Hawaii Hula und Hightech
"Die lieblichste Flotte von Inseln, die jemals in einem Ozean vor Anker ging", schwärmte Mark Twain über das Hawaii-Archipel, auf dem er 1866 mehrere Monate lang als Reporter arbeitete. Doch der Anflug auf Honolulu lässt Träumereien vom Südseeparadies wie eine Seifenblase zerplatzen: Schwarzgraue Regenwolken kleben an den zackig-grünen Berghängen, ein Regenbogen überspannt Hochhäuser aus Glas und Stahl, Ölbunker, Raffinerien und Container.
Am Flughafen verteilt James "Bernie" Bernholz seine Visitenkarten. "One shot, one kill", wirbt der Sergeant darauf für seinen privaten Sicherheitsdienst, der offenbar lukrativer ist als die Anstellung bei der US-Army. Wenige Meter weiter begrüßen Polynesierinnen in grünen Baströcken eine Reisegruppe. Die vollschlanken, nicht immer ganz jungen Damen recken sich bis auf die Zehenspitzen, um den groß gewachsenen Gästen aus Europa, Japan und vom Festland der USA gelbe Blumenketten umzulegen. "Aloha", wünschen die Südsee-Schönheiten, willkommen auf Hawaii.
Jedes touristische Klischee findet seinen Kontrast im Alltag des Inselstaats. Auf dem Highway wird gefrühstückt: Den Kaffeebecher, ein fettiges Muffin-Brötchen oder ein Sandwich in der Hand, drängeln sich die Fahrer der Trucks, Laster und Limousinen Richtung Waikiki. Im Traumziel der Tourismusstrategen, in den sechziger Jahren auf dem Reißbrett erdacht und auf einst unwirtlichem Sumpfland erbaut, ragen Hochhäuser dicht an dicht in den Himmel, bummeln Gigolos mit Goldkettchen und Sunnyboys mit Surfbrettern am Strand entlang. Über ihnen warnen alle paar Meter digitale Solar-Uhren: sieben Minuten bis zum Sonnenbrand.
Perfektion am Tag, Idylle am Abend. Während die Kapelle "Red Sails in the Sunset" intoniert, weißbefrackte Ober auf den Strandterrassen die ersten Cocktails servieren, starren alle Augenpaare auf das Farbenspiel des Sonnenuntergangs, dem grandiosen Finale jedes Urlaubstages auf Hawaii. Im Garten der "Pink Lady", des Royal Hawaiian Hotels, gart langsam ein Schwein in der Imu, einer mit Lavagestein und Kiawe-Holz ausgelegten Erdgrube. Frauen in Mumuus, langen, wallenden Baumwollgewändern, bereiten gemeinsam das Gemüse vor. Der Eintritt zum polynesischen Festgelage: mehr als hundert Dollar.
Mehr Authentizität im Kochtopf strebt Maître Peter Merriman an. Zusammen mit elf Spitzenköchen der Nachbarinseln gründete der Österreicher den Verband "Hawaiian Regional Cuisine". Seitdem werden alle Zutaten nicht mehr bei den großen Lebensmittelkonzernen gekauft, sondern frisch von einheimischen Bauern, Kleinbetrieben und Kooperativen. Die Rückbesinnung auf die Regionalküche trifft den Zeitgeist: Hawaii entdeckt seine Wurzeln. Und denkt dabei - ganz amerikanisch - gleich an die Vermarktung. Unter dem Titel "Hawaii Regional Cuisine" erschien das erste gemeinsame Kochbuch der zwölf Spitzenköche. Die Gewinne aus dem Verkauf des Buches erhielten Wohlfahrtsverbände.
Der Hula verbindet
Auf dem rund 4000 Kilometer vom nächsten Festland entfernten Hawaii ist Toleranz ein Muss. Der 50. Bundesstaat, eine der kosmopolitischsten Regionen der Vereinigten Staaten, ist noch heute ein "melting pot", ein Schmelztiegel der Rassen. Wehe dem, der einmal einen Hawaiianer nach seiner Herkunft fragt. Er wird mit einer langen Aufzählung von Ahnen der unterschiedlichsten Nationalitäten antworten. Nachfahren der Einwanderer aus Japan, Portugal, China, den Philippinen und einem Dutzend anderer Nationen leben hier. 25 Prozent der Bevölkerung sprechen eine andere Sprache als die Amtssprache Englisch. Minoritäten-Probleme sind jedoch kaum bekannt: Keine Volksgruppe fühlt sich als Minderheit, keine ethnische Gruppe stellt mehr als ein Viertel der Bevölkerung.
Bindeglied der multikulturellen Vielfalt ist der Hula. Der Tanz, dessen Wurzeln in Mexiko liegen, war ursprünglich den Männern vorbehalten. Der traditionelle "Hula Kahiko" war Teil der Götterverehrung im Tempel. Die Priester (Kahunas) sangen "Meles", einfache Melodien, die - gleich Mantras - in ihrer monotonen Wiederholung eine fast hypnotische Wirkung hatten, Trancen hervorriefen und so "göttliche" Ekstasen bewirkten. Die ersten christlichen Missionare, die um 1820 auf Hawaii eintrafen, sahen mit Entsetzen, wie halbnackte Männer im Tempel tanzten.
Der Hula, totgeglaubt als Touristenkitsch, erlebt seit Mitte der siebziger Jahre eine unerwartete Renaissance. Auf dem Rasen des Hulihee-Palastes in Kona, Big Island, proben junge Mädchen den Tanz: ein Blondschopf im gelben Baumwollrock, eine Chinesin mit Orchidee im dunklen Haar. Die Knie gebeugt, die Arme seitlich ausgestreckt, das Becken wiegen, mit Händen und Augen Geschichten erzählen, immer angetrieben vom Rhythmus der Trommeln und Kastagnetten aus Stein. Nach einer Stunde fallen die Mädchen todmüde ins Gras, Schweißperlen auf der Stirn.
Den Hula als Wurzel der eigenen Identität zu erforschen, diese Aufgabe hat sich auch Pat Namaka Bacon gesetzt. Seit mehr als 40 Jahren sammelt und katalogisiert "Aunty Pat" im Auftrag des Bishop Museum Honolulu Hula-Tänze und Gesänge. Finanziell unterstützt vom Native Hawaiian Culture and Art Program, baut Namaka Bacon in mühevoller Recherche einen Datendienst auf, der als Online-Service den öffentlichen Bibliotheken und dem Bishop Museum zugänglich gemacht werden soll - Hightech für den Hula.
Wer die alten Tänze pflegt, genießt auf Hawaii das Wohlwollen der höchsten Stellen. Die eigene Tradition entdecken, den Tourismus als umsatzstärksten Wirtschaftsfaktor ausbauen und gleichzeitig innovative Technologien ins Land holen, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören - diese Philosophie, auf Plakatwänden mit poppigen Parolen propagiert, soll dem Inselstaat auch in Zukunft paradiesische Umsatzzahlen bescheren.