Kambodscha Ferien auf dem Khmer-Bauernhof
Wenn Touristen kommen, wickelt Som Savary die knallbunten, in Plastik eingewickelten Matratzen aus. Sie spannt ein Moskitonetz darüber und trennt die Ecke mit Tüchern vom Rest des Hauses ab. "So haben unsere Gäste ein wenig Privatheit", lächelt sie schüchtern. Som Savary und ihr Ehemann Seng Tuth sind Reisbauern in dem Dorf Koh Pdao auf der gleichnamigen 48 Kilometer langen und 2,5 Kilometer breiten Mekonginsel. Sie sind eine von 14 Familien, die in einem Pilotprojekt für das Homestay, das man auf gut Deutsch "Ferien auf dem Khmer-Bauernhof" nennen könnte.
Das Haus des Ehepaars mit Wänden und Dächern aus geflochtenem Palmenstroh ist typisch für Kambodscha: Es besteht aus einem einzigen Raum, der Esszimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Lager in einem ist. Lediglich die Schlafecke der Eheleute ist durch Palmstrohwände vom Rest der Großraumwohnung abgetrennt und die einfache Küche mit der Feuerstelle für den Wok und den Reiskochtopf in einem eigenen Raum untergebracht. Die Stelzenbauweise ist praktisch: Während des jährlichen Hochwassers des Mekong bleibt die Wohnung trocken und in der heißen Jahreszeit bietet der Platz unter dem Haus Mensch und Vieh Schutz vor der sengenden Sonne.
Dass sie mit Ökotouristen Geld verdienen wollen, daraus macht das Ehepaar keinen Hehl. Aber für die beiden sind die Besucher aus dem Westen mit ihren Handys und Digitalkameras mindestens ebenso exotisch, wie sie es für die sind. "Wir sind neugierig auf die Ausländer. Wir wollen wissen, wie sie leben", sagt Seng Tuth.
Urlaub in Kambodscha wird immer beliebter. Gut zwei Millionen Besucher hat das Königreich in Indochina zwischen Thailand, Laos und Vietnam im vergangenen Jahr angezogen. Zwar sind noch immer die Tempel von Angkor die Hauptattraktion. Aber das "Kingdom of Wonders", wie sich Kambodscha in seiner Tourismuswerbung preist, hat tatsächlich viel mehr Wunderbares zu bieten: Strände zwischen Kep und Sihanoukville, Paläste und Tempel in Phnom Penh, Touren an und auf dem Mekong, fast unberührte Wälder in Rattanakiri und Mondolkiri an der Grenze zu Vietnam.
Mekongwanderweg und Ferien auf dem Khmer-Bauernhof
Die touristische Infrastruktur jedoch ist außerhalb dieser Hauptorte noch unterentwickelt. Da wird aus der Not oft eine Tugend gemacht, indem das Defizit das Label "Ökotourismus" verpasst bekommt. Für Sophea Sok vom , Cambodia Community Based Ecotourism Network (CCBEN) gibt es jedoch eine klare Definition für Ökotourismus: "Ökotourismus darf keine negative Auswirkung auf die Umwelt haben, und der Profit muss direkt den Menschen vor Ort zugute kommen."
Nach dieser Maxime entwickelt das CCBEN zusammen Kambodschas Tourismusministerium, der Welttourismusorganisation, der holländischen Entwicklungshilfeorganisation SNV und Nichtregierungsorganisationen vor Ort Ökotourismusprojekte. Eines davon ist der Mekong Trekking Trail entlang des 55 Kilometer langen Mekongstücks zwischen den Städten Kratie und Steung Treng kurz vor der Grenze zu Laos. "Man kann den Trail erwandern, mit dem Fahrrad, dem Motorrad oder auch dem Auto abfahren", erläutert Sochea Nhem, Tourismusexperte des Cambodia Rural Development Team (CRDT), der Vor-Ort-Partnerorganisation des CCBEN in dem Mekongstädtchen Kratie.
Wer will, kann bei der Reise über den Mekongwanderweg auch bei Som Savary und ihrem Ehemann Seng Tuth oder einer der anderen 13 Familien in Koh Pdao übernachten. Das Leben dort ist sehr einfach. Ein öffentliches Stromnetz gibt es nicht. Einige der 800 Familien in dem Dorf haben Generatoren oder betreiben den Fernseher stundenweise mit Autobatterien, die zum Aufladen nach Sambor, gut eine Stunde per Boot entfernt, gebracht werden. Von dort wird auch in großen Plastikkanistern das Benzin zum Betrieb der Generatoren gekauft und nach Koh Pdao geschifft. Wasser zum Kochen und zum Duschen kommt aus den mannshohen Tonkrügen neben jedem Haus, in denen Regenwasser aufgefangen wird.
Besuch bei den letzten Flussdelfinen
Um Koh Pdao genießen zu können, muss man sich dem Lebensrhythmus der Dorfbewohner anpassen. Das ist nicht einfach für Westler, die an ein Leben mit Hektik und einem Überangebot von Zerstreuungsmöglichkeiten gewöhnt sind. Koh Pdao hingegen ist ruhig, friedlich, gemächlich, langsam. Frauen in bunten Sarongs halten in kleinen Gruppen auf dem staubigen Weg Schwätzchen, halbwüchsige Jungs spielen im Schatten von Palmen Volleyball, der Besitzer des Dorfladens sitzt ruhig auf der Veranda seines Lädchens, das Cola für die Jugend und Betelnüsse für die Älteren, Lotuskerne als Knabbersnack, Kerzen als Lichtquelle und Flipflops im Angebot hat. Der Ladenbesitzer ist mit sich und seiner Welt zufrieden. "Man wird nicht reich, aber es reicht", sagt er.
Auch wenn Koh Pdao kein urbanes Leben wie in Phnom Penh bietet oder mit Kunstschätzen à la Angkor aufwartet, gibt es auf der Insel reichlich zu tun. Man kann sich ein Fahrrad mieten und die Insel erkunden. Oder mit einem Boot am späten Nachmittag auf den Mekong hinausfahren, um die Delfine zu sehen. Nur noch knapp 70 der vom Aussterben bedrohten Mekongdelfine leben zwischen Kratie und Steung Treng und Gewässer um Koh Pdao sind eines ihrer Lieblingsreviere. Wer will, kann auch bei den täglichen Arbeiten im Haus, auf dem Hof oder im Reisfeld anpacken. Sak Sin, Dorfvorsteher und als Krankenpfleger das personifizierte öffentliche Gesundheitssystem der Insel, sagt mit einem Lächeln: "Die Touristen sind keine wirkliche Hilfe, aber sie stören auch nicht. Und die Leute hier freuen sich über das Interesse an ihrer Lebensweise."
Der Schutz der letzten Delfine ist ein Grund, warum das Leben der Menschen in Koh Pdao schwieriger geworden ist. Strenge Fischereigesetze haben dafür gesorgt, dass sie nicht mehr ungehindert der Fischerei nachgehen können, ein Handwerk, das sie seit Generationen betreiben. Neue Einkommensquellen sollen die Lücke schließen. "Der Ökotourismus ist eine Alternative, aber wir fördern auch landwirtschaftliche Projekte wie Hühnerzucht und Gemüseanbau zur Eigenversorgung und zum Verkauf auf dem Markt in Sambor oder in Kratie", sagt Sochea. Ziel sei es, vor allem den Ökotourismus zu einem sich selbst tragenden, nachhaltigen und profitablen Wirtschaftszweig der Region zu entwickeln.
Karaoke versus Khmer-Bauernhof
Das ist ein gutes und ehrenhaftes Ziel. Aber das mit der Nachhaltigkeit ist zweifelhaft angesichts der beiden Dämme zum Betrieb von Wasserkraftwerken, die in den nächsten zehn Jahren den Mekong zwischen Sambor und Steung Treng zähmen sollen und das Ökosystem des Flusses aus der Balance zu bringen drohen. "Kambodschas Regierung unterstützt einerseits den Ökotourismus, andererseits will sie die Dämme bauen. Es gibt keine Kommunikation zwischen den Ministerien, und es fehlt ein einheitlicher, langfristiger, strategischer Entwicklungsplan für das Land", sagt ein NGO-Mitarbeiter, der zum Schutz der Beziehungen seiner Organisation zur Regierung nicht genannt werden will.
In anderen Teilen des Landes wird auch um des schnellen Profits willen Raubbau an der Natur betrieben: Wälder werden abgeholzt; Mensche aus ihren Dörfern mit militärischem Zwang vertrieben, um Platz für Immobilienprojekte zu machen; Dämme in Naturschutzgebieten gebaut. Ein spanisches Safariunternehmen hat gerade die Lizenz für die Jagd auf seltene Tiere wie den Banteng, einer Wildkuhart, in einem 100.000 Hektar großen, geschütztem Waldgebiet in Rattanakiri erhalten. Ein Experte einer Entwicklungshilfeorganisation eines EU-Landes in Phnom Penh sagt: "Die Regierung betreibt den Ausverkauf des Landes."
Dem Ökotourismus droht noch eine andere Gefahr. Urlauber aus dem Westen sind an Kunst, Kultur, Umwelt und Natur interessiert. Asiatische Touristen hingegen sind wild auf Glücksspiel, Karaoke und die "Hostessen" in die Karaoke-Schuppen. Südkorea, China und Japan sind die Topmärkte, die dem Kambodschatourismus viel und schnelles Geld einbringen.
Sophea Sok sieht diese Entwicklung mit Sorge: "Gegen diese Profitgier werden wir es mit unserem Ökotourismusansatz auf Dauer schwer haben."