Indiana Land der Müßiggänger
"Urlauber legen bei uns meist nur einen Zwischenstopp ein", sagt Gregory A. Bedan vom Tourismusbüro Indiana. "Sie kommen für ein Wochenende aus benachbarten Bundesstaaten, um ein paar Tage in der Natur zu verbringen." Dabei ist Indiana mehr als nur einen kurzen Abstecher wert. Es bietet eine Mischung aus spannender Historie, erhabener Landschaft und gelassener Lebensart.
Tatsache ist aber auch, dass Indiana von der Landwirtschaft geprägt ist und dass Indianapolis, mit 1,6 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Bundesstaates, durch den Motorsport weltbekannt ist: Auf dem Indianapolis Motor Speedway kämpfen einmal im Jahr zum Beispiel die Formel-1-Teams um den US Grand Prix. Und wie Amerikaner feiern können, zeigen sie beim jährlichen Indy-500-Rennen -dann kommen 400 000 Besucher, um bei höllischem Motorenlärm gut gelaunt Wetten auf die schnellsten Fahrer abzuschließen, Hamburger vor dem Wohnmobil zu braten oder als Schotten verkleidet für Unterhaltung zu sorgen.
Ist das Rennen zu Ende, verlassen die meisten Zuschauer die Stadt wieder. Im Stau sind dann Nummernschilder aus allen Ecken der USA auszumachen: Kalifornien, New York oder Florida. Einige Race-Fans entspannen danach vielleicht noch ein paar Tage an einem der vielen grünen Flecken im südlichen Indiana. Wer von der sommerlichen Hitze und dem Lärm auf dem Motor Speedway genug hat, kann im wahrsten Sinne abtauchen: Indiana hat rund 2600 Höhlen. Im Süden finden sich davon gleich mehrere große, die auch für Besucher geöffnet sind.
Dazu gehören die Bluespring Caverns bei Tarry Park, die Squire Boone Caverns in Mauckport und die Wyandotte Caverns in Corydon. Spektakulär ist die Marengo Cave in Crawford County, die auch den Titel Historic Landmark vorweisen kann. Entdeckt wurde die gut eine Million Jahre alte Marengo Cave 1883 zufällig von zwei Kindern. Seit dieser Zeit sind einige Bereiche der Höhle, deren Länge auf 7,4 Kilometer geschätzt wird, zu besichtigen. Über eine schmale Treppe geht es hinunter in die Kühle. Auf den ersten Metern fürchtet man ob der flachen Decke noch um seinen Kopf, dann wird der Raum höher: Tausende von Stalagtiten und Stalagmiten spiegeln sich in einem nur wenige Zentimeter flachen See und bringen den Besucher zum Staunen.
Wer Marengo in südliche Richtung verlässt, gelangt über kurvige, kaum befahrene und von Wäldern gesäumte Straßen nach knapp 20 Kilometern an den Ohio. In Leavenworth kann man von der Aussichtsterrasse des Overlook-Restaurants - man muss hier nichts essen - einen Blick auf den Fluss werfen, der an den Rhein erinnert. Mit kräftigem Zug fließt das dunkelgrüne Wasser auf beeindruckender Breite dahin - nur verstellen hier am Ufer keine Häuser die Sicht auf die Natur. Ein paar Meilen die Straße hinab in Richtung Osten liegt Corydon. Im Jahr 1808 gegründet, wurde der Ort acht Jahre später bereits zur ersten Hauptstadt Indianas. Der Sitz der Regierung Indianas wurde erst 1825 nach Indianapolis verlegt. Das ehemalige State Capitol fungiert heute als Museum, in dem Besuchern die Geschichte des Staates nähergebracht wird.
Heute verbringen Müßiggänger ihre Tage auf dem Ohio. Im vorigen Jahrhundert diente er vor allem als Verkehrsweg zum Beispiel für den Transport von Kohle. Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges 1860 stellte der rund 1580 Kilometer lange Fluß auch eine wichtige politische Grenze dar: Südlich des Ohios lagen jene Staaten, die die Sklaverei befürworteten. Im Bürgerkrieg war Indiana gewissermaßen ein Grenzstaat. So kam es auch in Corydon zur Schlacht: Am 9. Juli 1863 stellten sich rund 450 Männer der so genannten Harrison County Home Guard 2400 konföderierten Soldaten auf ihrem Weg in den Norden entgegen. Den Vormarsch des Südstaatengenerals John Hunt Morgan konnten sie nicht stoppen. An das Gefecht erinnert heute noch der Battle of Corydon Memorial Park.
Friedlich geht es auf dem Land von Jim Pfeiffer zu, der sich über jeden Besuch freut; nicht weil es ihm in Corydon zu einsam ist, sondern weil er gerne Gäste auf seinem vor drei Jahren gegründeten Weingut "Turtle Run Winery" herumführt. Die 30 Hektar große Farm liegt eingebettet zwischen Wäldern und Farmland. Wein wird bisher nur auf einem Siebtel der Fläche angebaut - zwölf Sorten sind es derzeit. "Der Weinanbau hier in der Gegend wird gerade wieder belebt", erklärt Pfeiffer. Rund 60 Kilometer flussaufwärts liegen an den Ohio Falls die Städte Louisville - bereits in Kentucky - , Jeffersonville und Clarksville. In Jeffersonville befinden sich auch die Falls of the Ohio State Park. An den Wasserfällen sollte man unbedingt ein paar Stunden verweilen. Ein besonderer Ort sind die Ohio Falls vor allem für Archäologen: Vor 395 bis 345 Millionen Jahren erstreckte sich in der Gegend ein tropisches Meer.
An den Ohio Falls hat der Fluss ein versteinertes Korallenriff mit vielen Fossilien freigelegt. Am Ohio wurde aber auch ein wichtiges Stück US-amerikanische Geschichte geschrieben, an die das Museum ebenfalls erinnert: 1803 starteten in Louisville William Clark und Meriwether Lewis ihre berühmte Expedition zur Erkundung der westlichen Territorien. Mit einem Bruchteil des Entdeckergeistes von Lewis und Clark können Reisende in Indiana auch heute noch eine schöne Zeit erleben.
Sven Appel. gms