Irak Mit Saddam auf großer Tour
Jordanisch-irakischer Grenzübergang, es ist schon nach Mitternacht. Von einem bräunlichen Wandteppich mit Fransen aus blickt Präsident Saddam Hussein pathetisch an die Decke. Grenzbeamte wühlen derweil in den Koffern der Reisegruppe - angeblich um Kameras, Devisen und Goldvorräte zu kontrollieren. In Wirklichkeit, so scheint es, wollen sie aber nur "Bakschisch" in die Hand gedrückt bekommen, vorzugsweise Dollarnoten.
Der langwierige Grenzübertritt in der bitterkalten Wüste wird zur ersten harten Geduldsprobe und lässt dem Touristen ausreichend Zeit, sich auf eines einzustellen: Im Irak reist Saddam unsichtbar immer mit.
Das nach dem zweiten Golfkrieg über den Irak verhängte Flugverbot zwingt Touristen zur beschwerlichen Einreise über Jordanien oder Syrien. Für die Busfahrt von Amman nach Bagdad muss der Reisende bis zu 20 Stunden einkalkulieren. Allein die Grenzprozedur selbst kann leicht acht Stunden dauern. Die Einreise kostet stolze 350 US-Dollar - dazu kommen noch die Visumgebühren, deren Höhe sich nach der Länge der Reise richtet.
Trotz aller Schikanen zieht es seit einigen Jahren wieder mehr deutsche Touristen ins Zweistromland. Vor allem für archäologisch und historisch interessierte Menschen sind die Schätze an Euphrat und Tigris ein lohnendes Reiseziel.
Die Hauptstadt Bagdad präsentiert sich als quirlige orientalische Metropole. Direkt neben Kardamom, Rosinen und getrockneten Blüten können im Souk von Bagdad auch Fanpostkarten von Hollywood-Star Leonardo DiCaprio gekauft werden.
Leute blicken zunächst skeptisch auf die seltenen Gäste aus dem Westen. Wird jedoch erst einmal Tuchfühlung aufgenommen, herrscht rasch eine herzliche Atmosphäre. Die Iraker, von denen viele Englisch verstehen, gelten als Menschen von geradezu sagenhafter Gastfreundschaft. Die Gespräche drehen sich meist schnell um die Sanktionen gegen den Irak, die in erster Linie die einfachen Leute zu spüren bekommen.
Von Bagdad aus geht die Reise nach Norden, vorbei an endlos scheinenden Militäranlagen. Fotografiert werden dürfen die weit verstreut geparkten, schrottreifen Flugabwehrgeschütze und Panzer nicht. Darauf achten auch der einheimische Fremdenführer Adel und Aufpasser Mohammed.
Überall sind Porträts des Präsidenten zu sehen. Saddam in Uniform, Saddam als Scheich, mit Maschinenpistole, Teeglas oder Sonnenhut. Jeden Abend zur besten Sendezeit verkündet der Schnauzbartträgers im Fernsehen in staatstragendem Tonfall der vom Embargo geplagten Nation seine Durchhalteparolen.
Schon das Kriegervolk der Assyrer ging einst an seiner Rüstungspolitik zu Grunde, lernt der Irak-Reisende. In Assur, Ninive, Nimrud und Khorsabad können die Überreste des assyrischen Weltreiches besichtigt werden - eine faszinierende Begegnung mit der Archäologie. Aus braunen Lehmhügeln schälen sich in Ninive Reliefs mit Belagerungsszenen, Landschaften und Tierdarstellungen, bewacht von überdimensionalen fliegenden Stieren.
Mitten in der Wüste erheben sich auch die Paläste der einst von arabischen Königen regierten Stadt Hatra, die im zweiten Jahrhundert nach Christus ihre Blütezeit erlebte. Die Araber kontrollierten damals die Karawanenstraßen durch die Wüste, auf denen die Waren von Indien und China nach Europa befördert wurden. Überall im Irak finden sich Baudenkmäler aus der Zeit der großen islamischen Reiche. In Samarra zum Beispiel können sich Schwindelfreie auf ein 52 Meter hohes Spiralminarett aus dem Jahr 847 wagen und von dort den weiten Blick in die mesopotamische Ebene genießen.
Zu einem der archäologischen Höhepunkte einer Irakreise zählt die Besichtigung der teilweise rekonstruierten Ruinen von Babylon - auch wenn der Anblick nicht uneingeschränkt erfreut: Auf einem Hügel über den Ausgrabungen thront ein weißer Regierungspalast, der unter keinen Umständen fotografiert werden darf. Wo einst der biblische Turm von Babel stand, klafft heute nur noch ein Tümpel voller Schilf, in dem Wasserbüffel weiden.
Über Borsippa, dessen Tempelturm mysteriöse Spuren eines Riesenbrandes aufweist, geht die Reise weiter in den Süden des Irak. Hier sind die Leute noch ärmer, die Ortschaften noch trostloser und das Nahrungsangebot reduziert sich auch für Touristen endgültig auf Huhn oder Lamm mit Reis. Die Stadt Nasirya ist der Ausgangspunkt der Exkursionen in das Reich der Sumerer. In den Stadtstaaten dieser sagenhaften Zivilisation wurde vor rund 5000 Jahren die Keilschrift entwickelt.
Mit knapp zwei Wochen ist ein Aufenthalt im Irak lang genug, um einen ersten Einblick in die Geschichte Mesopotamiens zu erhalten. Angesichts der miserablen Lage des einst wohlhabenden Landes gibt es derzeit auch keinen Grund, länger zu verweilen.
Im Gegenteil: Bei der Ausreise stellt sich ein gewisses Gefühl der Erleichterung ein. Im Stacheldraht baumeln tausende Plastiktüten im Wind. Die Kalaschnikow lehnt am bröselnden Mauerwerk. Und zum Abschied legt ein Saddam-Abbild die Faust an die Hosennaht der ordengeschmückten Paradeuniform.
Nikolaus Sedelmeier