Hudson Bay Im Reich der Bären
Eisbären, Schlafen im Tipi und Nordlichter über der Tundra: Für einen Trip zum Polar Bear Provincial Park an der Hudson Bay würden Naturfreunde einen Pakt mit dem Teufel schließen. Zumindest müssten sie bereit sein, das Programm notfalls Programm sein zu lassen. Denn der Park liegt weit vom Rest Kanadas entfernt, keine Straße, keine Bahnlinie führt hier hinauf.
Das bedeutet improvisieren und flexibel sein. "Dies ist kein Ausflug für Pauschaltouristen. Die fahren lieber nach Churchill, Manitoba. Da gucken sie sich vom Bus aus Eisbären an, die in Abfällen wühlen, und rollen dann pünktlich zum Dinner zurück ins Hotel."
Peter Elmhirst, Organisator und Pilot des Trips, spricht von Anfang an Klartext. Dabei tätschelt er die extrabreiten Puschen seiner für Tundra-Bedingungen aufgerüsteten Cessna. "Dort sind 24.000 Quadratkilometer Wildnis und nur 300 Menschen im Umkreis von 400 Kilometern."
Wer mit Peter fliegt, landet auf der Tundra und schläft im Tipi. Alles hängt von Mutter Natur ab. Droht ein Unwetter, muss der Urlauber früher wieder weg. Lacht die Sonne, bleibt er länger. Und wenn sich bei der Ankunft Eisbären am Lagerplatz herumtreiben, muss Peter sich was ausdenken. Aber Peter ist flexibel.
Ontarios Polar Bear Provincial Park ist Kanada im Urzustand: Weißkopf-Seeadler, Schnee-Eulen und Tundra-Schwäne. Wölfe, Füchse, Karibus, Schwarzbären, Elche. Seehunde und Beluga-Wale in der Bay. Und nicht zuletzt die Namensgeber des Parks. Rund 4000 Eisbären durchstreifen im Sommer die südliche Küste, um sich für den langen Winter voll zu fressen.
Der Anflug ist abenteuerlich genug. In 180 Metern Höhe schaukeln die Passagiere über smaragdgrün glitzernde Teiche und Tümpel, in deren Schlamm noch die Spuren der letzten Karibuherde zu sehen sind. Dazwischen, wo der Grund fester ist, stehen Sprenkel strammer Schwarzkiefern.
Irgendwann, wenn einen der ohrenbetäubende Fluglärm in der Kabine in Trance versetzt hat, kommt die Bay in Sicht. Noch eine Endlosigkeit, diesmal dunkelblau, darin hunderte weißer Schemen, Beluga-Wale. Hier und da promenieren am Strand Eisbären - mal drei, mal sechs.
Wer zum ersten Mal in der Tundra ist, fühlt sich wie auf einem Mondspaziergang. Das Auge findet keinen Halt. Entfernungen sind nicht abschätzbar. Die Luft riecht nach Erde und Moschus. Automatisch richtet sich die Aufmerksamkeit auf Dinge der unmittelbaren Umgebung, auf die eigenen Füße, die eigene Stimme, die lauter scheint als sonst.
Der Untergrund ist weich wie Watte, die Decke aus Moosen und Wildblumen, die hier Muskeg heißt und sich bei Regen wie ein Schwamm voll saugt, gibt bei jedem Schritt so weit nach, dass man im Wasser steht, sobald man stehen bleibt.
Peter und sein Partner schultern die Gewehre. Niemals ohne Flinte, heißt hier die Devise. Der Kieselstrand ist von Tierspuren übersät. Wölfe, Karibus, Luchse, sagt Sam, der Cree-Indianer.
Weit und breit kein Baum zum Hinaufklettern. Kann man vor Eisbären weglaufen? Wenn man fix genug ist, erzählt Sam. Er sagt aber auch, dass Eisbären unberechenbar sind. Je früher man einen sieht, desto geringer die Gefahr.
Plötzlich riecht es wie im Großwildgehege. Die Gruppe geht hinter einer Düne in Deckung oder kauert sich tief ins Muskeg. Erstaunlich, die Nase reicht weiter als das Auge. Drei halbstarke Eisbären streifen durch die Tundra, keine hundert Meter entfernt.
Das Muskeg knackt hell unter ihrem Gewicht, das Schnaufen und Brummen der Tiere ist deutlich zu hören. Ihr weißes Fell hat sich während des Landgangs braun verfärbt.
Manchmal, sagt Sam, ziehen sie auf der Suche nach Nahrung bis zu 50 Kilometer landeinwärts. In Peawanuk, seinem Dorf 50 Kilometer weiter, hängen die Frauen die Wäsche dann lieber drinnen auf.
Einer der Halbstarken hat etwas gewittert. Die schwarze Nase hoch im Wind kommt er näher. Die beiden anderen zögern, schaukeln die dicken Köpfe hin und her. Groß sind sie. Die Cessna, der nächste bärensichere Ort, ist zwei Stunden weit entfernt. Aber der Bär macht kehrt und trollt sich. Der Stresspegel hingegen bleibt noch eine Weile oben.
Informationen:
Reisezeit: Juli bis September. Tankstopps in Timmins und Moosonee. Der
Resortbesitzer Peter Elmhirst führt für 3000 bis 5000 kanadische Dollar Trips in den Park durch.