Indiens Süden Bombays sterbende Elite
Wenn Khojeste Mistree von der guten alten Zeit spricht, sagt er zum Beispiel: "Früher haben die Geier eine Leiche in wenigen Stunden verschlungen." Jetzt schwebt am dunstigen Mittagshimmel nicht ein Geier. In der grünen Insel verborgen stehen die dakhmas, die Türme des Schweigens: Seit jeher legen Parsen ihre Toten in diese nach oben offenen Gemäuer, damit die Geier sie fressen und der Tod die Elemente nicht besudelt. Wie es die Lehre Zarathustras verlangt. Der Prophet hatte im sechsten Jahrhundert vor Christus im heutigen Iran eine Religion gestiftet, in der sich jeder gegen das Schlechte und für einen Gott der guten und gerechten Ordnung entscheiden kann. Rituelle Reinheitsvorschriften sollen sowohl den Menschen wie die Elemente vor Befleckung durch die Kräfte des Bösen schützen.
Seit einigen Jahren aber sind die Geier verschwunden. Offenbar töten Medikamentenrückstände in Tier- und Menschenleichen die Vögel. Für Bombays Parsen bedeutet das eine Katastrophe. Denn Doongerwadi liegt mitten im nobelsten Wohnviertel der Metropole, und aus der Nachbarschaft kamen Klagen über den Leichengestank. Auch die Parsen fanden die Vorstellung grauenhaft, ihre Toten könnten, statt von Geiern beseitigt, tagelang in der Sonne faulen. Schließlich wurden in den Dakhmas Sonnenkollektoren installiert, damit in deren konzentrierter Hitze die Leichen verdorren, und im allgemeinen wurde die Lösung erleichtert begrüßt - außer von orthodoxen Parsen wie Khojeste Mistree. Er sieht darin eine verkappte Kremation und also eine Sünde. "Ich habe Weisung gegeben, mich nicht in den Toaster zu legen."
Das große Waldgrundstück für die Dakhmas wurde den Parsen im 17. Jahrhundert von den Briten zur Verfügung gestellt. Die Kolonialherren wollten, dass sich möglichst viele Mitglieder dieser tüchtigen Gemeinschaft in der neuen Hafenstadt ansiedeln, und sie boten den Parsen, die bislang hauptsächlich in Gujarat als Bauern und Händler ansässig waren, Religionsfreiheit und Land. Seither ist der Doongerwadi den toten Parsen vorbehalten. 54 Morgen. "Das wertvollste Stück Land in Indien", sagt Mistree.
Vorspiel zum Grabgesang
Schwärmerisch erzählt er von den Traditionen der Zoroastrier im Iran, von wo die Vorfahren der Parsen zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert an die Westküste Indiens geflohen sind, nachdem ihre Heimat von den Muslimen erobert worden war. Nun hätten die Parsen, zumal in Bombay, wo die allermeisten von ihnen leben, mit dem "Druck der säkularisierten Welt" fertig zu werden.
Man sieht weit über die Stadt von seiner Terrasse: ein glitzerndes Häusermeer, das gegen die Arabische See brandet und zum Festland hin uferlos zu sein scheint. Und jeden Tag wächst es weiter, kommen neue Menschen dazu, rücken sie enger zusammen. Mehr als 1000 Arme treibt die Hoffnung jeden Tag aus den Dörfern in die Metropole, wo schon zwölf Millionen leben. Die Zahl der Parsen aber wird immer geringer. Hält der Rückgang an, würden sie im Jahr 2020 nur noch 23000 Angehörige zählen. Die Unesco hat ein Projekt zur Konservierung ihrer Kultur gestartet - das Vorspiel zum Grabgesang.
In Bombay leben heute noch ungefähr 50.000 Parsen, aber es sterben jedes Jahr etwa 1000 von ihnen, während nur 300 geboren werden, und viele Junge gehen ins Ausland. Dabei haben die Parsen mehr zum Werden Bombays beigetragen als jede andere Gemeinschaft: Fabriken und Werften, Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser, Straßen, Banken. Und bald soll es sie womöglich nur noch "im Museum geben", wie sie scherzen.
Die Stadt ist voll mit Denkmälern der Parsen, die in ihr eine wichtige Rolle gespielt haben. Und wie bei einem bedeutenden Familienclan, dessen Ahnengalerie auf immer weniger Schultern lastet, können die Nachkommen nicht anders, als sich mit ihnen zu vergleichen. Wo sind heute die Männer dieses Formats? Natürlich - das war auch eine andere Zeit, damals; einfacher, für die Parsen. Dass man sich auf die Geier verlassen konnte, ist da nur ein Detail.
Club der alten Männer
"Die Verhältnisse heute ... Wir Parsen haben eben bestimmte Werte ..." Der Anwalt im Ripon Club macht ein Gesicht, als fasste er etwas mit spitzen Fingern an, und lässt seine Sätze unvollendet. Zumindest so viel: "Wenn unsere Jungen ins Ausland gehen, machen sie fabelhafte Karrieren."
Der Ripon Club im Stadtteil Fort wurde 1884 exklusiv für Parsen gegründet. Das gilt bis heute, und auch die Einrichtung des lichten Raums hat sich offenbar kaum geändert: die Ledersessel, die dunklen Holzregale an den cremefarbenen Wänden, die Liegestühle für das Nickerchen nach dem Essen. Um zwei Uhr sind dort schon die ersten Zeitungen auf Bäuche gesunken. Durch die offenen Fenster dringt der spezielle Straßenlärm indischer Metropolen. Unweit des Clubs schlug einst das kommerzielle Herz der Stadt. Im Verlauf der wirtschaftlichen Liberalisierung Anfang der 1990er Jahre wuchsen zwar dann am Nariman Point die weißen Bürotürme empor, in denen heute die wirtschaftlichen Geschicke des Landes bestimmt werden, doch auch im Stadtviertel Fort herrscht weiter kaufmännische Betriebsamkeit. Der Oberste Gerichtshof ist ganz in der Nähe, an dem die Parsen überproportional vertreten sind, und auch der Firmensitz von Tata, einem der größten Konzerne Indiens, gegründet von einem Parsen.
Jamsetji Tata ist einer der großen Alten, an denen sich Parsen heute messen. "Wo ist der Unternehmergeist geblieben?", hört man sie seufzen. Unverzüglich folgt dann die Klage über die "Verhältnisse heute". Wohin man schaue: Korruption, Verdorbenheit. Ein Klima, so geben sie zu verstehen, in dem Parsen mit ihrer Korrektheit und ihrem Pflichtverständnis schlecht gedeihen. Zur Tischrunde im Ripon Club gehört noch ein zweiter Jurist. Mit seinen kurz geschorenen Haaren erinnert er trotz Pfeife und Brille an einen kleinen Jungen, vor sich ein Sandwich und eine Flasche Cola. Mit einer Kopfbewegung zeigt er auf eine Büste, die am Eingang steht: Pherozeshah Mehta, Gründungsvater des Ripon Club und der Municipal Corporation, der Stadtregierung. "Der beste Bürgermeister, den Bombay je hatte. Haben Sie seine Statue vor der Stadtverwaltung gesehen? Ich bin gespannt, wie lange die noch steht. Jetzt gibt es andere Helden."
Er spielt auf Shivaji an, den kriegerischen Führer des Marathen-Volkes im 17. Jahrhundert, und auf die Partei Shiv Sena, die ihn zu ihrer Lichtgestalt gewählt hat. Die chauvinistische Bewegung hat sich in den 1960er Jahren formiert und wurde so stark, dass sie seit Mitte der 1980er Jahre die Stadtregierung kontrolliert. Seitdem heißt Bombay offiziell wie auf Marathi Mumbai, und aus dem Bahnhof Victoria Terminus wurde Chatrapathi Shivaji Terminus. "Maharashtra für die Marathen" forderte die "Armee Shivas". Was auf Bombays Wesen zielte, denn die Stadt der Einwanderer ist von den Erbanlagen her geradezu kosmopolitisch.
Lesen Sie hier den zweiten Teil: Die lange Theatertradition der Parsen
"Bombay war immer eine offene Stadt, die jedermann willkommen hieß." Sohrab Ardeshir ist Schauspieler, ein großer Mann in losem Hemd, dem seine Charakternase zu vielen Rollen in Werbespots verhilft - Theater ist in Bombay eine brotlose Passion. Die Parsen aber haben eine lange Theatertradition: Die ersten Komödien der Stadt sollen parsische Ärzte verfasst haben, um ihren Patienten gesunde Lachanfälle zu bescheren. Doch in den letzten Jahren, sagt Ardeshir, sei in Bombay ein Drama gespielt worden: ein Kampf um Bombays Seele, die alte tolerante, kosmopolitische Metropole gegen sich breit machenden Fundamentalismus.
Der Schauspieler erzählt ein Beispiel für die militante Engstirnigkeit der Shiv Sena: In einem Hotel sollte seine Gruppe am Valentinstag ein englischsprachiges Stück namens "Love Letters" aufführen. Die radikalen Hindus von der Shiv Sena erklärten den Valentinstag zum Symbol westlicher Korruption, und im Hotel ging eine Branddrohung ein. "Worauf die Vorstellung natürlich abgesagt wurde."
Ardeshir zündet sich eine Zigarette an und erklärt auf den verwunderten Blick hin, es sei ein Mythos, dass Parsen nicht rauchten. Aber redet er von dieser Stadt? Im Terrassencafé des Prithvi-Theaters sitzen junge Frauen in Schlaghosen und eng anliegenden Oberteilen, und es gibt cappuccino und latte macchiato, was korrekt geschrieben in der Karte steht - in Europa ist das außerhalb Italiens eher selten.
Zehn Jahre hat Ardeshir in New York gelebt, vielleicht hat das seinen Blick geschärft. Aber auch viele seiner Freunde, glaubt er, erkennen die Stadt nicht wieder. Was als "westlich" gelte, werde entmutigt, sagt später ein erfolgreicher Modefotograf in seinem Studio in Südbombay. Früher habe er in den hiesigen Medien seinen Geschmack widergespiegelt gefunden - "jetzt gilt es als politisch inkorrekt, Hindifilme nicht zu mögen".
Eine Minderheiten-Zeitschrift
Ein anderer Parse, Jehangir Patel, ist Chefredakteur der Parsen-Zeitschrift "Parsiana". Die Redaktion arbeitet im Erdgeschoss einer überflüssig gewordenen Entbindungsklinik der Parsen, eines Kolonialbaus mit blinden Fenstern hinter staubigem Pflanzengeschlinge, in dessen Treppenhaus der Putz von den Wänden blättert und sich Taubendreck auf dem Marmorkopf des Gründerarztes sammelt.
Die Zeitschrift gewährt einen guten Einblick ins Leben der Gemeinschaft; sie informiert über das, was diese quält - und spaltet. Etwa ein Drittel der Parsen in Bombay heiratet gegenwärtig einen Nicht-Parsen, aber die dürfen nicht konvertieren, und auch die Kinder werden nur dann durch das Ritual des navjote, der "neuen Geburt", in die religiöse Gemeinschaft aufgenommen, wenn ihr Vater Parse ist. Dabei behaupten die Orthodoxen, die parsische Gemeinschaft habe überhaupt nur dank solcher althergebrachter Gesetze in fremder Umgebung so viele Jahrhunderte überdauern können. Sie seien in 14 Booten übers Meer gekommen, so sagt einer - und immer noch da.
Tags darauf wird ein achtjähriges Mädchen in den Glauben aufgenommen. Die Navjote-Zeremonie findet am frühen Abend in einem kleinen, von hohen Wohnhäusern überragten Hof statt, und es ist ein schönes Bild, wie hier, umgeben vom Licht und Lärm der Metropole und davon dennoch völlig unbehelligt, die alten Riten vollzogen werden. Das Mädchen, dessen großer Tag es ist, sitzt, ganz in Weiß gekleidet, in einem kleinen Pavillon, umgeben von vier Priestern in ebenfalls weißen Gewändern. Nachdem die Gebete gesprochen sind, in einer uralten Sprache, erhält das Kind das sudrah - ein dünnes Baumwollhemd, das es von nun an sein ganzes Leben lang tragen soll als ständige Mahnung, ein gutes Leben zu führen. Dann regnen Rosenblüten auf das Mädchen nieder, und die Musik setzt ein, aus Lautsprechern, eine sehr poppige Version von "Congratulations".
Eine zu vernachlässigende Größe
Noch ist nur die Familie zugegen, doch bald werden die restlichen Gäste eintreffen. Man wird gedämpften Fisch und Huhn von Bananenblättern essen, Wein trinken und wieder einmal beweisen, dass Parsen zu feiern verstehen. Und selbst auf so einem Fest wird man unbekümmert die Details des Todes erörtern. Die Klagen der Doongerwadi-Anrainer seien übertrieben, sagt eine Verwandte, eine resolute, üppige Frau - "man munkelt von Knochen auf den Balkonen, dabei ist doch erwiesen, dass die Vögel mit einer solchen Last im Mund nicht fliegen können."
Und auch die Frage nach der Zukunft wird wieder gestellt. Ein Onkel verkündet fröhlich: "Wir sind jetzt eben eine zu vernachlässigende Größe, damit muss man leben." Ein anderer sagt mit Blick auf seine reizende halbwüchsige Tochter: "Wichtig ist, dass sie einen Parsen zum Mann findet." Und eine ganze Weile bleiben seine Augen prüfend auf ihr liegen.
Aus dem "GEO Special"-Heft 5/2004, "Indiens Süden"