Jangtse: Buddhas Lehren in den Fluten - DER SPIEGEL
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Jangtse Buddhas Lehren in den Fluten

Für Tibets Buddhisten ist der Fluss auch Wolke, Regen und Meer. Vor allem aber heiliges Buch. Sie lösen Worte in Wasser, drucken Verse auf Wellen und lassen den Jangtse erzählen. Vom Kreislauf des Lebens, von der Reise zum Ozean der Weisheit.
Von Dimitri Ladischensky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt keinen Jangtse. Ein Fluss, der diesen Namen trägt, ist den meisten Chinesen unbekannt. Für sie ist er der Chang Jiang, der "Lange Fluss". Und "Jangtsekiang"? Laut einer chinesischen Quelle aus dem 19. Jahrhundert heißt das Wort "Sohn des Meeres". Drichu nennen ihn die Tibeter. Oder einfach nur "Fluss des Himmels"".

Schwingt im Flusswind ein Lied. Klingt vom Himmel, der in Wellen trinkt, von der Wolke, die den Regen bringt, von der Quelle, die im Meer beginnt. Wasser kommt von Wolken, Wasser geht zu Wolken. Und ewig auf und nieder wird es steigen. Ein neuer Fluss entspringt. Schneeland ist Sohle des Himmels und Krone der Erde, Land der sprechenden Wasser und stummen Menschen. Was sie verschweigen, schicken sie dem Wind oder schreiben es den Flüssen. Wo immer Tinte aufs Wasser tropft, weiten sich Kreise eines stummen Schalls. Wo immer Betfahnen im Winde fächeln, tragen die Lüfte Wünsche weiter. Es kommt aus dem Fluss gemurmelt, aus den Wolken geatmet. Schneeland singt.

Hören kann dies Lied nur, wer erleuchtet ist. Jemand, dem mit allen Sinnen aufgegangen ist, was Buddhismus ist. Für Tibeter ist Hören einer von fünf Sinnen. Denken ist der sechste. Hören ist nicht frei von Denken. Es ist eingebunden in das Wechselspiel aller Sinne. Fragte man einen Tibeter, was Lyrik und was Logik ist, mag sein, er würde antworten: Beides sind zwei Standpunkte, so wie der Mensch eben auch zwei Beine hat. Der Einbeinige fällt um. Wer auf zweien verharrt, steht still. Aber wer den einen verlässt, um zum anderen zu gelangen, nähert sich Schritt für Schritt dem an, was Buddhismus ist.

Buddhismus ist Fluss. In Tibet entspringt nicht nur der längste Fluss Asiens und drittlängste der Welt, der Jangtse. Hier quellen auch der Mekong, der Gelbe Fluss, der Salween, der Brahmaputra, der Ganges. Die Wasser hätten schon unterirdisch verlaufen müssen, um nicht in die Philosophie einzufließen.

Buddhismus ist die Lehre vom Fluss

Die ganze Welt ist wie der Jangtse. Alles ist im Kreislauf. So wie dieser von der Quelle hin zum Meer und über Wolken und Regen zurück zur Quelle wandert, sind alle Wesen im Wechsel begriffen zwischen Erde und Himmel. Jeder stirbt, um wiedergeboren zu werden. Das Meer wandelt sich zur Wolke, der Regen zur Quelle, der Mensch zum Tier. So lautet das Dharma, die buddhistische Sicht der Dinge. Das ist es, wovon der Fluss erzählt.

Dharma meint aber auch den Weg aus dem Kreislauf heraus, Buddhas Lehre von Erlösung. Ebenfalls ein Wassergleichnis. Die Kunst, den Weg ins letzte aller Meere zu finden, einzugehen in einen Ozean, aus dem es keine Wiedergeburt mehr gibt. Nirwana. Ende aller Kreisläufe, Ende aller Flussläufe.

Vom Wert und von der Wirkung der Worte

Ursache allen Leids sei die Sprache, meinen Tibeter. Sie lege nahe, Dinge seien voneinander abgrenzbar. "Ich" sei vom "Du" verschieden, Fluss das Gegenteil von Meer. Buddha sagt: Hört nicht auf meine Worte, hört auf das, was ich nicht sage. Worte trennen, was zusammengehört, scheiden, indem sie unterscheiden.

Mit dem Glauben an ein Ich setzt Egoismus ein. Es gilt, dem Ich Freude zu verschaffen, Reichtum, Liebe. Das Ich will Dinge und Eigenschaften, die es dem Du streitig macht. Damit haftet das Ich am Leben und wird wiedergeboren, solange es am Irdischen festhält.

Jeder Besitz, jeder Erwerb ist allerdings nur ein vorläufiger. Auf Gewinn folgt Verlust, auf Freude Leid. Leben ist Leid, sagt Buddha. So wird das Ich glücklich sein, traurig sein. Aber immer sein. Und sterben nur, um wiedergeboren zu werden.

Bakong, in der Stadt Derge im Osten des Landes, Tibets große Druckerei. Ein ochsenblutrotes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, um das zu jeder Tageszeit Hunderte von Pilgern im Uhrzeigersinn kreisen. Im Inneren lagern fast 300000 Holzplatten, die ältesten 800 Jahre alt. Sie tragen in Spiegelschrift Buddhas Worte. Oder die Erkenntnisse von Mathematikern, Ärzten, Sternenkundlern. 70 Prozent des gesamten schriftlichen Kulturerbes von Tibet sind hier archiviert. Manche der Reliefschnitzereien sind verkratzt oder angesengt. Die Roten Garden haben während der Kulturrevolution darauf Gemüse geschnitten oder Kochtöpfe abgestellt. So glimpflich lief es aber nicht immer ab. Viele wurden einfach nur zerhackt und verbrannt.

Trotzdem hat sich wenig geändert seit den Tagen der großen Weisen. Zwar wurde auf Wunsch der Regierung eine elektrische Druckmaschine angeschafft, doch die staubt im Keller vor sich hin. Wie einst streicht ein Drucker per Hand Tinte aufs Relief, ein anderer walzt Papier darüber glatt. 100 Drucker arbeiten hier, jeder kann sich seine Zeit frei einteilen, darf aber erst dann nach Hause gehen, wenn er 2400 Seiten am Tag gedruckt hat.

Gut sind Bücher, heilig. Sie sind unumgänglich, um Menschen dort abzuholen, wo sie stehen: in einer Welt der Worte. Doch sind sie nichts als Papier. Die Tinte trocken, der Quell versiegt.

Weil die Ursache aller Wiedergeburt für Buddhisten im Wort liegt, muss das Dharma auch auf eine Weise verbreitet werden, die sich nicht der Sprache bedient.

Wo sich die Sprache in Wasser löst

Einmal im Monat spülen Mönche die Druckstöcke im Zichu, der ein paar Kilometer stromabwärts in den Jangtse fließt. Allerdings schmutzig sind nicht die Hölzer, verunreinigt ist die Tinte. Bevor sie aufs Papier kam, war sie frei vom Schmutz der Form. War ohne Linien, ohne Grenzen. War rein wie die Rede der Gottheit. War Spiegel des Einen. Kundgebung des Ganzen. Man hat es in Sätze gepresst, in Zeilen gestückelt, zerschlagen in Worte. Mithin, es bleibt, was es ist: Stetsversuchtes. Niegesagtes.

Ganzes und Eines kann Buddhas Rede erst wieder sein, wenn alle Seiten zerflossen sind; atmen und wirken, wenn aller Sinn aus den Worten gewaschen.

Sühnebad. Druckholz um Druckholz tauchen die Mönche in den Zuber. Hinein fließen Sätze, Bücher, Wahrheiten, Richtigstellungen, Schmähschriften. Die größten Widersacher, vereint im Spülwasser. Nurmehr Wasser, das in Wasser gegossen wird. Den Bottich bringen die Mönche zum Fluss und mischen ihm heiliges Waschwasser bei.

Nun ergießt sich Buddhas Botschaft in alle Täler, alle Lande, schwemmt über Wiesen, schäumt in Schluchten. Sinn schwingt frei auf den Flügeln des Flusses, allen zur Kunde, den Fischern im Boot, den Waschweibern am Trog, dem Mensch zur Labe, dem Meer zur Gabe.

Egal ob Fisch oder Mensch, Buddhist oder Christ, jeder, der das Tintenwasser trinkt, nimmt Weisheit in sich auf. Manche der Waschbottiche werden nicht in den Jangtse geleert, sondern in der Druckerei stehen gelassen, bis das Wasser verdunstet ist. Dann wird die getrocknete Tinte vom Boden geschabt, in Kügelchen gepresst und an Menschen verteilt. Die Mönche sind überzeugt, es ist besser, Buddhas Botschaft zu lutschen, als sie in Büchern zu lesen.

Wie der Fluss die Botschaft verbreitet

Tibets Buddhisten kennen viele Wege, auf denen Buddhas Botschaft fließen kann. Manche tragen kleine Druckplatten bei sich, die in Klöstern geschnitzt wurden, oder gravierte Messinghülsen, um sich in den Fluss einzuschreiben. Sie knien sich an die Ufer des Jangtse und drucken im Sekundentakt Strophen auf den Strom.

Was flüstern die Wellen? Es sind Mantras. Die wenigsten von ihnen lassen sich übersetzen. Sie stehen jenseits der Sprache. Sind reiner Klang. Nur so lässt sich sagen, was sich allen Worten entzieht. Reine Rede Buddhas ist die Botschaft der Untrennbarkeit aller Dinge. Die sich eben deshalb nicht in Sprache fassen lässt, weil jedes Wort bereits eine Unterscheidung bedeutet. Die Botschaft der Zeichenlosigkeit kann, wenn sie konsequent sein will, selber nur zeichenlos sein.

Das Dharma zu verbreiten gilt in Tibet als fromme Tat. Besonders beliebt sind Mani-Steine. Kleine Felsbrocken, in die der Steinmetz Mantras ritzt und die dann an den Wegesrand, in Flüsse oder Seen gelegt werden. Wind poliert den Stein, Wasser bleicht die Runen, ebnet Ritzungen, löscht Spuren.

Auch die Lüfte führen Mantras mit sich. Überall in Tibet flattern Fahnen, rotieren Gebetsmühlen, darauf geschrieben heilige Worte. Mit jeder Umdrehung druckt sich die Botschaft in den Wind, mit jedem Flattern einer Fahne wird sie fortgetragen.

Die Chinesen wollen den Jangtse nicht verstehen

Sie bauen den Damm der Drei Schluchten und stören den Informationsfluss, wo doch der Jangtse die Barrieren der Sprache gerade hinter sich gelassen hat. Geschieht es aus Unwissenheit? Vielleicht wissen die Leute bei Yichang genau, was sie tun: nämlich der Sinnflut Einhalt gebieten. Ein Wagnis allerdings. Ein chinesischer Dichter hat einmal gesagt, es sei genauso gefährlich, einen Fluss zu stauen, wie Menschen davon abzuhalten, die Wahrheit zu sagen.

Es gibt nicht nur den einen großen Damm bei den Drei Schluchten, es gibt auch viele kleine. Die Lamas protestieren regelmäßig bei den lokalen Behörden gegen den Bau von neuen Wasserkraftwerken. Dort hört man sich die Klagen an, zeigt Verständnis - und wartet, bis der Lama gestorben ist. Es vergehen Jahre, bis die neue Reinkarnation gefunden, nach Lhasa gebracht, in Klöstern ausgebildet und wieder in die Heimatstadt entsandt wird. Wenn dann der neue Lama den Thron besteigt, steht das Kraftwerk schon längst.

Oder aber die Behörden setzen bereits einen Schritt früher an und unterbrechen den Fluss der Wiedergeburten. Man munkelt, manche Lamas würden bestochen, sich in einer regimefreundlichen Familie zu reinkarnieren. Was es ermöglicht, neue Religionsführer im Geiste Maos zu erziehen.

Wie man zum Ozean der Weisheit gelangt

Was aber schreiben die Menschen in den Wind? Was reden die Wellen? Om mani padme hum lautet das wichtigste Mantra der Tibeter, eines der wenigen, die sich zumindest teilweise übersetzen lassen. "Om, Juwel im Lotos, hum." Der Lotos ist eine Pflanze, die nur dem Schlamm entsprießt. Schlamm ist der Dreck des Lebens, Lotos die Blüte der Erkenntnis.

Om und hum sind reiner Klang. Om heißt nichts und erzählt alles. Vom Kreislauf des Wassers, aber auch vom Weg aus dem Kreislauf heraus. Vom Weg des einen Flusses in das eine Meer, das sich nicht in Wolken löst. Ins letzte aller Meere. Nirwana.

Dem Fluss zu folgen, der dorthin fließt, ist schwer. Er entspringt, wo es lärmt, wo es tönt, wo man taub ist für Leises. Im Inneren. Das Innere schreit nach Ruhm, Reichtum, Liebe. Der Fluss flüstert om. Er strömt, fließt, gibt hin, hält kein Geheimnis zurück. Nie hält der Fluss inne. Er plätschert und murmelt, prasselt und flüstert.

Im Herzen entspringt, im Herzen fließt Erkenntnis. Jeder ist sich selbst sein eigener Fluss. Wenn Religion etwas ist, woran man glaubt, dann ist Buddhismus keine Religion. Es geht um Erkennen, was wahr ist, nicht um Für-wahr-Halten, was man nicht erkennen kann. Selbsterkenntnis ist das Credo der Buddhisten: Schau auf dich, und du siehst das Universum. Es gibt kein Ich. Ich ist Du, ist Stein, ist Fluss. Es gibt nur eine Seele - die der ganzen Welt.

Damit läuft auch der Kreislauf der Dinge ins Leere. Es gibt keine Unterteilungen. Quelle ist nicht von Meer verschieden, Fluss nicht von Wolke. Wolke ist verdampftes Meer, Fluss geronnene Wolke.

Solange man aber an den Kreislauf glaubt, an ein Ich, an ein Du, so lange existiert dieses Ich, so lange wird es wiedergeboren. Nach buddhistischer Sicht wird die Art der Existenz bestimmt vom Bewusstsein. Wiedergeburt und irdisches Leben sind die Folge unbewussten Seins. Nirwana hingegen ist erleuchtetes Sein und erlöschendes zugleich, weil Erlösung von der Wiedergeburt mit dem nächsten - endgültigen - Tod bevorsteht.

Nirwana ist kein überweltliches Refugium der Seelen. Übersetzt heißt es "auslöschen". Es erlischt die Flamme des Ichs, der Begierden, des Leids. Der Kreislauf zerfällt.

"Pelyigrjatso" wird der Pazifik im Tibetischen genannt, "ohne Anfang, ohne Ende". In grenzenlose Erleuchtung mündete Buddhas Flusslauf durchs Leben. Licht wurde es in allen Sinnen. Om hören, Flussbuch riechen, Windschrift sehen, Flusslied denken. "Ozean der Weisheit" ist die Übersetzung von "Dalai Lama". Der amtierende, Tenzin Gyatso, hat angedeutet, sich vielleicht nicht mehr zu reinkarnieren. Vielleicht hat er Schneeland singen hören.