Indian Pacific Auf Schienen quer durch Australien
Der "Indian Pacific" braucht 65 Stunden für die 4352 Kilometer. Zweimal in der Woche ertönt das Abfahrtssignal. Und jedes Mal schafft er einen Weltrekord, wenn er in der "Nullarbor"-Wüste ("Kein Baum") ohne eine einzige Kurve, Kehre oder Krümmung immer nur geradeaus rollt, 478 Kilometer lang.
Für die Australier freilich ist der Indian Pacific ein normales Verkehrsmittel - etwas langsamer als andere und auch ein wenig teurer. Aber wo gibt es sonst Gelegenheit, zu entspannen, mit Unbekannten zu plaudern, zu lesen oder auch nur bei einem Glas Wein auf die Landschaft zu schauen, die draußen vorbeizieht.
Nachdem der Zugschaffner, ein Herr mit blondem Kaiser-Wilhelm-Bart, und seine Kollegen die Gäste auf dem Bahnsteig begrüßt haben, ruckt der silbern glänzende Zug mit dem Adler-Symbol an einem Freitagvormittag pünktlich um 10.55 Uhr aus dem Ostbahnhof von Perth. Diese Stadt an der Westküste, so erfahren die Passagiere aus dem Bordlautsprecher, liegt näher an Südostasien als an der Metropole Sydney.
Draußen zieht die hügelige Gegend mit Bauernhöfen und Dörfern vorbei. Doch bald verabschiedet sich die Zivilisation, auf die Felder folgen rote Erde, Büsche und Eukalyptusbäume.
Die Zweier-Schlafkabine in der "Red Kangooro"-Klasse (2. Klasse) ist kaum größer als zwei Telefonzellen, besitzt aber einen Wandschrank mit Waschbecken. Tagsüber sitzen sich die Fahrgäste bequem am Fenster gegenüber, abends können die Betten mit einem Griff aufgeschlagen werden. Im Gang gibt es eine Dusche. Viele Passagiere treffen sich im Restaurantwagen, in dem ein Kiosk unter anderem Sandwiches, Burger und Hot Dogs anbietet.
Nach neunstündiger Fahrt ist die erste Station Kalgoorlie, ein altes Goldgräberstädtchen, in dem die Australier noch heute das kostbare Metall fördern. Obwohl bereits Dunkelheit über der Wüste liegt, lohnt es sich, für 16 Australische Dollar pro Person eine Rundfahrt durch die "Königin der Goldenen Meile" zu machen.
Der Busfahrer wird nicht müde, Anekdoten über ungefähr jeden einzelnen früheren Bewohner und jedes Haus zu erzählen. Stolz weist er auf die riesigen Minen-Lastwagen und kichernd zeigt er "Restaurants", in denen die Kellnerinnen Bikini (und manchmal auch weniger) tragen.
Am nächsten Morgen rollt der Zug durch Südaustraliens "Outback". Die Nullarbor-Wüste wird ihrem Namen gerecht. Hier wächst kein Baum, ein paar Kängurus suchen unter Sträuchern Schatten.
Seit 1917 durchquert der Indian Pacific diese unwirtliche Gegend. Elf Jahre hatten die Australier über das Eisenbahnprojekt gestritten. Fünf Jahre brauchten sie schließlich für den Bau, nachdem der Ingenieur Henry Dean auf Kamelen den Schienenstrang in dieser unendlichen Leere ausgemessen hatte.
Damals allerdings mussten die Passagiere noch häufiger umsteigen, denn die verschiedenen britischen Kolonien verlegten ihre Gleise in unterschiedlichen Breiten. An der Grenze bestanden Zöllner darauf, die Taschen der Passagiere zu durchsuchen. Erst seit 1979 existiert zwischen Perth und Sydney eine Nonstop-Verbindung
Millionen Liter von Wasser mussten damals für Dampfloks und Passagiere herangeschafft werden, denn in der Wüste gibt es keine einzige Quelle. So eindrucksvoll die technische Leistung ist, so beklemmend sind allerdings die sozialen Folgen des Indian Pacific.
Denn die Aborigines, die Ureinwohner Australiens, zogen neugierig Richtung der "Schlange des Teufels", wie sie die Trasse nannten. Weil sie sich mit Krankheiten infizierten, gegen die sie keine Abwehrstoffe hatten, und weil die Siedler die "Wilden" umbrachten, verschwanden bald ganze Völker - und damit eine einzigartige Kultur.
Zweiter Stop ist das erstaunliche Örtchen Cook. Hier tankt der Zug Wasser, das durch eine Pipeline aus dem 822 Kilometer entfernten Port Augusta herangepumpt wird. Cook hat bessere Zeiten gesehen. Das war, als der Indian Pacific noch ein staatliches Unternehmen war und die Zugbesatzungen an dieser Stelle ausgewechselt wurden.
Der private Betreiber "Australia Southern Railways" spart kräftig an Personal, und aus Cook wurde seit 1998 eine Geisterstadt. Nur der Wind und der Sand bewegen sich durch den Ort. Es scheint, als hätten die früheren Bewohner plötzlich alles stehen und liegen gelassen. Das Bishop Kirkby Memorial-Hospital verfällt, in der Schule liegen noch Hefte ("Wie viel Hühnchen kannst du zählen?").
Die Straße führt ins Nirgendwo. Ein Plakat erinnert an Murray Sims, den "Arbeiter, der am längsten dabei war - 28 Jahre". Er starb in Cook. Ein Spruch fordert ""If you are a crook, come to Cook" ("Wenn du ein Gauner bist, komm nach Cook").
Doch da sitzt schwitzend in einem kleinen Laden noch Jane Hallerton, eine äußerst stattliche Dame, die Getränke und Andenken verkauft. Stolz zeichnet sie Broschüren mit ihrem Namen und fügt hinzu: "Ich bin die Hälfte der Bevölkerung." Draußen herrschen 40 Grad Celsius im Schatten. Irgendwo muss auch ihr Mann sein, die andere Hälfte der Bevölkerung.
Wenige Kilometer weiter passiert der Zug bei Ooldea Australiens Atombomben-Testgelände. Hier zündete die britische Armee einst sieben Bomben - auch dies ein dunkles Kapitel in der Geschichte Australiens: Man hatte schlicht vergessen, die Aborigines zu warnen. Heute sichert ein Drahtzaun das riesige Territorium.
Am Sonntag früh morgens läuft der Zug in Adelaide, der Hauptstadt des Bundesstaats South Australia, ein. Viele Touristen steigen hier aus und fahren mit dem Auto weiter, um die malerische Südküste mit ihren langen Stränden, bizarren Felsen und alten Fischerdörfern zu erkunden.
Die Fahrt mit dem Indian Pacific durch Australiens einzigartige Natur und Vergangenheit ist Erholung und Geschichtsunterricht zugleich, aber nicht ganz billig: Eine Zweite-Klasse-Fahrkarte (Red Kangoroo) von Perth nach Adelaide für eine Zweierkabine kostet pro Erwachsener 879 Australische Dollar ( rund 460 Euro).