Honduras: Mototaxis, Kolonialcharme und Maya-Ruinen
Gracias in Honduras Drive mit Dreirad
Knatternd schiebt sich das dreirädrige Mototaxi die Hauptstraße entlang. Mal wirft Fahrer Fabio Mendez Rodriguez einer Señora eine Kusshand zu, mal grüßt er einen Ladenbesitzer.
Es scheint, als habe der 38-Jährige fast jeden der 12.000 Einwohner hier im historischen Zentrum des Kolonialstädtchens Gracias im Westen von Honduras schon als Fahrgast befördert: Kinder, die zur Schule müssen, Männer auf dem Weg zur Arbeit oder Rentnerinnen, bei denen ein Arztbesuch ansteht - kaum jemand geht noch zu Fuß, seitdem es die Mototaxis gibt.
"Meine Landsleute sind zu faul zum Laufen geworden", sagt Rodriguez und lacht. "Aber Faulheit ist gut fürs Geschäft!" Für den Standardpreis von zehn Lempira, umgerechnet rund 37 Cent, würde er seine Fahrgäste bis zu vier Kilometer weit bringen. Die meisten jedoch möchten nur bis zur nächsten Straßenecke gefahren werden.
Das Mototaxi als Familienunternehmen
Seit drei Jahren ist Rodriguez als Fahrer unterwegs, davor war er Lehrer. Als er seinen Job verlor, schaute er sich nach Alternativen um. Die Entscheidung, sämtliche Ersparnisse zu opfern und einen Kredit aufzunehmen, um sich für 3850 Dollar eines der roten Dreiräder zu kaufen, traf er mit seiner Familie. "Meine Frau hat mich fast schon dazu gedrängt", erzählt er. "Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ich den ganzen Tag zu Hause herumsitzen würde."
Bereut hat Rodriguez die Entscheidung nie. Gut zehn Dollar verdient er an einem durchschnittlichen Arbeitstag - in einem Land, in dem knapp zwei Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben und der Mindestlohn je nach Beschäftigung zwischen 1 und 1,80 Dollar in der Stunde liegt. Sein Mototaxi ist zu einem Familienunternehmen geworden: Er fährt, seine drei Kinder wechseln sich mit dem Waschen des Fahrzeugs ab, und seine Frau erledigt die Buchhaltung.
In einer normalen Woche kurvt Rodriguez an sechs Tagen durch die engen Gassen von Gracias, meist von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Ein Zwölfstundentag, der sich an den örtlichen Lebensgewohnheiten orientiert. Die Menschen stehen früh auf und gehen zeitig zu Bett, ein nennenswertes Nachtleben gibt es nicht. Daran können bislang auch die Besucher nichts ändern, die zumeist in Gruppen nach Gracias kommen. Sie werden langsam zahlreicher, viele sind es trotzdem noch nicht.
Heimat des Präsidenten
Wenn es nach der Regierung geht, soll Gracias zum neuen touristischen Hotspot im Landesinneren werden. Schwierig für einen Ort, der außer seinem kolonialen Charme kaum eine Sehenswürdigkeit zu bieten hat. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Festung San Christóbal und das südöstlich der Stadt gelegene Thermalbad "Aguas Termales Presidente" - das war es auch schon. Die Hauptattraktion ist der Ort selbst, der zwischen sanften Hügelketten liegt - und in dem der honduranische Präsident Juan Orlando Hernández 1968 geboren wurde.
Honduras: Mototaxis, Kolonialcharme und Maya-Ruinen
Seiner Schwester gehört eines der größten Hotels der Stadt, sein Bruder betreibt mehrere Lokale. Überall wird dank staatlicher Investitionen gehämmert, renoviert und verschönert. Der Unterschied zu anderen Städten im Landesinneren wird schon deutlich, wenn man sich Gracias nähert: Wo Landstraßen sonst mit Schlaglöchern übersät sind und stellenweise besseren Feldwegen gleichen, sind die Zufahrtsstraßen hierher topfeben asphaltiert.
"Wahrscheinlich steckt aufgrund der familiären Verflechtungen auch Eigennutz dahinter", vermutet Rodriguez, "was ich aber nicht schlimm finde. Dem Ort tut es gut, es gibt viele neue Arbeitsstellen, und am Ende profitieren alle davon. Vor allem, wenn noch mehr zahlungskräftige Touristen aus Europa oder den USA kommen."
Die Umgebung ist die Attraktion
Ob das gelingt, ist ungewiss - bislang zumindest geht das staatliche Konzept nur teilweise auf. Die meisten Besucher sind weiterhin Honduraner aus anderen Landesteilen, und auch sie nutzen den Ort bevorzugt als Basis für Ausflüge in die Umgebung. Beispielsweise in den Nationalpark Celaque, der auch den mit 2849 Metern höchsten Berg Honduras beheimatet. Inmitten dichter Nebelwälder entspringen hier mehrere Flüsse, es gibt spektakuläre Wasserfälle. Affen und Reptilien streifen durchs Unterholz, unzählige Vogelarten bedecken den Himmel, und mit Glück kann man sogar Pumas und Ozelote sehen.
Rodriguez Lieblingsziel ist ein anderes: das Dorf La Campa, rund 15 Kilometer von Gracias entfernt. Mit seiner Lage zu Füßen hoher Berge und am Rande einer dramatischen Schlucht gehört es zu den schönsten in Honduras. Viele Töpfereien haben sich hier angesiedelt, in denen Touristen Stunden verbringen können. Ihnen bietet Rodriguez für zehn Dollar dann ein Rundum-sorglos-Paket an: Hinfahrt, Rückfahrt und individuelle Stadtführung inklusive.
Wie viele Mototaxis es in Gracias genau gibt, weiß er nicht. "Vor zwei Jahren waren es rund 600, mittlerweile dürften es sicher doppelt so viele sein. Die Regierung überlegt sogar, zukünftig nur noch ein Taxi pro Familie zu genehmigen." Es sind zumindest so viele rote Dreiräder, dass sie an Kreuzungen oft Staus verursachen, wenn sich die Fahrer über die Vorfahrt nicht einig werden. Sie gestikulieren wild und diskutieren heftig, in einem ratternden Spanisch, durchsetzt mit nicht druckreifen Wörtern. Dann löst sich der Stau wieder auf - genauso schnell, wie er entstanden ist.
"So ist das jedes Mal hier", sagt Rodriguez und lacht. "Das totale Chaos!" Dann stoppt er und lässt aussteigen. Der nächste Fahrgast steht schon bereit: eine Tour zum Rathaus diesmal, keine 300 Meter entfernt.
Linus Geschke ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise nach Honduras wurde unterstützt von www.erlebe-mesoamerica.com und der Fluglinie Air Europa.