Inseln Hongkongs Grünes Wunderland
Es ist noch nicht richtig hell, aber das Geräusch ist schon da. Hört sich an, als ob irgendjemand drei Schrottautos an einer Eisenkette über einen Parkplatz voller zerbrochener Glasflaschen schleifen würde. Kommt von einem Schiff, das Geräusch.
32 Stockwerke weiter unten schütten sie den Hafen auf. Mit diesem Schiff, auf dem ein gigantischer Steinhaufen liegt, dessen Felsbrocken nach und nach von einer Baggerschaufel ins Wasser geschoben werden. Das machen sie schon seit längerem. Victoria Harbour, Hongkongs Markenzeichen, ist mittlerweile um einiges schmaler als noch vor - sagen wir - zehn Jahren. Und mittlerweile regt sich deswegen sogar Protest. Bürgergruppen demonstrieren gegen das Projekt, Anwälte prozessieren und jeden dritten Tag meldet sich ein besorgter Feng-Shui-Experte zu Wort. Neinneinnein! Dieses sukzessive Zuschütten des Hafenbeckens sei überhaupt nicht gut, schließlich sei es die Lage, die den Reichtum der Stadt überhaupt erst begründet habe: hinten hoher Berg, vorn tiefes Wasser - mithin ein perfektes Chi.
"Hören Sie endlich auf mit dem Auffüllen unseres Hafens!", forderte ein empörter Leserbriefschreiber in der "South China Morning Post" von wem auch immer, "legen Sie uns stattdessen lieber einen neuen Park an!". Hongkong ist vieles gewöhnt in diesen Tagen.
Der Trend zu mehr Grün und der Erhaltung natürlicher Landschaften aber - soweit man bei einem Hafenbecken davon sprechen kann -, der ist neu. Bislang gehörte die Stadt immer zu jener Hand voll Metropolen, an denen ein unübersehbares Etikett mit der Aufschrift "Zukunft!" klebte. Die kühnsten Architekten, die verwegensten Designer, die "Blade Runner"-Visionäre und Städtebau-Futuristen - wo wirkten die? Richtig: in Hongkong! Und wo arbeiten die gerade? Auch richtig: in Hongkong!
Hongkong ist längst grün
Norman Foster zum Beispiel will Kowloons Waterfront erweitern und das Resultat unter ein gewaltiges Glassegel setzen. Aber wo demnächst Theater, Konzerthallen und Oper stehen sollen, schwappte bis vor kurzem noch Wasser und deshalb sind längst nicht alle Einwohner Hongkongs von den Plänen begeistert. Und auch nicht davon, dass der Entwurf zwar Büsche und Bäume vorsieht, aber keinen Park.
Dabei ist Hongkong längst grün. 70 Prozent seiner Gesamtfläche sind Wald und Wiese. Und 40 von diesen 70 Prozent stehen als Country Parks unter Naturschutz. Glaubt man nicht, oder? Es gibt sie aber wirklich, die verschwiegenen Buchten und die Täler mit wilden Büffeln, die Tempel im Dschungeldickicht und die Trekkingpfade und die Fischerdörfer auf Stelzen, es gibt sogar einige davon.
Natürlich sieht man nichts von ihnen, wenn man seine Tage in den Malls von Central und Admiralty verbringt. Wenn man aber einen Bus oder eine Fähre nimmt und hinausfährt an die Ränder der Special Administrative Region (SAR), dann findet man dort ein ganz anderes Hongkong. In Mai Po beispielsweise, ganz im Norden der New Territories, wo Ornithologen ein Vogelparadies in den Marschen geschaffen haben und jeder Baum unter der Last von Hunderten Kormoranen ächzt. Auf Lantau, wo der Große Buddha auf der Spitze einer durch und durch grünen Insel hockt. Oder auf der Sai Kung Peninsula, einem Wunderland aus Wäldern, Buchten und Stränden.
Abends sitzt man dort bei fangfrischem Seafood, nippt am Weißwein und schaut hinaus auf die Inseln und Inselchen. Und fragt sich, warum um alles in der Welt sieben Hongkong-Reisen vergehen mussten, bevor dieses Sai Kung zum ersten Mal auf dem Programm stand.
Lantau war die Leprakolonie
Wer das andere Hongkong entdecken möchte, beginnt am besten mit Lantau. Das war lange Zeit nur über den Wasserweg zu erreichen und davor noch längere Zeit überhaupt nicht: Lantau war die Leprakolonie der Kronkolonie. Dann aber haben sie dort draußen Mitte der 1990er Jahre den neuen Flughafen gebaut (auf einer aufgeschütteten Zusatzinsel, klar), und plötzlich war die Insel per Brückenschlag mit dem Festland verbunden.
Weil es bis zu diesem Zeitpunkt nur eine Hand voll Autos gab und man ahnte, dass Lantau innerhalb weniger Tage nach Eröffnung der Brücke einen Verkehrskollaps erleiden würde, wurde eine besondere Regelung ersonnen. Jetzt darf jeder mit dem Auto auf die Insel fahren, muss aber in Tong Chung parken und anschließend mit Bus oder Taxi weiter. Deswegen kann man auf Lantau weiterhin gefahrlos auf der Straße spazieren gehen. Oder Fahrrad fahren.
Und deswegen ist das einzige Geräusch, das man bei einem Mittagsbummel durch die Gassen von Tai-O hört, das Klackern der Mahjong-Steine. Tai-O ist so ein Postkartendorf, wie man es aus dem ländlichen China kennt: ein kleiner Hafen mit kleinen Schiffen drin, Häuser auf Stelzen, dahinter ein Gewirr aus schmalen Gassen, in denen man über dösende Hunde steigen muss. Die Frauen tragen Hüte wie umgestülpte Kuchenformen aus Bambus und säubern Fische. Die Männer hocken auf Plastikstühlen, rauchen und sehen die Fernsehnachrichten.
Als die Kommunisten in China die Macht ergriffen, sind Hunderte Mönche, Nonnen, Künstler und Intellektuelle nach Lantau geflohen. Heute gibt es 15 Klöster auf der Insel, einige Galerien und Mister Yun Dan: Maskenschnitzer, Maler, Dissident. Aufs Festland zurück? In die Stadt? Er zuckt mit den Schultern. Er blickt hinaus aufs Meer. Er hält sich spielerisch die Hand hinters Ohr, als würde er lauschen. Dann lacht er.
Wilde Büffel! In Hongkong!
Ein paar Kilometer weiter ist es alles andere als still. Es ist nie still, wenn eine Herde wilder Büffel in Aufruhr gerät. Irgendwas hat sie erschreckt, nun stampfen sie hin und her und geben ganz seltsame Grunzlaute von sich. Lantaus wilde Büffel sind berühmt. Hauptsächlich, weil es so etwas wie sie überhaupt gibt in Hongkong. Wilde Büffel! In Hongkong! Außerdem sind sie berühmt, weil sie manchmal auch über die Strände im Süden der Insel trotten und dort an den Badetüchern der Strandgäste knabbern, denen in solchen Momenten sämtliche Farbe aus dem Gesicht weicht. Auch deshalb würden Lantaus Tierfreunde die Büffel gern in einem Biotop sehen.
Und wenn man schon einmal dabei ist, wäre auch ein Informationszentrum für die Vogelwelt der Insel ganz nett, vielleicht draußen am Rand der Marsch bei Mui Wo. Mehr Aufmerksamkeit für die rosafarbenen Delfine im Meer vor der Insel. Und ein Schmetterlingspark für Lantaus 260 Arten. Das ist übrigens einsamer Rekord: Nirgendwo auf dem Planeten gibt es auch nur annähernd so viele Arten an einem Ort. Vorschläge für alle diese Projekte liegen auf dem Tisch der Verwaltung. Die plant allerdings stattdessen den Bau eines Gefängnisses. Für 7500 Insassen.
Die Sonne geht unter, das Grün Lantaus wird erst dunkelgrün und dann fastschwarz, der Tian Tan Buddha oben am Po-Lin-Kloster leuchtet im Abendlicht. Ein Schwarm Vögel kommt vom Meer zurück, schwarze Schatten vor einem milchig blauen Hintergrund.
Wenn man die Augen zusammenkneift, kann man am Horizont die Skyline von Aberdeen auf Hongkong Island sehen. Das ist übrigens an vielen Orten in den grünen Teilen Hongkongs so: Im Dunst am Ende des Gesichtsfelds recken sich immer ein paar Hochhäuser in den Himmel. Was in Verbindung mit Stelzenbauten und aufgespannten Fischernetzen im Vordergrund ein ziemlich surreales Gesamtbild ergibt. Als habe das Ganze ein Kulissenhersteller für Sciencefiction-Filme entworfen und anschließend in der Landschaft stehen gelassen. Als sei dieses Hongkong am Ende doch eine Stadt zwischen den Welten und zwischen den Zeiten.
Auf Lamma Island geht diese Kombination von Tradition und Futurismus optisch leider gar nicht gut aus. Drei hässliche Schlote eines Kraftwerks ragen in den Inselhimmel und ziemlich enttäuscht stapft man von Sok Kwu Wan über den hohen Bergrücken, aus dem Lamma hauptsächlich besteht, hinüber zum anderen Ende der Insel. Wo einem Frau Ching Po dann kichernd erklärt, dass man sich schön blöd angestellt habe - man hätte eben die andere Fähre nehmen sollen. "Die nach Yung Shue Wan! Nach Yung Shue Wan! Und dann geht man von dort nach Sok Kwu Wan und hat die Schlote immer im Rücken und nie vor Augen." Sie kriegt sich gar nicht mehr ein, so kichert sie. Ching Po ist eine lokale Berühmtheit auf Lamma, wegen ihrer Tofuspeisen, die sie unter einer Art grüner Militärzeltplane zubereitet, mit der sie sich den Spaziergängern auf Lammas einzigem Inselpfad in den Weg gelagert hat. Vor ein paar Jahren hat sogar die "New York Times" über sie berichtet, was ihre Stellung im Dorf auf präsidiales Niveau gehoben hat. Jetzt ist sie fast 70, sieht aber zehn Jahre jünger aus und hat sich offensichtlich den Humor einer 20-Jährigen bewahrt, jedenfalls erzählt sie ihren Freundinnen lachend das mit dem Fremden und der falschen Marschrichtung. Da amüsiert sich ein ganzes Altenheim. Der Tofupudding schmeckt trotzdem ziemlich klasse.
Wo wir gerade dabei sind: Es gibt noch mehr berühmte Inselbewohner. Schauspieler Chow Yun Fat stammt von Lamma. Und Lee Lai-shan, Hongkongs einzige Gewinnerin einer olympischen Goldmedaille, hat ihre Surfkniffe auf Cheung Chau erlernt. Das ist übrigens das liebste Ausflugsziel der Hongkonger, die das kleine Cheung Chau in den vergangenen Jahren zu einer trubeligen Kurzurlaubsinsel gemacht haben.
Hongkongs junge Verliebte fliehen nach Cheung Chau
Überall gibt es nette Cafés und Kneipen und im Hafenbecken liegen Dutzende Fischfarmen, die wiederum Dutzende Seafood-Restaurants an der Mole versorgen (Hongkongs Fischer fahren in der Regel nur noch hinaus aufs Meer, um Futterfische für diese Fischfarmen zu fangen; was in den Restaurants serviert wird, stammt in der Regel aus den Farmen). Ankommende Fähren werden von einem Schwarm Zimmervermieter begrüßt, die sich vor allem auf junge Pärchen stürzen: Weil sich Hongkongs "Generation SMS" zu Hause durchschnittlich 40 Quadratmeter Apartmentfläche mit drei Generationen Familie teilen muss, fliehen Hongkongs junge Verliebte am Wochenende gern auf die Insel.
Das unterscheidet Cheung Chau von den anderen Inseln und Regionen hier draußen: Es hat einen jugendlichen Flair. Überall sonst auf den so genannten Outlying Islands sind nur die Alten geblieben, die zwei jüngeren Generationen sind fort, nach Kowloon oder in die New Territories oder gleich nach Shenzhen, den Fabriken und Arbeitsplätzen und dem großen Geld hinterher. Und in Shek Kin auf der Sai Kung Peninsula lebt überhaupt niemand mehr. Die Häuser in der Bucht am Ende der hufeisenförmigen Meerenge verfallen und über dem Ort liegt eine melancholische Atmosphäre. Irgendwo ruft ein Vogel. Das Wasser schwappt träge gegen eine Bootsanlegestelle, an der keine Boote mehr anlegen. Im Hintergrund marschieren dunkelgrüne Hügel ordentlich gestaffelt in Richtung der chinesischen Grenze.
Jede Stadt und jede Region hat ja ihre unwiderstehlichen Momente, in denen sie ihre Besucher packt. Dann hält sie die Zeit kurz fest und raunt so etwas wie: Hey, hier bin ich - schau mal her! Und das sind dann jene Sekunden, in denen man alles liegen und stehen lässt. Um zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu schmecken. Und zu staunen.
Der Wald explodierte mit Schmetterlingen
Dieser frühe Morgen in diesem von Gott und der Welt verlassenen Örtchen Shek Kin war so ein Moment: Als werde das Land genau an diesem Morgen zum ersten Mal überhaupt geweckt. Als werde es frisch ausgepackt aus Buchtendunst und Morgennebel, ein bisschen gewienert und anschließend zur weiteren Verwendung zur Verfügung gestellt. Man konnte dabei zusehen, wie sich die Nebelschwaden über dem Wasser und zwischen den verlassenen Häusern auflösten. Und als die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen hervorkrochen, explodierte der Wald mit Schmetterlingen.
Sai Kung: Das ist Hongkongs Garten, 7600 Hektar Naturschutzgebiet, von denen die meisten nur über Trekkingpfade oder mit dem Boot zu erreichen sind. Der Name bedeutet so viel wie "westliche Gegend", obwohl Sai Kung ganz im Osten der New Territories liegt. Während man noch über dieses Mysterium nachgrübelt, hält einem ein Kellner in Sai Kung City (das natürlich keine richtige Stadt, sondern nur ein etwas größerer Ort ist) eine Speisekarte unter die Nase, "Welcome to Sai Gon Restaurant!" steht da drauf. Sai Gon? Sai Kung? "Same same", sagt der Mann. Und erklärt in gebrochenem Englisch, dass die südvietnamesischen Boat People, die in den Siebzigern zu Zehntausenden in Hongkong strandeten, den damals noch namenlosen Hafen nach ihrer alten Heimat benannt haben. Weil er sie so an Saigon erinnerte.
Sai Kung City mag von allen Orten und Städtchen vor den Toren Hongkongs dann auch am ehesten wie eine richtige Stadt aussehen - ein paar Bootsminuten später liegen Fischerorte wie Kau Lau Wan wieder wie ausgestorben in der Nachmittagssonne. Ein paar Frauen wenden Seegras und Algen auf großen Bastmatten, zwei Kinder spielen Fußball, ein Großväterchen humpelt die Treppe zum Pier hinunter.
Längst im neuen Jahrtausend angekommen
Aber sonst? Leere Gassen, verlassene Plätze, wie in einem Kung-Fu-Film, bevor die Schurken kommen. Wo sind denn die alle? Der Mann in der kleinen Garküche weiß Bescheid. "Sind alle mit den Booten draußen", sagt er. Aha, denkt man, ein fleißiges Fischervölkchen also. Ach was, sagt der Mann mit dem Wok, die Fischerei lohne sich doch kaum noch, das Dorf lebe jetzt vom Handel. "Wir kaufen in China ein und verkaufen in Hongkong. Und dann kaufen wir in Hongkong und verkaufen in China."
Auf die Frage, ob man diesen Vorgang mit dem Wort Schmuggel zusammenfassen könne, lacht er verschmitzt. "Sagen wir es so: Wir nutzen einfach die vielseitigen Möglichkeiten der Marktwirtschaft." Es sind solche Begegnungen, die einen aus der kurzfristigen nostalgischen Verklärung - wie friedlich, wie idyllisch, wie romantisch das hier draußen ist! - wieder in die Realität zurückholen.
An seinen Rändern mag Hongkong auf den ersten Blick an ein Pastellgemälde aus dem vorletzten Jahrhundert erinnern, aber natürlich sind die Menschen auch hier draußen auf den kleinen Inseln längst im neuen Jahrtausend angekommen. Die gewonnenen Hongkong-Dollar werden in bessere, größere und schnellere Boote und bessere Häuser und Straßen investiert. Und irgendwann wird auch dieses andere Hongkong ganz langsam zu verschwinden beginnen.
Und wenn sie mehr Platz bräuchten, würden sie in Sok Kwu Wan und Yung Shue Wan und Kau Lau Wan natürlich auch das Hafenbecken zuschütten. Natürlich würden sie das.