Heavy-Metal-Dampfer: Voll in Fahrt - DER SPIEGEL
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Heavy-Metal-Dampfer Voll in Fahrt

Kreuzfahrten sind nur was für Rentner? Nicht auf der "Poesia". An Bord lassen es Heavy-Metal-Bands und ihre Fans so richtig krachen: Viel Sex, noch mehr Drogen und rund um die Uhr Rock 'n' Roll. "Mare"-Redakteurin Martina Wimmer über eine Schiffsreise, bei der nicht nur das Meer unendlich blau ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist gemeinhin ein erhabener Moment, wenn ein Passagierschiff aus dem Hafen läuft. Die Leinen los, das Ufer schwindet, in die Ferne schweift der Blick, die Hoffnung. Der Mensch an Bord kann sich dem schwer entziehen, auch wenn er nur kurz Urlaub macht, bei einer Kreuzfahrt, fünf Tage, westliche Karibik, Jamaika, Grand Cayman und das blaue Meer.

"Poesia" heißt das Schiff, das klingt verträumt und italienisch; dort, wo es ablegt, quert eine sechsspurige Straße das Wasser, am Ufer Hotelkästen in Beton gegossen, ein paar Palmen, das Passagierterminal wie eine Verladestation: Fort Lauderdale, auf Wiedersehen.

Ein älteres Paar lehnt an der Reling auf dem zweiten Oberdeck, entspannt, zufrieden, die Haltung sagt: Wir haben es verdient. Gleich neben ihnen hängt ein kleiner Lautsprecher, Musik fürs Gemüt schafft unvergessliche Momente, wer Ferienglück auf See verkauft, weiß um den klingenden Wiedererkennungswert. Man bleibt italienisch und elegisch, das Schiff bewegt sich, Andrea Bocelli singt "Con te partirò - Time to say goodbye". Doch das Glück, die Seufzer, sie währen nur ein paar Sekunden, ein tragischer Irrtum, dann hebt es die Herrschaften an der Reling aus den Schuhen.

Ferientraum für US-amerikanische Mittelschichtsurlauber

"ARE YOU READY TO ROCK 'N' ROLL????!!!!" Ein markerschütternder Schrei, ein Gitarrenakkord von der Gewalt eines Schwertransports, ein Donnerschlag auf die Basstrommel, das Wasser im Pool zittert. Hinter dem Rücken der Ahnungslosen, ein Deck tiefer, spielt die Musik. Kleine Mosaiksteine in frischen Blautönen formen Wellen als Bühnenhintergrund wie bei einem Kurtheater, davor türmen sich rechts und links mannshoch die Verstärker, zwischen ihnen toben fünf Männer.

Schwarze T-Shirts, enge Hosen, dünne Beine, die Arme großflächig und farbenfroh tätowiert, ganz vorne am Mikrofon schüttelt einer lange blonde Haare und grölt mit finsterer, vernarbter Miene: "WE ARE BROKEN TEETH AND WE ARE HERE TO ROCK THE HELL OUT OF THIS BOAT!!! SO RISE UP THAT BUDWEISER AND SAY YEAH!!!!"

Auf den Liegestühlen und an den Bars des "Coral Bay Pool Deck", inmitten von Kunstpalmen und runden Stehlampen, in der türkisfarbenen Ausstattung eines mediterranen Ferientraums für US-amerikanische Mittelschichtsurlauber, liegen und lungern Menschen in schwarzen T-Shirts, sie recken ihre großflächig und farbenfroh tätowierten Arme in die Luft, Bierflaschen in der Hand, der Ton des Schiffshorns geht unter in ihrer lautstarken Antwort: "YEEEEAAAAHHHH!"

Ein Deck höher steht Linda, 57-jährige Immobilienmaklerin aus Michigan, mit ihrem Mann Gerry, sie hält einen Cocktailbecher in der Hand, ein wenig zu fest der Griff, ihre Knöchel werden weiß dabei. "Die fünf Tage hier, das ist mein Jahresurlaub. Ich arbeite hart. Ich brauche Entspannung. Hätte ich das gewusst, ich hätte niemals diese Kreuzfahrt gebucht. Aber das Reisebüro hat mir nichts erzählt." Und außerdem: "Ich bin mit Woodstock groß geworden, ich mag Crosby, Stills, Nash and Young."

Es ist dunkel geworden, die Lichter am Ufer werden kleiner, die "Poesia" fährt in ein schwarzes Nichts. Am Pool brüllt der Mann ins Mikrofon: "THIS IS OUR LOVE SONG, HAHA! IT IS CALLED: 'STICK IT IN'!!!"

Dies ist erst der Anfang einer Geschichte, die nur am Rande von einem Missverständnis erzählt.

Dieser Text stammt aus mare No. 82 .

Sex, drugs and Rock 'n' Roll als Reiseziel

Wer richtig beraten war bei der Buchung seiner Reise, trägt seine Zuordnung mit einigem Stolz um den Hals. Einen Pass, wie ihn bei Rockkonzerten sonst nur die auf der anderen Seite bekommen, die Bands, die Crew, die Promoter, die Presse, die Backstage-Babes. Darauf gedruckt in allen vier Ecken Totenköpfe, in der Mitte ein Anker im Strahlenkranz und ein Logo aus dem Standardschriftsatz für Piratenfilme: SHIPROCKED - das Ticket für eine Pauschalreise mit perfekt abgestimmtem Kulturangebot. Die gelungene Eroberung einer nicht kreuzfahrtaffinen Zielgruppe.

Alan Koenig, Inhaber der "Shiprocked LLC", ein untersetzter Amerikaner mit freundlich-rundem Allerweltsgesicht, hat sich das Wortspiel schützen lassen und das Prinzip erdacht. Fünf Tage, zwölf Bands, "the ultimate Rock 'n' Roll vacation with a backstage pass"; jeden Tag finden vier Konzerte statt: am Pool, in der rot geplüschten Baratmosphäre der "Pigalle Lounge" und im feudal-violetten "Carlo Felice Theater", wo die vermeintlichen Berühmtheiten des Programms den allabendlichen Höhepunkt an Lautstärke und gemeinschaftlichem Haareschütteln abliefern sollen.

Begleitet wird das Ferienvergnügen ganz nach dem Vorbild herkömmlicher Schiffsreisen mit einem spielerischen Rahmenprogramm. Das zugehörige Faltblatt, auf dessen Frontseite ein Totenkopf mit Augenklappe, auf einen Säbel beißend, durch ein Bullauge lugt, verspricht unter anderem: "Photo Session Meet & Greet", "Poker Tournament", "Rock Star Karaoke", "Speed Metal Dating" und die nur nach Voranmeldung und gegen Eintritt zu besuchende Weinprobe eines Tropfens namens "Insania", angerührt von einem der Metal-Stars und veranstaltet zugunsten der "National Military Family Association".

Es wird zwei Landausflüge geben, in Ocho Rios, Jamaika, und George Town, Grand Cayman, da fällt das Vormittagsprogramm aus, weil die Headbanger wie jeder Kreuzfahrtpassagier kostenpflichtige Exkursionen buchen sollen, Schwimmen mit Delfinen für 100 Dollar oder eine Segeltour auf einem Katamaran für 63 Dollar pro Person.

Normalo-Touristen neben Hardrockern

Weniger üblich ist es bei anderen Schiffsreisen allerdings, dass jeder Passagier mit der Buchung eine Erklärung unterschreiben muss, in der er zur Kenntnis nimmt, dass der Gebrauch oder die Verbreitung illegaler Substanzen an Bord mit sofortiger Aussetzung im nächstbesten Hafen bestraft wird und außerdem rechtliche Konsequenzen hat.

Das Beiblatt zur Buchung trägt den Titel "Zero Tolerance Policy", und auf der Homepage der "Shiprocked Cruise" entschuldigen sich die Veranstalter wortreich für die unangenehmen Einschränkungen: "We know. We know. Nothing says major buzzkill like the words Zero Tolerance Policy. But dammit, we just gotta" ("Wir wissen's. Wir wissen's. Es gibt keine größeren Abtörner als die Wörter Null-Toleranz-Politik. Aber, verdammt, wir müssen nun mal").

Der verbleibende Spaß kostet je nach Kabinenkategorie von 665 bis zu 2165 Dollar pro Person, das Schiff hat 1275 Kabinen. Koenig hat schon mal eine ähnliche Fahrt veranstaltet, mit der berühmt-berüchtigten Band Mötley Crüe an Bord, das Schiff war kleiner, die See und das Publikum rau. "Da ging es verdammt ruppig zu, jeden Abend haben sich ein paar Volltrunkene verprügelt. Wir wollten, dass die Leute sich diesmal besser aus dem Weg gehen können."

Die erneute Nachfrage war zunächst stürmisch, doch dann kam die Wirtschaftskrise, die Buchungen gingen nur noch schleppend ein. Nur gut die Hälfte des Schiffes ist nun mit "Shiprocked"-Publikum besetzt, der Rest der Passagiere muss leiden. Mike Smith ist der Koordinator der Reederei, er sieht die Sache lockerer als die geprellten Normaltouristen. "Das ist so ähnlich wie eine Konferenz in einem Hotel. Die anderen Gäste haben andere Räume, andere Zeiten, nach 17 Uhr geht von denen eh keiner mehr an Deck. Das Essen wird in zwei Schichten serviert, und die Kabinen, in denen es lauter wird, sind alle an 'Shiprocked' vermietet."

"A real girl's holiday!"

Zur Durchsetzung der gesteigerten Ordnung sind außerdem die "Gator Guards" an Bord, eine Securityfirma aus Tampa, Florida, dienstlich gekleidet in leuchtend orangefarbenen Polohemden, auf der Brust prangt ihr Firmenzeichen, ein grinsendes Krokodil mit Sonnenbrille. Nicht, dass sie ein Erkennungsmerkmal bräuchten, sie sind die einzigen Männer mit kurz rasierten oder kahlen Köpfen, und sie sehen aus wie die Rufnamen, die sie tragen: Tank, Major, King.

Die Menschen, die die "Gator Guards" bewachen, haben einiges gemeinsam. Sie trinken viel. Sie reden laut. Sie tragen gern T-Shirts mit martialischen Bandlogos oder schwachen Sprüchen. "My parents told me I could be anything, so I became an asshole." "Drunks enjoying alcohol", "Rock's not dead". Viele von ihnen kommen aus einem Amerika, das die Welt nicht so gut kennt, Indiana, Tennessee, Wyoming. Fragt man sie, warum sie gebucht haben, antworten sie mit vernebelten, aber leuchtenden Augen: wegen der Musik. Und um Gleichgesinnte zu treffen. Aber nicht alle hier haben das Gleiche im Sinn.

Es gibt eine Untergruppe mit einheitlichem Merkmal: Körbchengröße D+, der Inhalt eine Investition in Silikon. Haarfarbe blond, Lachen breit, Körper nahezu bekleidet. Ihr Reiseziel: Spaß haben mit allem, was an Bord zu kriegen ist: Martinis am Pool, Kerle in der Kabine, Lärm auf die Ohren, kurz: sex, drugs and Rock 'n' Roll. Die Herren von der Wache, Tank, King und Major, nennen sie "cocksuckers" und verbringen ihre freien Stunden mit ebensolchen im Arm.

Kelly aus Fort Myers und Christine aus Colorado etwa, geschätzt Mitte dreißig, das Alter ein Geheimnis, sie sind befreundet seit Jahren, aber sehen sich zu selten und jetzt endlich: "A real girl's holiday!" Man würde gerne mehr erfahren, doch der Versuch eines Treffens mit dem lasziven Duo scheitert. Wann immer man klopft zur vereinbarten Zeit, mit dem Inhalt einer Minibar im Gepäck, öffnet Kelly die Kabinentür einen Spalt, flötet: "Oh, heute lieber nicht, meine Freundin fühlt sich nicht gut." Im Hintergrund: schrilles Gelächter und tiefe Männerstimmen.

"Falsche Titten sind so was von Achtziger!"

Die restlichen Alleinreisenden teilen eine andere Begierde: Sie sind hinter den Musikern her. Treue Anhänger, die seit Jahren den Helden nachreisen, wenn es sein muss, eben auch auf ein Kreuzfahrtschiff. Und sich freuen wie die kleinen Kinder über die einmalige Gelegenheit, fünf Tage mit ihren Lieblingen zu leben, gleichsam Tür an Tür auf 293,8 mal 32,2 Meter Schiff, mitten in der Karibischen See, wo, noch größere Freude, keiner vor ihnen flüchten kann.

Sie kennen sich aus den Webforen der Bands, eingeschworene Cliquen wie die selbst ernannten "Tesla-Girls": Tracey, Friseuse aus Dallas mit rosalila Haaren, die jederzeit bereitwillig ihr Bikinihöschen lüpft, um ihre Tätowierung zu zeigen: eine nackte Frau in einer Blutlache ("I got this bitch for my 35th birthday"); Shelley, ihre Schwester mit den endlos falschen Wimpern; Christy aus Phoenix, die glaubt, die Musik von Tesla habe ihr das Leben gerettet, damals, als ihr Verlobter mit dem Motorrad tödlich verunglückte, während sie sein Kind im Leib trug, das behindert zur Welt kam und mit acht Monaten starb. Sie sei dafür ewig dankbar, ebenso wie dem guten Freund, der ihre Kabine bezahlt hat, weil sie gerade mal wieder ohne Arbeit ist und pleite.

Und dann gibt es noch Darlyne und Jackie. Darlyne, eine hagere Gestalt mit Brille und leicht schiefem Gesicht, trägt eine Barbiepuppe in einer Plexiglasdose spazieren, auf der alle Musiker unterschreiben sollen. Die Barbie hat zum Mini ein T-Shirt mit dem "Shiprocked"-Logo an, eine türkisfarbene Gitarre in der Hand und lehnt auf einem Verstärker. Darlyne hat sie selbst eingekleidet, die Puppe sieht um einiges besser aus als ihre Besitzerin, die sich ihr Dasein in Las Vegas als lebende Litfaßsäule verdient; in Amerika nennt man ihren Beruf freundlich "sign dancer".

Per Gitarrenriff zurück in die Jugend

Jackie ist etwa dreimal so breit wie Darlyne, alles an ihr ist gewaltig, die Körperfülle, die wild toupierten weißblonden Haare, die Länge der schwarz lackierten Fingernägel, die schwere Wolke "Poison"-Parfum, die ihr vorauseilt, zusammen mit dröhnendem Gelächter. Sie sucht Mentoren für ihre Musik, hat einen Koffer selbst gemachter CDs dabei, die sie verteilt, und setzt dafür ihren Job aufs Spiel.

Jackie ist Schulbusfahrerin, das macht ihr nur bedingt Spaß, weil sie im Bus per Elterndekret kein Heavy Metal hören darf. Urlaub gibt es keinen, auch nicht unbezahlt, sie hat sich krankschreiben lassen. Was sie nicht bedacht hat, ist das Funkloch, das sie auf offener See umgibt, wenn nun ein Vorgesetzter anrufen sollte - "fuck it!".

Neben den lauten Klischees sind auch ein paar Ruhigere an Bord, Pärchen meist, im fortgeschrittenen Alter, die Damen weiterhin blond gesträhnt und gefährlich gekleidet, die Männer oft mit stattlichen Bäuchen. Bei manchem Intro zum nächsten Soundgewitter verklären sich ihre Gesichter, weil ihre gemeinsame Erinnerung an eben jenem Gitarrenriff hängt. Der Krach kann nicht übertönen, dass sie eine sehnsüchtige Reise zurück in ihre Jugend unternehmen, da sie noch wild waren und sich frei fühlten beim Hören ihrer Musik.

Eine Zeit, in der Ted aus Wyoming sich noch nicht den Rücken krumm geschuftet hat als Tankreiniger. Selbst den verhassten Job hat er unlängst verloren und in drei Raten mühsam die Rechnung abgestottert für "den Trip seines Lebens", in dem er nun das 27. Jahr mit seiner Frau Shoshoni verbringt. Stolze Eltern und Großeltern sind viele von ihnen, die Kinder-T-Shirts mit "Shiprocked"-Logo, die neben anderen Erinnerungsstücken an Bord verkauft werden, finden guten Absatz.

Bierbecher müssen draußen bleiben

Shelley aus Utah aber hat sich etwas Besonderes ausgedacht. Für ihre volljährige Tochter will sie die Unterschriften aller Bandmitglieder von Queensrÿche auf dem Hemd versammeln, in dem die damals Zehnjährige ihr erstes Metal-Konzert besucht hat. In Shelleys Gesicht hat die Zeit sichtbare Spuren hinterlassen, aber "backstage zu kommen war nie ein Problem".

Hinter der Bühne hat sie auch ihren Mann Ringo kennengelernt, sie waren beruflich unterwegs: "Er war der Mann mit dem Grünzeug und ich die Frau mit dem weißen Pulver." Shelley grinst, ihre Falten breiten sich aus wie Risse in trockenem Boden: "Aber wir sind schon lange nicht mehr im Geschäft ..."

Auf der Bühne muss die Show weitergehen, die Gnadenlosigkeit des Unterhaltungsbetriebs ist dort jeden Tag zu spüren. Nachmittags und in den späten Nachtstunden spielen die jungen, dem Fachpublikum unbekannten Bands vor maximal 50 "Shiprocked"-Kunden als Hintergrundgeräusch. Sie heißen Stereoside, Stonerider, Endeverafter, sie wittern in jedem Auftritt das große Glück und finden nicht mehr Widerhall als der Alleinunterhalter, der zeitgleich irgendwo im Bauch des Schiffes die normalen Passagiere abzulenken versucht.

Das Gros döst in der karibisch grellen Sonne, bewegungslos wohl auch, weil der Kater vom Vorabend sich mit der Hitze nur mäßig verträgt. Tag für Tag füllen sich die Pooldecks später. Niki Barr, die einzige Frau im gesamten Programm, eine zarte Person in schwarzem Leder, beschreibt die Lücke zwischen den Generationen auf und vor der Bühne mit hörbarem Abscheu: "Falsche Titten sind so was von Achtziger!"

Die Hauptattraktionen haben ihre großen Auftritte abends nach dem Essen um 23 Uhr im "Carlo Felice Theater". Vor den Türen knistert die Aufregung und die erhöhte Aufmerksamkeit, die Damen zurechtgemacht auf höchsten Hacken, die Herren mit auftoupierten Mähnen und Rasierwassergeruch. Wer den VIP-Zuschlag bezahlt hat, darf als Erster ins Auditorium und beste Plätze besetzen in den vorderen Reihen. Da sitzen sie dann und warten, artig wie bei einer Schulaufführung ihrer Kinder, Rauchen ist natürlich verboten, selbst die Bierbecher müssen draußen bleiben.

"Mit Heroin war er besser drauf"

Vor ihnen offenbart sich jeden Abend ein anderes Beispiel aus dem Katalog gescheiterter Rock-'n'-Roll-Träume. Bei Skid Row fehlt seit Langem der schöne Sänger, der die Gruppe einst auf das Cover des "Rolling Stone" brachte, sie mühen sich redlich, das Defizit mit authentischem Rockstarverhalten auszugleichen; belagern täglich dieselbe Ecke am Pool mit Frauen und Gefolge, trinken morgens Bloody Mary, tagsüber kübelweise Bier und abends Whiskey.

Dave Gara ist auf dem Karriereweg nach unten Schlagzeuger Nummer sechs, der ganze Körper ein Gemälde, auf seinem Adamsapfel tanzt der Totenkopf. Die scharfe Brünette, die er meist im Arm hält, hat er an Bord kennengelernt, sie ist Polizistin aus Miami, er sagt, er habe sie schnell für sich gewonnen mit den Worten: "Leg mir Handschellen an!"

Die Kollegen von Ratt haben sich mehrere Jahre um das Recht am Bandnamen gestritten und spielen nun doch wieder gemeinsam gegen das Vergessen an. Ein Gitarrist ist auf der Strecke geblieben; er starb an einer Überdosis Heroin, der Sänger, so heißt es, habe gerade wieder mal eine Entziehungskur hinter sich. Auf der Bühne schreit er aus vollem Hals, ist dennoch kaum hörbar und trifft keinen Ton.

Das weibliche Fanpublikum aus der ersten Reihe wandert während des Auftritts geschlossen ab Richtung Damentoilette, ein beeindruckend kurviges Gestell mit langen schwarzen Haaren und Stiefeln bis zur Hüfte sagt im Weggehen gelangweilt: "Oh Mann, vielleicht sollte er wieder Heroin spritzen, da war er besser drauf."

Pathetisch vorgetragener patriotischer Unsinn

Treu vor der Bühne verharren nur die Musikerfrauen. Ashley Saint'Onge etwa, ein engelsgleiches Geschöpf von 24 Jahren, sie ist die Begleitung des 51-jährigen Doppelkinnträgers am Schlagzeug von Ratt, genannt Bobby Blotzer. Ashley ist "model" und "actress", Bobby sei ihr erster Musiker, vorher war sie mit einem Mickymaus-Darsteller liiert. "I live in a constant Disneyland", sagt sie entrückt lächelnd und erzählt vom sanften Gemüt des Schlagzeugers.

In manchen Nächten dekoriere er den Garten mit Kerzen und spiele Musik aus alten Musicals dazu. Auf dem Schiff ist sie nur selten an seiner Seite zu sehen, wenn er mit müden Augen zu später Stunde trinkend und rauchend am Roulettetisch klebt. Manchmal beim Essen sitzt sie sehr aufrecht neben ihm in einem blauen Paillettenkleid, immer etwas zu viel Make-up um den glanzlosen Blick.

Andere ringen immer noch ernsthaft um Bedeutung, das jüngste Album der Band namens Queensrÿche heißt "American Soldier", es ist ein Konzeptwerk über die Streitmacht der Vereinigten Staaten. Die Ansagen des Sängers sind pathetisch vorgetragener patriotischer Unsinn, ein Teil des Langhaarpublikums nickt eifrig dazu.

Der Rest steht im Vorraum des Theaters und erzählt sich voller Verachtung von der Frau des Sängers und ihrem Champagnerdurst, die gesamten Bestände des Schiffes habe sie geleert und sich dann lauthals beschwert, dass ihr bevorzugter Jahrgang nicht mehr vorrätig sei. Das kommt nicht so gut an bei den bodenständigen Arbeitslosen aus Wyoming.

Energieaustausch auf niedrigem Niveau

Es ist schwer zu sagen, was an gefühlter Beziehung entsteht zwischen Publikum und Künstlern in diesen fünf Tagen auf See, der Energieaustausch findet auf niedrigem Niveau statt und ergeht sich in Ritualen. Die Hitze, das Bier, ein sich täglich verstärkender Kollektivzustand exzessiver Trägheit oder trägen Exzesses, man begrüßt sich mit "hey dude" und "what's up?", klatscht im Vorbeigehen Hände ab, die Musiker auf der Bühne rufen: "It's so great to be out here with you!" Weitere Begegnungen regelt das Programm nach strengen Vorgaben. Zum "Meet & Greet" werden die Bands wie Pappkameraden in der "Pigalle Lounge" aufgestellt, die Passagiere warten in einer langen Schlange auf ihren Moment.

Schmucke Helferinnen des Veranstalters sammeln Kameras ein, wer an der Reihe ist, darf jeweils einmal vor jeder Band posieren. Man reckt die Arme in die Luft, spreizt kleinen und Zeigefinger ab zur weltumspannenden Geste der bösen Musik, schneidet Grimassen mit lechzender Zunge oder versautem Blick, die Assistentinnen knipsen, die Freude ist groß, und die Musiker reiben sich immer wieder mal die Hände mit Desinfektionsmittel ein.

Auf einer Veranstaltung namens "Quarters Tournament" lädt die Band Skid Row zu einem Trinkspiel, dessen Regeln keiner der Anwesenden kennt. Man einigt sich auf die Vorgabe, so schnell so viel Bier wie möglich zu trinken; Sieger werden im allgemeinen Tumult nicht ausgemacht, die meisten scheinen ähnlich begabt.

Die gesetzteren VIP-Gäste haben schon vorab ihre Teilnahme an einer Rotweinverkostung mit Geoff Tate, dem Sänger von Queensrÿche, gebucht. Man gedenkt und spendet den Eintritt der kämpfenden US-Truppe und ihren Angehörigen, die Freundin des Sängers hält eine kleine Ansprache im noch kleineren Schwarzen, um ihre Anteilnahme auszudrücken.

Was keiner erklärt, ist die Aufschrift der Abfüllung, die der gediegene Rocker zusammen mit einem Weingut aus dem Staat Washington vertreibt. Auf dem Rückenetikett der Flaschen ist ein Foto des Sängers zu sehen, daneben steht: "Who wants to live forever?!"

Von fester Nahrung wird zusehends abgesehen

Bleibt das Publikum unter sich, geht es etwas lustiger zu. Beim "Speed Metal Dating" erschreckt Jackie, die schwergewichtige Hobbybandchefin vor dem Karrieresprung, die männlichen Kandidaten mit der Frage: "Do you enjoy giving oral sex?"

Bei Landausflügen stolpern die meisten in die nächstbeste Strandbar, lassen sich von bastberockten karibischen Schönheiten beiderlei Geschlechts Schnaps in die Mundöffnung gießen und benehmen sich auch sonst wie Teenies auf Klassenfahrt. In Jamaika fürchtet das Ordnungspersonal größeren Drogenschmuggel an Bord, doch offenkundige Skandale bleiben aus.

Dafür hat die Spaßgesellschaft einen Verlust zu verzeichnen: Ein weiblicher Gast muss das Schiff aus medizinischen Gründen verlassen. Bei einem alkoholisierten Treppensturz hat sie sich zu schwer verletzt, um an Bord behandelt werden zu können.

Die verunglückte Dame könnte Opfer eines Missstands geworden sein, der spätestens ab Tag zwei an Bord von allen Seiten heftig beklagt wird: Die kulinarische Versorgung lässt zu wünschen übrig. Das Abendmahl, das vorgibt, italienisch zu sein, ist, obwohl mehrgängig, knapp bemessen und schmeckt nicht. Wenig zurückhaltende Beschwerden der Gäste, die sich im aufgedonnerten Interieur des Restaurants weder an den Dresscode (keine T-Shirts) noch an die Sitzordnung halten, bewirken nichts, die Kellner aus dem Osten Europas sprechen kaum englisch. Von Tag zu Tag wird der Speisesaal leerer, von fester Nahrung wird offenbar zusehends abgesehen.

"Die besseren Kreuzfahrtgesellschaften wollten uns nicht nehmen"

Dafür nehmen die Ausfallerscheinungen im Lauf der Reise zu. Man hört nachts in Nachbarkabinen Gepolter, Geschrei und das ein oder andere "fuck you, bitch!". Die Damen scheinen darunter besonders zu leiden. Ashley Saint'Onge sitzt am letzten Abend weit weg von Disneyland bleich im Casino, allein. Sie sagt: "Ich will nur noch nach Hause." Christy aus Phoenix heult, sie habe ihren besten Freund verloren; der edle Spender der Reise wollte ihr an die Wäsche, und zwar mit Gewalt.

Shelley, die Frau mit den endlos falschen Wimpern, die sie trägt, weil die letzte Chemotherapie noch nicht zu lange her ist, fühlt sich offenbar mitverantwortlich, bleibt aber ratlos: "Er hat doch nur eine Pille genommen, ich nehm' davon immer drei." Kelly und Christine, die "cocksuckers", erscheinen am letzten Abend gar nicht mehr, aber vielleicht hat sie gar nicht der Alkohol gefällt, sondern der näher kommende Alltag, in dem Christine wieder als Rettungssanitäterin arbeitet und Kelly als alleinerziehende Mutter ihre zwei Kinder versorgen muss. Nur Darlyne, die Litfaßsäule, strahlt glücklich: Sie hat alle Unterschriften der mitreisenden Musiker auf ihrer Barbiepuppenbastelarbeit vereint.

Eine Assistentin des Veranstalters deutet als Fazit der Reise den tieferen Grund der Probleme an: "Wenn Leute so viel trinken, brauchen sie nicht nur ein solides Abendessen zur vorgegebenen Zeit, sondern 24-Stunden-Service. Hier aber gibt es nach 22 Uhr nur noch Thunfisch-Sandwiches, auf die man bis zu zwei Stunden warten muss, und die Leute kriechen jede Nacht besoffen die Treppen hoch." Sie zuckt mit den Schultern: "Aber die besseren Kreuzfahrtgesellschaften wollten uns nicht nehmen."

Dabei klappt zum Ende der Reise sogar die Verständigung mit der soliden Hälfte des Schiffes ganz gut. Linda, die Immobilienmaklerin mit der ungestillten Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung, hat sich letztlich gut amüsiert in den lauten Nächten am Pool, in denen Dave, der bunt bebilderte Schlagzeuger, unter ihrem Applaus hysterische Hassparodien auf das überforderte Barpersonal ablieferte. Ihr einziges Problem: Sie hätte gerne auch die Metal-Konzerte im "Theater" besucht, aber ohne "Shiprocked"-Pass ließen die "Gator Guards" sie nicht hinein.

Dieser Text stammt aus mare No. 82 .