Jemen: Zu Gast bei Fremden - DER SPIEGEL
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Jemen Zu Gast bei Fremden

Wer die Berge des Jemens bereist, ist nie allein: Scharen von Kindern begleiten den Fremden durch festungsartige Dörfer und raue Landschaften. Hier hat es seit Jahren keine Entführungen gegeben, stattdessen erwartet Besucher arabische Gastfreundschaft. Und eine allgegenwärtige Droge.
Von Susanne Sporrer und Klaus Heymach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Sura, sura!" Zuerst ist es nur eine einsame Kinderstimme, die um ein Foto bittet. Ist die Kamera erst ausgepackt, strömen sie zusammen. Schüler in zerschlissener grüner Uniform ringen um den besten Platz vor der Linse und kleine Mädchen in golden glänzenden Rüschenkleidern und Stöckelschuhen aus Plastik tanzen ausgelassen, als wüssten sie, dass die ausgelassene Freiheit für sie oft schon mit zwölf Jahren endet. Immer mehr Kinder kommen aus den steilen Seitengassen von Machwit gerannt, der inmitten Jahrhunderte alter Terrassenfelder gelegenen Provinzhauptstadt, zweieinhalb Autostunden westlich der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

Im Pulk führen sie durch das Gewirr von engen Gassen und steilen Treppen, das die weiß getünchten Steinhäuser auf dem für Autos unpassierbaren Hügel in 2100 Metern Höhe verbindet. Ohne die kleinen Führer wäre man hier schnell verloren: Außer den Kindern ist auf den Straßen kaum jemand zu sehen, Frauen trauen sich nur bis auf die Augen verschleiert aus dem Haus. Und die dicht an dicht errichteten Wohntürme – einst gebaut, um feindliche Stammeskrieger oder plündernde Osmanen abzuwehren – wirken auch auf die Fremden von heute abweisend.

Vater kaut Drogen und kümmert sich nicht

Plötzlich setzt der gewaltige Nachmittagsregen ein, zwei Jungen laden nach Hause zum Tee. Flache, aus Lehm gestampfte Stufen führen nach oben in den Diwan. Statt dicker Sitzkissen wie in den Wohnzimmern reicher Hauptstädter in Sanaa liegen hier nur zerschlissene Teppiche auf dem Boden. Die schiefen Wände hat jemand mit Fetzen einer grün-weiß-geblümten Tapete zu verschönern versucht, darüber hängen Bilder mit Koransuren. In einer Wandnische liegt das heilige Buch in einer aus Wollresten gehäkelten Hülle.

Als der Vater durch den Türspalt lugt, ist seine Wange voll mit Qat gestopft, der amphetaminhaltigen Nationaldroge, die den Tagesablauf der meisten Jemeniten bestimmt. Den ganzen Nachmittag über werden grüne Blätter und Zweigspitzen in getrennten Männer- und Frauenrunden von den Ästen gezupft, in den Mund gestopft, gekaut und dann in die Backe geschoben, bis diese in Tennisballgröße ausgebeult ist. Dem elfjährigen Abdulrahim gefällt dieses Ritual gar nicht: "Dann kümmert sich unser Vater den ganzen Nachmittag nicht um uns", beklagt er sich. Ordentliches Essen gibt es nur, wenn nach dem teuren Qat das Geld noch reicht.

Gebirge wie Alufolie

So eindrucksvoll die Fahrt von Sanaa nach Westen auch war, durch seit Generationen terrassierte Berghänge, auch in Trockenzeiten grüne Wadis und auf schier unzugänglichen Gipfeln errichtete Burgdörfer – am besten lässt sich diese Landschaft zu Fuß erkunden. Gut zwei Stunden brauche man für den Weg vom Straßendorf Beit Kausa zurück nach Machwit, heißt es im Hotel. Aber das Staunen braucht Zeit. Wie zerknüllte Alufolie liegt das Hochgebirge in der Ferne in der Morgensonne.

Wie ausdauernd müssen die Menschen gewesen sein, die mit Spitzhacke und Muskelkraft die Hänge in Treppen fruchtbarer Felder verwandelten? Wie groß muss die Angst vor dem Feind gewesen sein, um genau auf jenem zu allen Seiten hin steil abfallenden Felsen ein Dorf zu bauen? Wie arm oder wie verhaftet in seiner Tradition muss man sein, um dort noch heute ohne Straße, Strom und fließendes Wasser zu leben?

Auch hier, auf den Eselspfaden von Dorf zu Dorf, sind vor allem Kinder unterwegs. Sie holen Wasser aus den Zisternen, hüten Schafe und Ziegen und erledigen Besorgungen im Nachbardorf. Die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, oft endet die Kindheit schon mit sechs oder sieben Jahren. Dann müssen die Kleinen auf dem Feld helfen, den Haushalt führen, im Krämerladen des Vaters hinter der Theke stehen. Von den Mädchen wird nicht einmal jedes zweite zur Schule geschickt – aber auch wer zum Unterricht geht, lernt in Klassen mit bis zu hundert Schülern oft nicht richtig schreiben und lesen.

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Gewehrsalven in der Ferne

Was für eine Abwechslung vom langweiligen Hirtenjob – Fremde in Sicht! Lange bevor man selbst die Kinder entdeckt, haben sie schon die Touristen erspäht und springen leichtfüßig von Felsbrocken zu Felsbrocken, um sie ein Stück zu begleiten.

Wie in Menacha, der ehemaligen Garnisonsstadt osmanischer Truppen auf halbem Weg vom Roten Meer nach Sanaa. Der Aufstieg in das 350 Meter über der Marktstadt auf den Fels gebaute Kahel sei "schwer zu finden", heißt es im Reiseführer. Zusammen mit zwei Freunden weist ein 12-Jähriger den Weg zu den Steinstufen, die sich an Qat-Sträuchern vorbei zu der weiß getünchten Stadtmauer winden. Zur Aufmunterung singen die Jungen die Hymne auf die 1990 vereinigte jemenitische Republik. Als unterwegs Gewehrsalven zu hören sind, beruhigen sie: nur die Freudenschüsse zu Ehren einer Hochzeit.

Sechzig Kilometer nördlich von Sanaa Zwangspause: Hinter Amran, wo die für die Regierung kaum kontrollierbaren Stammesgebiete beginnen, ist eine Polizeieskorte Pflicht. Auch wenn hier schon seit Jahren kein Ausländer mehr entführt worden ist, will die Staatsmacht kein Risiko eingehen und Präsenz zeigen mit ihren Sicherheitskräften. Nicht dass doch wieder ein Stammesfürst auf die Idee kommt, Touristen als Faustpfand zu nehmen für seine Forderung nach einer neuen Schule oder einem Krankenhaus für seinen Clan.

Szenerien wie im Freilichtmuseum

Nach dem Ende der Asphaltstraße holpert der Jeep über eine sandige Piste hinunter auf nur noch 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Statt Qatpflanzen wachsen im subtropischen Wadi Lissam jetzt Bananenstauden, Kaffeesträucher und Dattelpalmen auf den Feldern. Neben dem Krummdolch, der mit einem kunstvoll bestickten Gürtel über dem weißen Männerkleid getragen Dschambija, haben die Männer am Wegesrand hier auch Kalaschnikows über der Schulter. Für Stammesmitglieder ein Statussymbol, doch sind Blutrache und Ehrenmorde noch lange nicht Vergangenheit.

In al-Qabi, wieder am Fuß der Berge angelangt, erneut Kinder. Am Steuer des Pick-ups, der die Besucher über die Serpentinen bis in das auf 2600 Metern Höhe gelegene Schahara bringt, sitzt ein Qat kauender Minderjähriger. Fremde Touristenjeeps lassen die Einheimischen zur Weiterfahrt nicht zu, so sichern sie sich ein Stück von den Einnahmen aus dem Tourismus. Zwei Stunden lang geht es bergauf, bis zu einer 400 Jahre alten Steinbrücke, die die alte Fluchtburg der Imame über eine tiefe Schlucht mit dem Nachbarberg verbindet.

Zurück in der Altstadt von Sanaa, dem Weltkulturerbe aus weiß verzierten Lehmziegeln mit bunten Oberlichtern. Kleine Mädchen in Prinzessinnenkleidern tanzen am heiligen Freitag zum Singsang der Muezzine, mit Kinder-Krummdolch herausgeputzte Jungs spielen mit Murmeln. Das Kopfsteinpflaster glänzt abends im gelben Licht der Straßenlaternen, wie im Freilichtmuseum hämmern Schmiede auf dem Markt auch zu später Stunde auf glühendes Eisen ein. Man wähnte sich in der Kulisse eines Kostümfilms, hätte man die Pflüge und Spitzhacken nicht unterwegs auf den Feldern im Einsatz gesehen. Dort, wo die Kinder noch angerannt kommen, wenn sie Fremde sehen.