Iran Vorfahrt des Stärkeren
Die Autobahnen sind oft nagelneu und wie mit dem Lineal gezogen. An den bis zu sechsspurigen Pisten kann es also kaum liegen, wenn sich irgendwo wieder einmal ein alter Peugeot um einen Baum gewunden hat oder das Heck eines alten Mercedes aus dem Straßengraben ragt. Keine Kamele, Pferde oder herrenlose Hunde, die unvermittelt über die Fahrbahn rennen, keine Schlaglöcher oder gefährliche Kurven, die von Haus aus die Fahrt über Land zum unkalkulierbaren Risiko machen könnten.
Und trotzdem: Hier ein auf dem Dach liegender Mitsubishi, dort ein umgekippter Bus - 400.000 Unfälle und über 20.000 Tote gehören in Iran jährlich zur Normalität, frische Autowracks zur Tagesordnung. Statistisch gesehen ist Iran das Land mit den meisten Verkehrsunfällen und Verkehrstoten überhaupt.
Der Grund ist gleichermaßen banal wie tragisch: "Hier herrscht die Vorfahrt des Stärkeren", weiß der Teheraner Reiseleiter Ramin Shaghayeghi, der trotzdem jährlich zahlreiche deutsche Touristen sicher durch das Land bringt. "Das Alter von Fahrer oder Gefährt spielt für den Fahrstil kaum eine Rolle: Das Gaspedal wird bis zum Anschlag durchgetreten."
"Am Steuer geht es mit den Leuten durch"
Und so sieht dann die alltäglich Praxis aus: Überholt wird wann immer es geht und wo es geht. Beziehungsweise eben auch dort, wo es nach menschlichem Ermessen ganz und gar nicht geht. Ganze Tanklastzüge setzen schon mal bergab zum Überholmanöver an, auch wenn der entgegenkommende Verkehr längst deutlich sichtbar ist oder dieser zumindest hinter der nächsten Kurve vermutet werden kann.
Nicht viel anders sieht es in den Städten aus. "Am Steuer geht es mit den Leuten durch", meint Shaghayeghi, der in einem Vorort Teherans wohnt und schon wegen der ständigen Staus die öffentlichen Verkehrsmittel bevorzugt. Im Bus könne einem hier noch am wenigsten passieren, denn je gewaltiger das Gefährt, desto größer der Respekt der anderen.
"Hinzu kommt, dass der Fuhrpark generell veraltet ist", gibt der 32-Jährige zu bedenken, dessen Urlauber stets in modernen Reisebussen aus schwedischer oder deutscher Produktion Platz nehmen. "Das ist eine Folge von acht Jahren Krieg und Embargo. Und natürlich der allgemeinen wirtschaftlichen Lage."
Tatsächlich kann sich nur eine Minderheit der Iraner neuere Fahrzeuge leisten. Die Lastwagen, zumeist 30 bis 40 Jahre alte Museumsstücke aus deutschen Landen, gelten als besonders gefährlich - defekte Bremsen und Überladung gehören zum Alltag und machen den Hauptgrund für die meist verheerenden Straßentragödien aus.
Der Paykan, der Wartburg von Iran
Immer wieder kommt es beispielsweise auf der Hauptverkehrsader zwischen Orient und Asien zu schweren Massenunglücken mit tragischen Folgen. Erst im Sommer kamen an einer Polizeikontrolle zwischen Bam und Sahedan einige Dutzend Menschen ums Leben, als ein Tanklaster in parkende Autos raste und mit 18.000 Litern Benzin explodierte.
Nicht anders sieht es bei den einfachen Autos aus. Der Paykan, ein Nachbau des britischen Hillman Hunter aus den sechziger Jahren, der bis in dieses Jahr noch gebaut worden ist, gilt als eine Art Wartburg Irans und säuft spielend 18 Liter auf hundert Kilometer. Sicherheitsgurte fehlen in aller Regel, dafür gibt es serienmäßig einen Aus-Knopf für die gesamte Instrumentbeleuchtung.
Auf der vorderen Dreierbank findet schon auch mal eine ganze Familie Platz. Licht, Regelmäßige Wartungen kann sich kaum ein Durchschnittsbürger leisten. Reparaturen werden daher meist nur notdürftig und von Laienhand ausgeführt. Blinker, Tachometer und Radlager sind oft defekt, dass Vorder- und Hinterachsen mit unterschiedlichen Reifengrößen bestückt werden, ist keine Seltenheit.
Zwar gibt es seit drei Jahren auch in Iran eine Art TÜV. Doch die Aussagekraft der amtlichen Prüfungen erscheint eher fraglich, denn die allgegenwärtige Korruption ist auch hier an der Tagesordnung.
Grundsätzlich ist es für Touristen mit einem internationalen Führerschein kein Problem, in Iran einen Wagen zu mieten oder auch mit dem eigenen Auto einzureisen. Das Tankstellennetz ist bestens ausgebaut und der Liter Sprit kostet in Iran nur wenige Cent, ein Bruchteil dessen, was man im Westen zahlt. Trotzdem raten Reisebüros und Globetrotter vom selber Fahren in Iran ab: viel zu gefährlich.