Kanada: Mit dem Nordwind-Zug durch Labrador - DER SPIEGEL
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Zug nach Nirgendwo: Endstation Subarktis

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"Nordwind" in Kanada Der Zug nach Nirgendwo

Die Fahrt mit dem "Nordwind" gehört zu den letzten echten Abenteuern in Kanadas wildem Norden. Wer den von Ureinwohnern betriebenen Zug besteigt, verlässt die Welt, wie wir sie kennen - und fällt aus der Zeit.
Von Markus Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als sich morgens um acht Uhr im Bahnhof von Sept-Îles die Türen des "Tshiuetin" (Nordwind) schließen, liegen mindestens zwölf Stunden Fahrt durch die Wildnis Labradors vor uns. Die genaue Fahrtzeit wagt niemand vorherzusagen, zu widrig können die Bedingungen im subarktischen Norden Québecs werden: Schneestürme und eingefrorene Weichen in den Wintermonaten, Überflutungen und unterspülte Gleise in der kurzen Zeit dazwischen.

Schefferville, das Ziel unserer Reise, liegt 1150 Kilometer nördlich von Montreal. Eine Straße dorthin gibt es nicht. Nur die Bahn fährt so weit nach Norden: Wer es auf dem Umweg über Sept-Îles zur Trasse und dann per "Tshiuetin" ans Ziel schafft, hat rund 1600 Kilometer hinter sich gebracht. Seit 2005 ist der Transport Ferroviaire Tshiuetin  die erste Eisenbahngesellschaft Kanadas, die komplett von Ureinwohnern betrieben wird. Sie verbindet zwei isoliert im Landesinneren lebende Stämme mit einem dritten am Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms (Fahrpreis Gesamtstrecke: ca. 125 Euro).

"Vor zwanzig Jahren waren nur wenige von uns überhaupt schon einmal Zug gefahren. Heute betreiben wir erfolgreich ein Eisenbahnunternehmen und sind einer der größten indigenen Arbeitgeber der Region", erzählt einer der Zugbegleiter. Ob auf Französisch, Englisch, Innu oder Inuktitut - auf irgendeine Art klappt die Kommunikation immer. Und wenn etwas im Überfluss vorhanden ist, dann ist es Zeit, sich zu unterhalten.

Die Fahrt beginnt in Sept-Îles, wo sich der Sankt-Lorenz-Strom zum gleichnamigen Golf hin öffnet. Anfangs windet sich die Trasse auf ihrem Weg nach Norden durch atemberaubende Schluchten und Flusstäler. Schon bald aber wandelt sich die Landschaft zu borealem Nadelwald, bevor sie schließlich in subpolare Tundra übergeht. Mit etwas Glück entdeckt man Elche, Bären und sogar Karibu-Herden. Nitassinan ("Unser Land") nennen die hier heimischen Innu dieses karge Gebiet, das durch lange, bis zu acht Monate andauernde Winter und kurze, kühle Sommer geprägt ist.

Unort Schefferville: Endstation in jeder Hinsicht

Als Schefferville, das Ziel dieser Reise, 1955 gegründet wurde, herrschte Goldgräberstimmung im unwirtlichen Norden Québecs - nur dass es Eisenerz war, das die Minengesellschaften im Norden abbauten und per Zug in die Häfen im Süden transportierten. Schefferville war eine Boom-Town, ein Vorzeigeprojekt.

Die Herrlichkeit dauerte nicht lang: "Als der Abbau von Eisenerz in den 1980er Jahren unrentabel wurde und die Mine schloss, kehrte fast die gesamte weiße Bevölkerung in ihre Heimatstädte zurück. Die beiden hier angesiedelten indigenen Stämme blieben zurück", erläutert Jonathan Connolly.

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Zug nach Nirgendwo: Endstation Subarktis

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Der 37-jährige Innu ist einer der Lokführer. Wenn er nicht im Führerstand steht, hat er Zeit für einen Plausch. "Von den ehemals viertausend Einwohnern Scheffervilles sind heute kaum mehr als dreihundert übrig. Dazu kommen über tausend Ureinwohner, die in den benachbarten Reservaten leben."

Für Schefferville und die beiden isolierten First Nations, wie Ureinwohner in Kanada genannt werden, ist die Zugverbindung überlebenswichtig. Als die Minengesellschaft die Versorgung des Ortes endgültig einstellte, kauften die drei Stämme ihr das letzte Teilstück der Bahnstrecke für den symbolischen Betrag von einem kanadischen Dollar ab. Zweimal wöchentlich pendelt der Nordwind seitdem staatlich subventioniert zwischen Küste und Landesinnerem.

Nicht Kanada: Reise durch Nitassinan

Luxus sucht man im "Tshiuetin" vergeblich. Die blauen Kunstledersitze sind bequem, die Einrichtung funktionell. Alle Waggons sind mit Mikrowellen ausgestattet, in denen die älteren Fahrgäste selbstgemachten Karibu-Eintopf, die jüngeren Pizza und Hamburger aufwärmen. Im Speisewagen verkauft ein Großmütterchen Kaffee, Sandwiches und Fertiggerichte.

Fast alle Fahrgäste sind indigenen Ursprungs, viele von ihnen sind übergewichtig. Den früher nomadisch lebenden Bewohnern der Subarktis hat der Kontakt mit zuckerreicher, westlicher Nahrung nicht gut getan. An ihrem Frohsinn hat das nichts geändert: Es wird viel gefeixt im "Tshiuetin".

"Wir Innu lachen gerne und viel", bestätigt Valère, der es sich auf einem Vierersitz häuslich eingerichtet hat. Er nutze den Zug alle zwei Wochen, um seine Ehefrau zu besuchen, die im Innu-Reservat Matimekush arbeitet. Für ihn bedeute dies, zehn Tage in der Küstenstadt Sept-Îles durchzuarbeiten und zwei Tage Zugfahrt auf sich zu nehmen, um zwei Tage mit seiner Frau verbringen zu können.

Immer wieder hält der Zug, um Familiensippen abzusetzen, die oftmals für mehrere Wochen auf die Jagd gehen. "Dann verabreden wir, sie in zwei oder drei Wochen an derselben Wegmarke wieder abzuholen", erklärt Lokführer Jonathan. "An Stellen, von denen wir wissen, dass sich Menschen im Hinterland befinden, fahren wir langsamer. Schließlich kann es dort immer zu einem medizinischen Notfall gekommen sein."

Die Uhren ticken anders im menschenleeren Norden Kanadas. Es ist die ungeheure Weite der Landschaft, die herkömmliche Konzepte von Raum und Zeit schnell zu einem zivilisatorischen Konstrukt werden lässt. Ob der Zug zwei Stunden früher oder später seinen Bestimmungsort erreicht, was macht das schon? Das bloße Ankommen ist bereits eine Leistung.

Erz hat Vorfahrt

Als sich die Lichter von Schefferville in der Dämmerung abzeichnen, macht sich leichte Hektik im Zug breit. Vierzehneinhalb Stunden hat die Reise heute gedauert - das sei nicht optimal, aber es hätte auch wesentlich schlimmer kommen können, sagt Jonathan zufrieden.

Heute musste der "Tshiuetin" mehrere der über zwei Kilometer langen Eisenerzzüge passieren lassen, die von den Minen bei Labrador City auf die eingleisige Strecke stoßen. Das verlängert die Fahrtzeit. "Die Frachtzüge der Bergbaugesellschaft bringen mehrere Millionen Dollar Gewinn", sagt Jonathan. "Da müssen wir zurückstecken und warten."

Morgen früh um acht Uhr wird er seine beiden Dieselloks inspizieren und sich wieder auf den Weg zurück in Richtung Küste machen - vorbei an schier endlosen Seen und den undurchdringlichen Wäldern von Nitassinan. Es ist das Land, das einst seine Vorfahren ernährte. Nun ist er es, der die Abgeschiedenheit durchquert, um das Land in Kanadas äußersten Nordosten am Leben zu erhalten.