Halbzeitbilanz Schlaglöcher und Solarturbos
Die erste Hälfte der Reise ist geschafft: Nach genau 21.359 Kilometern schieben wir das Solartaxi in Fremantle bei Perth in einen Container und beginnen unsere nächste zweiwöchige Pause. Seit genau acht Monaten sind wir auf der Strecke und noch immer haben wir keine Minute gezweifelt, dass wir es schaffen. Doch noch liegen mindestens 25.000 Kilometer quer durch den Fernen Osten, Nordamerika und Westeuropa vor uns, vielleicht auch mehr, und nochmals gut 20 Länder.
In Perth ist vorerst Schluss, doch Däumchen drehen ist nicht angesagt. Stattdessen: Zehn Termine, darunter sieben Video-Präsentationen innerhalb von 60 Stunden, ein neuer Rekord. Wir waren eingeladen beim Royal Australian Automobil Club, zusammen mit der Gesellschaft für Erneuerbare Energien.
Vor kurzem noch war es undenkbar, dass zwei so unterschiedliche Vereine gemeinsam einen Frühstücks-Talk durchführen. Wie sich die Zeiten ändern. Heute genügt ein Blick in die Zeitung, um die neue Weltordnung zu verstehen: Der Ölpreis hat die 109 US-Dollar-Marke erreicht. Wer wagt da noch einen Blick nach vorne, wie die Welt in ein paar Jahren aussehen wird, mit einem Ölpreis, der bei schrumpfenden Vorräten und steigender Nachfrage einfach den Gesetzen der Logik folgt und steigt und steigt?
Hitliste der Überraschungen
Ich wage lieber einen Blick zurück. Die Reise verlief bisher voller Überraschungen. Kaum etwas verlief so, wie wir es uns eigentlich vorgestellt hatten. Dass es ein Land gibt, wo sich kein Mensch nach dem Solartaxi umdreht? Unmöglich! Doch das gibt's im Libanon! Und das Land mit der (subjektiv gefühlten) größten Akzeptanz für kleine Elektroautos muss wohl in Europa sein? Fehlanzeige, ganz klar Indien, gleichzeitig das Land mit den meisten Staus, der größten Armut und den meisten Verkehrstoten, 100.000 pro Jahr.
Das Land mit den meisten Geschwindigkeitskontrollen war auch das, wo sich die Leute praktisch nur für meinen "Top-Speed" interessierten: Australien. Die kooperativste Regierung, die uns 24 Stunden lang eine Polizeieskorte und eine 24-Stunden-Hotline zum Minister eingerichtet hatte, fanden wir ausgerechnet im sonst so gefürchteten Syrien.
Draht-Kapper und sprudelnde Ölquellen
Und auf der ganzen Reise fanden wir nur zwei Länder, die eine ganze Bürokratie für die Straßenverkehrszulassung für das Solartaxi in Bewegung setzten: Neuseeland und Australien, wo die Straßen am leersten sind. Und wo wurden dem Solartaxi des nachts die Drähte durchgeschnitten? Nein, nicht in einem Erdölstaat, sondern im allgemein sehr friedlichen Königsstaat Jordanien.
Dass Schlaglöcher die Reise zur Qual machten, erlebten wir übrigens nicht nur in Indien, sondern auch in der EU, in Ungarn und Bulgarien. Und die meisten begeisterten Zeitungsberichte übers Solartaxi fanden wir ausgerechnet in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo das Erdöl nur so sprudelt.
Das Land, wo die Nutzung der Solarenergie am populärsten ist? Nein, nicht Deutschland, sondern die Türkei. Fast jedes Hausdach nutzt die Sonne für Warmwasser. Und wo ist die Solarenergie am wenigsten verbreitet? Ausgerechnet in den Sonnenländern Saudi-Arabien und Australien. Das Land, in dem das Solartaxi unzählige Male von der Polizei aus lauter Neugier gestoppt wurde, war die Türkei. Und wo die Polizei uns fast nicht fahren ließ, obwohl alles legal war: Australien.
Überall, ob arm oder reich, Erdöl oder nicht - das Thema ist ins Bewusstsein der Menschen vorgedrungen. Ob man es glauben will oder nicht: Erst hier in Perth habe ich erstmals eine Passantin getroffen, die behauptete, die von Menschen gemachte globale Erwärmung gäbe es nicht. Allein, dass überhaupt jemand hier über die Klimaerwärmung redet, ist schon eine beachtliche Leistung.
Konkrete Schritte sind gesucht
Ein Umdenken auf globaler Ebene war vor kurzem noch unvorstellbar. Doch auch wenn es die ganze Menschheit nun weiß, dass das Klima kippt: Noch fehlt eines an allen Ecken und Enden an einem: Wo sind die konkreten Schritte zur Reduktion der Treibhausgase? Wenn immer ich Politiker, Leader und Wissenschaftler danach frage, so sind die Antworten gespickt mit den Wörtchen "wir sollten... wir müssten... wir könnten... wir wissen". Das ist das Einzige, was mich bisher wirklich erschreckt und besorgt.
Auch das Projekt Solartaxi hat zur Halbzeit nun weitere Weichen für die Zukunft gestellt: Zukunftsfähige und bahnbrechende Projekte, die während der Reise durch unsere Besuche entstanden sind, sind in der Pipeline.
Doch vorerst ist das Solartaxi nun auf Hoher See und das Team macht mal Pause. Wir melden uns gegen Ende Monat wieder aus Singapur.