Hawaii: Zwischen Traum und Wirklichkeit - DER SPIEGEL
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Hawaii Zwischen Traum und Wirklichkeit

Wie ein riesiger Glutball hängt die Abendsonne über dem Pazifik vor der Insel Oahu. Ein melodiöses "Aloha" begrüßt die Gäste, die gerade auf dem Flughafen Honolulu gelandet sind. Auf Hawaii kann man, abseits der ausgetretenen Touristenpfade, immer noch das tropische Paradies entdecken.
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Der Leis, ein handgeflochtener Blütenkranz aus Jasmin und Orchideen, schmückt als Gastgeschenk den Hals der Besucher: Der Zauber des hawaiianischen Archipels inmitten des Nordpazifiks wirkt schnell - auch wenn sich manches später als Klischee entpuppt und Träume der Wirklichkeit weichen müssen.

"Kein fremdes Land der Erde übt auf mich einen so tiefen, starken Reiz aus wie dieses. Kein anderes Land konnte mich, ob schlafend oder wachend, derart flehend und sehnsüchtig fesseln - ein halbes Leben lang", schrieb Mark Twain über die tropische Inselgruppe im Jahr 1889.

Der fünfzigste Staat der USA

Aber schon damals waren die Hauptinseln - allen voran Hawaii Big Island, Oahu und Maui - einschneidenden Veränderungen unterworfen, die bis heute nachwirken. Wesentlich dazu beigetragen haben die Annexion durch die USA und die umstrittene Maßnahme, sich die Inseln nach dem Zweiten Weltkrieg als fünfzigsten Staat einzuverleiben.

Durchmischt von vielen ethnischen Gruppen, die im Laufe der Jahrhunderte ihr Glück auf Inseln wie Oahu oder Maui suchten, dezimiert durch Seuchen, die von den "haole", den Fremden, eingeführt wurden, unterdrückt von Missionaren und später den Amerikanern - es war immer schwer, sich als Hawaiianer polynesischer Abstammung zu behaupten. Nur noch 14 Prozent sind es heute, sagt die Statistik. Ihrer Berechnung zufolge wird es im Jahr 2044 keine Ur-Hawaiianer mehr geben.

Aus dem Mund von Reiseführer Mike klingt es daher eher wie eine folkloristische Beigabe, wenn er bei seiner touristischen "Rein in den Bus, Raus aus dem Bus"-Tour über die Insel Oahu auch noch schnell die Grundprinzipien hawaiianischer Kultur erläutert: "Den Kindern wurde gelehrt, dass jede Kreatur - ob Mensch, Tier oder Pflanze - zur 'ohana', zur Familie gehört und mit Respekt zu behandeln ist. Wer gegen diese Regeln verstieß, wurde ins Niemandsland, ins 'kukua' verstoßen". Ernsthafte hawaiianische Stimmen fordern schon länger eine Renaissance ihrer ursprünglichen Kultur - und lernen wieder ihre früher verbotene Sprache.

Grasröckchen als Souvenir

Folkloristisch aufgemotzt ist einiges auf Oahu und Maui, den beiden Inseln mit den höchsten Besucherzahlen. Auch der Hula-Tanz, dessen Grasröckchen als Souvenir bei manchem Besucher zu Hause im Schrank modert. Keine Vorführung im Kaipiolani Park von Waikiki, die nicht auf Polaroid gebannt wird.

Doch der Tanz war traditionell nicht nur ein kesser Hüftschwung, sondern ausdrucksvoller Vermittler polynesischer und hawaiianischer Geschichte. Inzwischen wird unterschieden zwischen dem ursprünglichen, dem "Hula Kahiko", und dem "Hula Auana", der dem westlichen Geschmack angepasst wurde.

Ein Meilenstein bei der hawaiianischen Identitätssuche war das gelungene Unterfangen im Jahr 1976, mit einem nachgebauten Doppelkanu ohne technische Navigationshilfe auf den Spuren der Vorfahren den Weg nach Tahiti und zurück zu finden. Seitdem ist die Diskussion über Selbstbestimmung und Wahrung der Tradition nicht mehr verstummt. Kein leichtes Vorhaben in einem Land, dessen acht Hauptinseln nicht unterschiedlicher sein könnten.

Sonnenaufgang am Gipfel des "schlafenden Vulkans"

Abseits des quirligen, fast gänzlich vom Tourismus bestimmten Eilands Oahu wacht der alles überragende Vulkan Haleakala über die noch mystisch angehauchte Insel Maui. Wie zu Zeiten von Mark Twain ist der Sonnenaufgang am Gipfel des schlafenden Vulkans noch immer ein unvergessliches Schauspiel.

Am Meereshang des Feuerberges werden Lava-Wüsten von undurchdringlichem Regenwald abgelöst. Schwer passierbare Küstenstraßen führen zu einsamen Buchten, deren Sand in seinen Farben von Weiß bis Rot mit dem üppigen Farbenspiel der Umgebung konkurriert.

Am Kaanapali-Strand an der Westküste der Insel, wo heute luxuriöse Hotels ihre Gäste beherbergen, gingen früher Männer des hawaiianischen Adels ihrem Lieblingsvergnügen, dem Surfen auf hohen Wellenkämmen nach. Schon damals gehörten Hawaii und Surfen untrennbar zusammen.

Bis Missionare dem "dekadenten, unnützen" Treiben ein Ende machten, blieben die tollkühnen Brettkünste ausschließlich noblen Beach-Boys vorbehalten. Und über alles wachte ein Priester. Kein Wunder, dass der modernen Surflegende Duke Kakanamoku - er machte den Sport über Hawaii hinaus auch in Kalifornien und Australien populär - am Strand von Waikiki auf Oahu ein Denkmal gesetzt wurde.

Lässigkeit im tropischen Paradies

In dem tropischen Paradies lebt es sich recht zwanglos und vertrauensvoll. So kommt im Store der Ulupalakua Ranch im hoch gelegenen Osten Mauis nur ein träges "Aloha" über die Lippen der lässig über den Tresen gebeugten üppigen Hawaiianerin. Fast wortlos gibt sie zu verstehen, sich selbst zu bedienen - einschließlich das Gewählte in die eigens dafür bereit gestellte Mikrowelle zu schieben - und irgendwann, wenn die schläfrige Pause im Schaukelstuhl auf der Veranda beendet ist, kurz zum Bezahlen vorbeizuschauen.

Die traumhaften Seiten von Hawaii wollen langsam erobert sein. Sie erschließen sich nicht auf den ersten Blick - und sind nicht selten fern von tropischen Stränden zu finden. Kein Zweifel, der polynesische Halbgott Maui tat gut daran, die Inseln - so will es die Legende - am Angelhaken aus dem Pazifik zu ziehen.

Heidemarie Pütz, gms