Hakuna Matata Kenia buhlt um Touristen
Es ist stockdunkel in der Lehmhütte. Nur durch ein paar winzige Löcher in den Wänden fällt etwas Licht herein. Die Einrichtung ist karg - zwei Schlafplätze mit Rinderfellen als Unterlage, in der Mitte eine kleine Feuerstelle. Moses ist hier zu Hause. Der junge Massai steht in der Hütte und erzählt in fließendem Englisch vom Leben in seinem Stamm. Er genießt es, endlich wieder Gäste zu haben. Seit Monaten war kein Besuch in seinem Dorf.
Was ganz Kenia erschüttert hat, war auch an diesem entlegenen Ort im Süden des Landes spürbar: Nach den Unruhen rund um die Präsidentschaftswahlen im Dezember blieben die Touristen weg. Nun ist eine neue Regierung im Amt, die Aufruhr ist weitgehend überwunden, doch die ausländischen Gäste lassen auf sich warten.
Heftiger Einbruch in der Tourismusbranche
Der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen des ostafrikanischen Landes, ist nahezu komplett eingebrochen. Viele ausländische Investoren haben sich zurückgezogen. Das Auswärtige Amt schwächte zwar die Sicherheitshinweise für das Land Ende Februar wieder ab. Dennoch haben die blutigen Unruhen eine nachhaltig abschreckende Wirkung auf den Tourismus. Die Auslastung der Hotels in Kenia betrug im März nach Auskunft des Tourist Boards 10 bis 15 Prozent. Vor dem umstrittenen Ausgang der Präsidentenwahl im Dezember 2007 habe sie 90 bis 100 Prozent betragen.
Dabei gibt es in dem ostafrikanischen Staat am Äquator viel zu entdecken: dichte Wälder, weite Savannen, beeindruckende Wildnis, weiße Strände unter Palmen und eine farbenfrohe Kultur.
Auf einer Holzstange in Moses Hütte hängen zusammengeknüllt eine grüne Hose und ein gelbes Hemd. "Meine Schuluniform", sagt der 22-Jährige stolz. Den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne, mit dem sein Volk seit Jahrzehnten kämpft, durchlebt auch er jeden Tag: Morgens geht er in Uniform zur Schule und hütet nachmittags im traditionellen Stammesgewand das Vieh. Draußen vor seiner Hütte brennt die Sonne auf die rote Erde. Dutzende Kinder tummeln sich zwischen den Lehmhäusern. Alle tragen kreisrunde Zeichen auf der Stirn und den Wangen, ihr Stammeszeichen. Die Massai sind der bekannteste von mehr als 40 Stämmen in Kenia. Im ganzen Land leben 350.000 bis 500.000 von ihnen, in Moses' Dorf sind es etwa hundert.
Elefanten mit Schlammpackung
Nur wenige Kilometer entfernt erstreckt sich der größte Nationalpark des Landes: der Tsavo-East- und der Tsavo-West-Nationalpark mit zusammen von mehr als 20.000 Quadratkilometern Fläche. Der westliche Teil des Parks ist eine weitläufige Savannenlandschaft. Die Tour im Jeep führt über staubige Lehmpisten.
Zebras, Giraffen und Antilopen durchstreifen das Gelände, ab und zu kreuzt eine riesige Büffelherde den Weg und wirbelt die rote Erde zwischen den Büschen auf. Löwen, Affen, Nashörner, Flusspferde, Strauße und zahllose Vogelarten sind zu sehen. Berühmt ist der Park auch für seine "roten Elefanten", die ihre Farbe einer regelmäßigen "Schlammpackung" mit der rotbraunen Erde verdanken.
Mehr als 60 Nationalparks und Reservate hat Kenia insgesamt - mal mit einer Savannenlandschaft wie in Tsavo, mal mit dichtem Wald wie im Aberdare-Nationalpark weiter nördlich. Etwa zehn Prozent der Landesfläche stehen unter Naturschutz. Selbst die Hauptstadt Nairobi hat ihren eigenen Nationalpark. Südlich der Stadt liegt er gerade mal sieben Kilometer von der City entfernt.
Mombasa: Erinnerungen an bessere Zeiten
Einen starken Gegensatz zum Inland bietet die kenianische Küste - mit weißen Stränden, Kokospalmen und türkisblauem Wasser.
Insbesondere der südliche Küstenabschnitt rund um Diani Beach ist bei Badeurlaubern beliebt. Rund 40 Kilometer davon entfernt befindet sich Mombasa, die zweitgrößte Stadt Kenias. Die Innenstadt liegt auf einer Insel und ist nur per Fähre zu erreichen. Über dem Wasser erhebt sich Fort Jesus, das wichtigste Wahrzeichen der Stadt. Rund um die alte Festung ziehen sich die Gassen der Altstadt, die viele ausländische Einflüsse aus der Geschichte widerspiegeln. Hier mischen sich britische Kolonialbauten mit indischen Baustilen und arabischen Details. Der weiße Putz bröckelt mittlerweile von vielen Häusern, doch die Rundbögen, verzierten Metalltore und holzgeschnitzten Türen erzählen von besseren Zeiten.
Die Arbeitslosigkeit in Kenia ist hoch. Der Tourismus ist ein wichtiger Markt für das Land. Entsprechend hart hat die Menschen die Flaute nach den politischen Unruhen getroffen. Egal ob Hotelangestellte, Taxifahrer oder Obstverkäufer - alle schimpfen nun auf die Politik. "Die haben es versaut", wettert ein Hotelbesitzer aus dem Süden des Landes. Die Politiker hätten die Wahlergebnisse, die Koalitionsverhandlungen und die Kabinettsbildung torpediert und verzögert. Das sei der Grund für die Widerstände im Land gewesen. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt, das neue Kabinett steht, und die Proteste sind abgeebbt.
Keine Hektik während der Rushhour
Auf den Straßen quer durch das Land zeigen sich immer wieder die gleichen Bilder. In den Städten drängt sich der Verkehr dicht an dicht. Zahllose Kleinbusse fahren durch die Gegend, die sogenannten matatus, die statt Bahnen und regulären Bussen die öffentliche Beförderung übernehmen. Viele Menschen sind zu Fuß unterwegs. An den Straßenrändern grasen Rinder oder Ziegen, und überall sind kleine Verkaufsstände zu sehen - mal mit Obst und Gemüse oder gegrillten Maiskolben, mal mit Kohlesäcken oder Kieshaufen.
Auch die Uhren drehen sich in Kenia anders. Alles dauert etwas länger, Pläne kommen schnell durcheinander. "Pole, pole", heißt es dann, was auf Kisuaheli so viel bedeutet wie "immer mit der Ruhe".
Selbst beim Überqueren einer viel befahrenen Straße verfallen die Kenianer nicht in Hektik, sondern gehen aufrecht und stolz ihres Weges. Nicht umsonst lautet der häufigste Ausspruch in Kenia "Hakuna matata!" - "Kein Problem."
Christiane Jacke, ddp