Israel: Fallgruben am Toten Meer - DER SPIEGEL
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Israel Fallgruben am Toten Meer

Am Toten Meer kann sich der Gast wunderbar entspannen. Bei besonderen klimatischen Verhältnissen erfahren viele Hautkranke Linderung. Doch am tiefsten Punkt der Erde droht eine ökologische Katastrophe: Überall am Ufer öffnen sich plötzlich Löcher.
Von Alexander Schwabe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zunächst brennt es ein bisschen an der kleinen Schürfwunde am Schienbein, dann am leicht eingerissenen Fingernagelbett. Dann setzt man sich langsam hin und merkt: Das Wasser trägt, ohne dass man sich auch nur im Geringsten bewegt. Man streckt langsam Arme und Beine aus, dann den Oberkörper, und zuletzt legt man noch den Kopf entspannt zurück - und floatet dahin. Wenn man sich irgendwo treiben lassen kann, dann hier im Wasser des Toten Meeres.

Doch so entspannt wie viele Urlauber und Hautkranke in den Bädern am tiefsten Punkt der Erde (400 Meter unter Meeresspiegel) noch sein können, sind die israelischen Behörden längst nicht mehr. Umweltschäden von gigantischem Ausmaß gefährden das ungetrübte Badeleben.

Entlang der Uferstraße auf israelischer Seite stehen immer wieder Schilder mit der Aufschrift: "Danger! Open Pits" ("Gefahr! Offene Erdlöcher"). Der Kibbuz Ein Gedi musste bereits einen Campingplatz mit 80 Stellplätzen am Ufer des Toten Meeres schließen, weil der Boden zur Fallgrube geworden war. "Es ist eine ökologische Katastrophe", sagt Gabi Tark, Marketing-Manager der Ein-Gedi-Tourismusabteilung, "die Natur rächt sich."

Teile des Meeeresbodens liegen bereits trocken

Der Pegel des Binnenmeeres sinkt jährlich um etwa einen Meter. Bei der Oase Ein Gedi zieht sich das Wasser jedes Jahr um etwa 50 Meter zurück. Eine Million und 700.000 Kubikmeter verdunsten jährlich in dem 17 Kilometer breiten und rund 70 Kilometer langen Gewässer. Diese Wassermenge wird durch Zuflüsse nur noch zu etwa einem Drittel ersetzt. Zuletzt war das Verhältnis von Zufluss und Verdunstung vor 30 bis 35 Jahren ausgeglichen. Der sinkende Wasserspiegel hat dazu geführt, dass das Tote Meer seit ungefähr 15 Jahren an einem rund fünf Kilometer langen Streifen auf Höhe der Festung Massada komplett trocken liegt und in zwei Hälften geteilt ist.

Vor allem der Jordan liefert nicht mehr genug Wasser. An seiner Mündung in die Salzlake ist der Fluss nur noch ein etwa ein Meter breites Rinnsal - Folge der extremen Wasserentnahme an seinem Oberlauf vor allem für landwirtschaftliche Zwecke. Infolge des abnehmenden Salzwasserspiegels unterspülen aus dem judäischen Gebirge unterirdisch in die Senke schießende Sturzbäche den ufernahen Grund und macht die Erde porös.

In Ein Boqeq, dem Zentrum des Toten-Meer-Bädertourismus, ist man längst alarmiert. Die bis zu 17 Stockwerke hohen Hotels sind wegen des erodierenden Untergrunds langfristig nicht mehr sicher. Es gab bereits Untersuchungen, wie die Urlaubskomplexe gerettet werden könnten. Man erwog, die Hotels mit mächtigen unterirdischen Pfeilern zu stabilisieren. Doch nach Angaben von Dan Schlesinger vom israelischen Tourismusministerium denkt man heute daran, die Hotels in fünf, sechs Jahren aufzugeben und an anderer Stelle neue zu bauen.

Die Unbill der Natur am Toten Meer kommt der israelischen Tourismusindustrie überhaupt nicht gelegen. Es ist eine neue Hiobsbotschaft für den darniederliegenden Wirtschaftszweig. Bereits in den vergangenen Jahren verzeichnete das Land miserable Besucherzahlen angesichts der angespannten politischen Lage.

Selbst Missionare sind willkommen

Im Rekordjahr 2000, dem vom Papst ausgerufenen Heiligen Jahr, in dem der Pontifex auch Jerusalem besuchte, kamen 2,7 Millionen Besucher nach Israel. Ein Jahr später nach Ausbruch der zweiten Intifada brach die Zahl der Pilger ein. Nur noch 865.000 Touristen kamen nach Israel. Die Tourismuszahlen waren die vergangenen Jahre so schlecht, dass dem israelischen Tourismusministerium selbst fundamentalistische Christengruppen aus den USA willkommen waren, obwohl man genau wusste, dass sie mit dem Ziel ins Land kamen, verlorene Judenseelen davon zu überzeugen, dass Jesus Christus der Messias ist, obwohl Missionierung in Israel verboten ist.

Auch am Toten Meer nahm die Gästezahl dramatisch ab. 1996 übernachteten dort noch 220.000 Menschen, im Jahr 2002 waren es dagegen gerade einmal 39.000. Inzwischen erholen sich die Zahlen. Den Tourismusmanagern fällt es nicht mehr ganz so schwer, die rund 8000 Betten in der Region voll zu bekommen.

Besonders an Psoriasis oder Neurodermitis Erkrankte finden am Toten Meer Linderung. Weil das Gebiet 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegt und 330 Sonnentage im Jahr hat, weil die Luft hier sauerstoff- und mineralienreicher ist, weil das Wasser mit 33 Prozent Salzgehalt elfmal konzentrierter ist als Ozeanwasser, herrscht hier ein besonderes Klima. Doch über die ungefiltert von der Tourismusindustrie verbreitete Aussage, am Toten Meer bekomme man keinen Sonnenbrand, kann Marco Harari, Arzt in Ein Boqeq, nur lachen. "Wir schicken die Leute am Anfang nur vier bis fünf Minuten in die Sonne, dann steigern wir langsam."

Braun wie Brathähnchen

Das Resultat nach einigen Wochen kann man im sogenannten Solarium, einem Open-Air-Liegeplatz in Ein Boqeq, sehen. Getrennt nach Geschlechtern liegen dort die Hautkranken nackt in der prallen Sonne - braun wie Brathähnchen. "Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt sind 80 Prozent der Hautkranken beschwerdefrei", sagt Harari. Die Symptome bei Psoriasis etwa - lästiger Juckreiz und schuppige Haut - verschwänden immerhin für etwa acht Monate.

Die Kosten dafür hielten sich in Grenzen, gibt Harari an. Für einen vierwöchigen Aufenthalt inklusive Flug müsse der Hautgeplagte zwischen 2000 und 2500 Euro zahlen. Das entspräche einem Preis, den man bei deutschen Kliniksätzen nach etwa zehn Tagen berappen müsse. Wie teuer die unterirdische, fortwährende Erosion jedoch die Tourismus- und Therapieindustrie am Toten Meer langfristig zu stehen kommen wird, ist noch nicht abzuschätzen.