die gerade weiter nach Tel Aviv verläuft.

Die besondere Wohnlage am Hang oder auf dem Berg verschafft sehr vielen Einwohnern den Blick aufs Meer, das die Stadt zu zwei Dritteln umschließt. Die besondere Topographie führt auch dazu, dass es in Haifa nicht ein, sondern mehrere Stadtzentren gibt. Wer aus Downtown in das auf dem Berg gelegene Karmelzentrum möchte, kann Israels bisher einzige Untergrundbahn, die "Carmelit", nutzen, die ähnlich einer europäischen Bergbahn den Gast nach ein paar Stationen auf dem Berg befördert. Der beeindruckendere Weg führt aber zu Fuß durch die Gärten der Bahai.

Die Hightech-Industrie bestimmt die Wirtschaft - in Haifas "Silicon Valley" wurden Pentium-Chip und Centrino-Laptop erfunden

Ihre 18 Terrassen sind symmetrisch zu dem Tempel der Bahai hin angeordnet, der das Grab des Bab, des Wegbereiters des Bahaismus, beherbergt. Saijid Ali Muhammad, genannt "al-Bab" (das Tor), fand im Jahre 1909 in Haifa seine letzte Ruhestätte. Seither ist die Stadt zum Pilgerort der weltweit etwa sieben Millionen Bahai geworden. Die Religion, die von einem der führenden Anhänger des Bab, dem Baha'u'llah, im Jahre 1863 gegründet wurde, ist eine Abspaltung der Schia, dessen Anhänger bis heute im Iran verfolgt werden.

Die vom kanadischen Stararchitekten William Sutherland Maxwell entworfenen Gärten erstrecken sich über die Länge von einem Kilometer bis auf eine Höhe von etwa 250 Metern über dem Meer. An ihrem höchsten Punkt schweift der Blick über den Hafen entlang der Bucht bis nach Akko. Bei klarer Sicht kann man von hier selbst den Kreidefelsen Rosh Hanikra in der Ferne funkeln sehen. Direkt dahinter beginnt der Libanon.

Während Jerusalem das religiöse und politische Zentrum Israels bildet und Tel Aviv als Wirtschaftsmetropole und Partystadt bekannt ist, gilt Haifa wegen ihres Hafens und ihrer Schwerindustrie als bodenständige Arbeiterstadt. Doch dieses Bild stimmt nur noch bedingt. Mittlerweile ist die Hightechindustrie zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor geworden. Ein Blick auf dieses neue Haifa ergibt sich auf dem Weg vom Karmelberg der malerischen Freudstraße folgend, die sich am Südhang des Karmel bis hinunter ans Meer schlängelt. Hier befindet sich das "Silicon Valley" Haifas. Angezogen durch Israels einzige technische Universität, das Technion, haben sich hier namenhafte Firmen wie Intel, Microsoft, Philips und jüngst auch Google niedergelassen. Intel verdankt seinen Erfolgsgaranten, den Pentium-Chip, und das Laptop-Pendant Centrino dem Entwicklungsbüro in Haifa.

"Noch zwei Tage und wir bekommen hier super Wellen!"

"Ich kenne einen Kerl, der im Hightech-Park arbeitet und vor der Arbeit noch surfen geht", bestätigt Rauf ein Lebensmodell, das mit der Vorstellung vom alten Haifa nichts mehr zu tun hat. Der 28-Jährige ist Sohn einer Holländerin und eines christlichen Arabers und ein klassischer Beachboy. Sein Vater und dessen zwei Brüder besitzen ein Restaurant direkt an der Strandpromenade. Das Gebäude sei seit einer Ewigkeit in Familienbesitz, erzählt Rauf. Früher war es eine Töpferei. Sehr viel lukrativer gestaltet sich aber der Restaurantbetrieb. Auf der Strandpromenade, die sich vom südlichen Stadtrand über zwei Kilometer bis zum einzigen Strandhotel "Le Meridien" erstreckt, trifft sich die Stadt zum Joggen, Spazieren, Picknicken, Schwimmen und Surfen.

Rauf steht auf dem Flachdach seines Hauses und hält den Finger in den Wind: "Noch zwei Tage und wir bekommen hier super Wellen!" Im Winter jobbt er im Restaurant der Familie, im Sommer arbeitet er als Rettungsschwimmer in einem der hölzernen Ausguckstürme. Hauptsache, das Meer ist immer im Blick. Es ist Sabbat, und mehr und mehr Menschen zieht es ans Wasser. Ein paar Jugendliche scharen sich auf einer Rasenfläche um eine Wasserpfeife, im Schatten unter Sonnenschirmen sitzt eine Gruppe älterer Herren und spielt "Scheschbesch", eine Variante des Backgammons. Es gibt viele Erklärungen für den Ursprung des Namens der Stadt Haifa, eine ist die Ableitung aus dem hebräischen Chof yafeh. Und das bedeutet schlicht "schöner Strand".