Halbinsel Krim: Ballermann am Schwarzen Meer - DER SPIEGEL
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Halbinsel Krim Ballermann am Schwarzen Meer

Karaoke-Zelte, Schießbuden, Strandpartys: Die Südküste der Halbinsel Krim ist ein Rummelplatz für Reisende. Im Norden der Insel hingegen genießen Urlauber die Einsamkeit zwischen Abermillionen von Muscheln.
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Schon die Zaren wussten die Vorteile der Krim zu schätzen: Im mediterranen Klima der Insel im Schwarzen Meer ließen es sich Mitglieder der Herrscherfamilie gut gehen. Kureinrichtungen und Sanatorien zeugen noch heute vom glanzvollen Tourismus des russischen Kaiserreichs und der Sowjetzeit.

Hierzulande verbindet man die Krim in erster Linie mit Sekt. "Das Wissen der Deutschen über die Halbinsel ist sehr beschränkt", sagt Tilo Lamm, der in Berlin Aktivreisen auf die "Sonneninsel im Schwarzen Meer" anbietet. In der Hauptreisezeit bis September zieht es die Gäste zu den geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten an der vom Krimgebirge geschützten Südküste. Die weiten Steppen der nördlicheren Gegenden werden vom Rummel verschont.

Lamm bringt mit seinem Unternehmen Biss-Reisen seit Mitte der neunziger Jahre deutschen Touristen bei Wandertrips oder auf dem Rad die vielfältige Landschaft und die historischen Wurzeln der Region näher, die schon die alten Griechen besiedelten. Spätestens seit der "Orangenen Revolution" im Jahr 2004 steige das Interesse an der Ukraine auch jenseits der GUS-Staaten, beobachtet er.

Auch beim größten Reiseveranstalter für Krimreisen in Deutschland, Dertour, werden seit Jahren immer mehr Trips gebucht. Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben der ukrainischen Tageszeitung "Denh" rund 2,2 Millionen Gäste auf die Krim, darunter allerdings nur 120.000 Deutsche. Innerhalb von knapp zwei Tagen ist die Krim mit einem Bummelzug von Berlin aus erreichbar.

Jalta mit Umgebung ist der stärkste Touristenmagnet. Der Kurort gilt als der Ballermann der GUS-Staaten. Ein bunter Saum aus Ständen mit Souvenirs der Krimtartaren, Schießbuden, den besonders gefragten Karaokezelten, rostigen Fahrgeschäften und ukrainischen "Hau-den-Lukas"-Varianten versperrt die Sicht auf das anbrandende Meer. Die Gischt im schummrigen Licht der Laternen an der Betonpromenade nutzen "Kurgäste" als Kulisse für romantisch-kitschige Urlaubsporträts. Aufgebrezelte Urlauberinnen mit hohen Wangen und langen Beinen - Minirock und Stilettos sind Pflicht - flanieren in steifer Haltung, Männer in Netzhemden bewältigen den Trubel, zwei Liter fassende Bierpullen fest im Griff.

Das ausgeprägte Jahrmarktflair lässt nur wenig von der geschichtlichen Bedeutung des Ortes erahnen: Im Jahr 1945 erkor Stalin den Liwadija-Palast, als Sommerresidenz des letzten Zaren, für die berühmte Kriegskonferenz.

Entsprechend der wahrgenommenen Exklusivität sind die Preise hoch. 120 Euro für ein Doppelzimmer sind selbst in der Nebensaison keine Seltenheit - und das in einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen nach offiziellen Angaben bei rund 300 Euro liegt. Der 43-jährige Anatolij Lakhno, der seit vier Jahren Touristen in seinem alten Mercedes-Minibus über die Insel karrt, spricht von einer Preisexplosion. Er hat Glück: In seinem Job verdient er gut.

Muschelmassen am Strand

Im Nordosten am Asowschen Meer erschließt sich eine gänzlich andere Welt. An der Arabatska Strilka etwa, einer über 100 Kilometer langen und teils nur wenige Meter breiten Landzunge, die von der Krim bis ans Festland reicht, herrscht melancholische Einsamkeit. Kräftiger Wind und sengende Sonne spielen ein tückisches Spiel. Der Strand des Nests Soliane, das nach zehn Kilometern Strecke auf dem sandigen Streifen Land zu erreichen ist, ist menschenleer. Immerhin ist man in Gesellschaft von Abermillionen kleiner Muscheln. Einzigartig.

Im Norden der Krim wird auch die Geldbörse geschont. Für umgerechnet zehn Euro pro Person ist ein Unterschlupf in der einzigen Pension am Ort zu finden. Natascha und Tatjana, die sich herzlich um ihre einzigen zwei Besucher kümmern und für das Frühstück mal 3, mal 2,50 Euro nehmen, berichten: "Während der Hauptsaison haben wir täglich 60 Gäste." Die Spinnweben an den Lehnen der Stühle in ihrem kleinen Restaurant vermitteln ein anderes Bild.

Siesta im Norden, Fiesta im Süden

Die letzte Fassade einer ehemaligen Salzfabrik lässt erahnen, dass hier einst Menschen hart zu Werk gingen und dem sehr salzhaltigen See Sivash, dem "Faulen Meer", auf der anderen Seite der Landzunge die Kristalle in industriellen Mengen abtrotzten. "Heute leben nur noch rund 80 Menschen hier", weiß Diman aus Kiev, der als Großstädter im Urlaub Menschenansammlungen lieber aus dem Weg geht. Beim Spazieren durch das verfallende Dorf über unbefestigte Staubwege lässt sich nur ein einziger Mann im Garten vor seinem hutzeligen Haus blicken. Vor dem Zaun hält ein flauschiger Mischlingshund Siesta. Die Hot-Spots der Südküste sind vom Norden aus gesehen Lichtjahre entfernt.

Stefan Robert Weißenborn, ddp