Interview mit Expeditionsarzt: Das größte Problem sind Erfrierungen - DER SPIEGEL
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Interview mit Expeditionsarzt Das größte Problem sind Erfrierungen

Der Freiburger Eike Mrosek will in diesem Jahr den Gipfel des Mount Everest erreichen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Arzt über Erfrierungen, Hirn- und Lungenödeme - die gefährlichsten Auswirkungen der eisigen Höhen auf den Körper.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Mit welchen Problemen kämpfen die Bergsteiger in der Höhe des Mount Everest am meisten?

Eike Mrosek: Mit Erfrierungen. Ich selbst habe mir vor ein paar Tagen sechs Fingerkuppen angefroren. Das ist nicht weiter schlimm. Erfrierungen ersten Grades, wie ich sie hatte, erkennt man an weißer und gefühlloser Haut. Diese heilen wieder von alleine aus. Es kann jedoch sehr lange dauern, bis das Gefühl in den Fingerkuppen wieder vollständig zurückkehrt. Allerdings merkt sich der Organismus die Schädigung des Gewebes. Deshalb könnten mir meine Fingerkuppen am Gipfelaufstieg wieder Probleme bereiten. Ich muss sehr vorsichtig sein.

SPIEGEL ONLINE: Was kann der Laie in Camp 2 auf 6400 Meter Höhe tun, wenn die Finger stärker erfroren sind?

Mrosek: Bei Erfrierungen zweiten Grades schwellen die Finger nach einer Weile stark an und werden bläulich. Dann wird es schon kritisch. Massieren ist nur erlaubt bei Erfrierungen ersten Grades. Bei stärkerer Schädigung bringt man Wasser auf handwarme Temperatur und wärmt die Finger darin auf. Vorher muss man dem Patienten unbedingt ein Schmerzmittel, eventuell sogar Morphinderivate verabreichen, da das Aufwärmen starke Schmerzen bereitet. Das Wasser ist trotz allem die beste Form, die Finger wieder aufzuwärmen.

SPIEGEL ONLINE: Wärmt man die Finger schon in den Höhenlagern oder erst im Basecamp auf?

Mrosek: Das kommt darauf an. Je schneller das erfrorene Gewebe wieder erwärmt wird, desto besser. Wichtig ist aber, dass die Finger direkt nach der Behandlung nicht nochmals einen Kälteschaden erleiden. Bei den Zehen sieht die Sache ein bisschen anders aus. Mit erfrorenen Zehen kann ein Bergsteiger noch ins Basecamp laufen. Wenn man die Zehen auftaut, schwellen sie an und es tut höllisch weh, wieder in die Bergstiefel zu steigen.

SPIEGEL ONLINE: Was tut man bei Erfrierungen dritten Grades?

Mrosek: Früher hat man stark erfrorene Gliedmaßen relativ schnell amputiert. Man sieht aber eigentlich erst viele Wochen später, wie viel Gewebe wirklich tot ist. Wenn Finger oder Zehen so stark erfroren sind, dass eine Amputation droht, dann hat man immer noch genug Zeit, in Deutschland einen erfahrenen Gefäß- oder Handchirurgen aufzusuchen. Der kann dann noch retten, was zu retten ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gefahren drohen dem Körper noch in den kalten Höhenlagen des Everest?

Mrosek: Die zweitgrößte Gefahr am Everest ist das Höhenlungenödem, dem "High Altitude Pulmonary Edema", kurz HAPE genannt. Beim HAPE sammelt sich Wasser in der Lunge an und der Körper bekommt dadurch noch weniger Sauerstoff. Die dünne Luft löst einen Hochdruck im Lungenkreislauf aus Wer und wann man ein Lungenödem bekommt, vermag man schwer vorherzusagen. Ein bedeutender Risikofaktor ist sicherlich ein zu rascher Aufstieg in große Höhe bei mangelnder Akklimatisierung.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt ein Nicht-Mediziner, dass ein Bergsteiger ein HAPE hat und was kann man tun?

Mrosek: Bei einem Ödem rasselt und brodelt es in der Lunge wie in einem Kochtopf. Die Sauerstoffsättigung sinkt rapide und die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab. Panik durch Luftnot, blaue Lippen und eventuell Schaum vor dem Mund, all das sind die Anzeichen für ein HAPE. Wer solche Symptome zeigt, muss sofort aus der Höhe absteigen oder abtransportiert werden. Wichtig ist auch, dem Patienten Sauerstoff zuzuführen.

Früher hatte man bei einem Höhenlungenödem versucht, mit Medikamenten den Körper zu entwässern, so wie bei einem durch Herzversagen oder Überwässerung ausgelösten Lungenödem. Gerade das Gegenteil ist richtig. Die Patienten müssen trinken, weil sie meist zusätzlich noch dehydriert sind. Der Wirkstoff Nifedipin senkt den Lungendruck, macht den Kranken aber eventuell wegen eines starken Abfalls des systemischen Blutdrucks selbst gehunfähig.

Medikamente, die nur den Druck im Lungenkreislauf senken, sind in Erprobung. Eine zusätzliche Kortisongabe ist umstritten, wird aber häufig angewendet. Falls vorhanden, kann auch eine tragbare Überdruckkammer zum Einsatz kommen. Diese simuliert den Abstieg in tiefere Gefilde, ersetzt ihn aber letztlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Probleme können noch auftreten?

Mrosek: Das Schlimmste, was einem in der Höhe passieren kann, ist das so genannte Höhenhirnödem, das "High Altitude Cerebral Edema", kurz HACE. Wer ein Hirnödem bekommt, muss sofort so tief wie möglich absteigen oder gegebenenfalls abtransportiert werden. Ansonsten ist die Überlebenschance sehr gering. Einen Bergsteiger mit Hirnödem erkennt man sofort. Er hat oft Sehstörungen, phantasiert, stolpert herum und verfällt schlimmstenfalls in ein Koma. Sauerstoff und Kortison sind die einzigen Medikamente, die oben auf dem Berg noch helfen. Bei solchen Patienten ist der Abtransport mit dem Helikopter nach Katmandu unerlässlich.

Das Interview führte Oliver Häußler.