Indien: Pharaonische Sonnenbarke - DER SPIEGEL
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Indien Pharaonische Sonnenbarke

Das Riesenland einmal ganz anders: Per Hausboot hat sich unser Autor auf den Backwaters des südindischen Bundesstaates Kerala fortbewegt. Die Reise durch eine Märchenwelt aus Flüssen und Kanälen widerspricht manchem Klischee.
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz nach Sonnenuntergang auf dem Kayamkulam-See bei Quilon: Schemenhaft zeichnen sich die Palmenhaine an den Ufern noch im letzten Dämmerlicht ab. Das Hausboot "Sulapa" hat Anker geworfen. Ölfunzeln flackern im lauen Tropenwind. Aus der Ferne dringt Musik auf den See hinaus - ein Tempelfest irgendwo in einem der nahen Dörfer. Und plötzlich summt die Dunkelheit ein Lied - Strophe für Strophe kommt es näher.

Leise, melodisch, sanft. Wir starren vom Vordeck aus in die Nacht: Ein Fischer paddelt mit seinem winzigen Einbaum durch die Nacht zu seinen Netzen. Er wähnt sich ganz alleine auf dem See und singt seine Lieder. Zwischen den Zeilen holt er Luft. Am Ende jeder Strophe hält er einen Moment lang inne, als ob er zwischendrin in den Sternenhimmel staunt.

Alles ist so friedlich, so still: Auftakt zu einer Hausboot-Reise auf den Backwaters des südindischen Bundesstaates Kerala, wo sich ein 1500 Kilometer langes Netz aus Flüssen, Kanälen und Seen knapp hinter der Küste erstreckt - oft nur ein paar dutzend Meter vom Strand der Arabischen See entfernt.

Nur ein paar Jahre ist es her, da ging es auf den Backwaters noch zu wie heute auf den Asphaltpisten: Lastkähne besorgten den Warenverkehr zwischen Trivandrum im Süden Keralas und Calicut im Norden, zwischen Quilon und Alleppey. Lastwagen haben diese Aufgabe inzwischen übernommen, sind billiger und schneller. Strecken, für die die Kähne drei Tage gebraucht haben, bewältigen die höllenlauten Benzinschlucker in weniger als acht Stunden. Das Ende der Binnenschiffahrt, Arbeitslosigkeit für die Bootsleute, Pleiten für die meisten Werften - bis die Idee geboren war, Urlauber aufs Wasser zu locken.

Ein paar der 25 Meter langen und maximal drei Meter breiten "Kettuvalam"-Lastkähne, deren Rümpfe aus dem Holz des Jack-Fruit-Baums ohne einen einzigen Nagel nur mit geteerten Kokosseilen zusammengezimmert und mit Cashew- und Fischöl abgedichtet wurden, bekamen maßgeschneiderte Aufbauten verpasst: zwei Doppelkabinen mit Toilette und Duschvorrichtung, kleine Küche, luftigen Aufenthaltsraum, Dächer aus Bast und Bambus, Matten aus Kokosfasern, alles aus natürlichen Materialien.

Fünf Mann Besatzung hat das Hausboot "Sulapa" - einen Steuermann, einen Maschinisten, der sich bei Bedarf um den 25 PS-Außenborder kümmert, einen Bootsmann, einen Koch und einen Fremdenführer.

Wasserkarten braucht keiner der Backwater-Schiffer - wahrscheinlich könnten sie nicht einmal etwas damit anfangen. Sie kennen ihren Weg, wissen von Sandbänken und Untiefen, sind aufgewachsen auf diesen Gewässern.

Zeitvorstellungen geraten bei so einer Backwater-Bootsreise ins Hintertreffen. Und Pläne werden dort, wo Zeit keine Rolle spielt, ständig neu geschmiedet. Gehalten wird ganz nach Lust ohne Laune: dort, wo sich am Ufer gerade ein Spinnrad dreht. Dort, wo gerade Reis gedroschen oder Fisch verkauft wird. Dort, wo Menschen uns zuwinken.

Ein neuer Morgen: Leise plätschern die Wellen. Der Wind kräuselt die 1500 Fluss- und Kanalkilometer durch den Palmenwald. Wie eine pharaonische Sonnenbarke gleitet "Sulapa" ("die Allgegenwärtige") still durchs Paradies.

Steuermann Sadasivan steht auf der vordersten Spitze des Kahns und stakt ihn mit einem vier Meter langen Bambusrohr voran. Ein Fischerboot geht längsseits. Bordkoch Reghu verhandelt kurz und kauft einen ganzen Korb voller Karimeen - kleine, sehr schmackhafte, grätenreiche Fische mit Pünktchen auf den Schuppen.

Erstaunlich, was Reghu auf zwei propangasbeheizten Herdplatten in der winzigen Bordküche alles zurechtzaubert: zu jeder Mahlzeit fünf, sechs verschiedene warme Gemüsebeilagen ("Curries"), dazu höllenscharfe Mango-Pickles, Reis, Fisch, frische Früchte, Kokosnussraspeln, knusprige Papadam-Brote aus Reismehl.

Das Hausboot wird zur Attraktion: Ein paar Kinder haben sich am Ufer versammelt, schauen neugierig herüber und radebrechen auf Englisch. Ein vielleicht 14-jähriger Junge hat erfragt, dass wir aus Deutschland kommen und will nun über die Reling hinweg wissen, wie es denn in unserer Heimat so sei. "Kalt" hat er noch erwartet, aber dass dort nicht einmal Palmen wachsen, hat ihn dann doch erstaunt. "No palm trees?" fragt er ungläubig. Aloysius ist sein Name, ein Hindu, auf dessen Stirn das Zeichen des Gottes Vishnu prangt. Ein anderer Junge mit unaussprechlich langem Namen wiederum trägt ein Kreuz um den Hals - ein Christ.

Kerala entspricht nicht den gängigen Indien-Klischees: Hier gibt es keine handfesten Auseinandersetzungen zwischen den Religionen, zwischen Hindus, Moslems und Christen, keine schrecklichen Slums, stattdessen eine gut funktionierende Gesundheitsversorgung und Schulpflicht. Selbst in den endlegensten Dörfern lernen die Kinder die Regionalsprache Malayalam, dazu Hindi und Englisch. Und sogar entlang der Backwaters sieht man immer wieder Schulgebäude - zu erkennen immer an den üppig bestückten Bonbongeschäften gleich vor der Schulhof-Pforte.

Die Sonne verschwindet langsam hinter den Palmen und tropft knallrot den Horizont hinunter. Wieder brennen die Ölfunzeln, wieder tauchen singende Fischer auf. Und was mit "es war einmal" beginnt, muss so enden: "Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" - irgendwo im Paradies, irgendwo in den Backwaters von Kerala.

Infos: Südindien-Spezialveranstalter Comtour, Ruhrstr.40 in 45219 Essen-Kettwig, Tel. 02054/9547-0.