Kanada Wo die wilden Kerle wohnten
Fred Hammer kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, als 1993 "Jurassic Park" ins Kino kam. "Knapp einen Monat später wurden wir geradezu überrannt von Gästen", erzählt der Leiter des Besucherzentrums im Dinosaur Provincial Park in Alberta im Westen Kanadas. Viele wollten damals sehen, was von den Urzeitgiganten, die auf der Leinwand so bedrohlich gewirkt hatten, tatsächlich übrig geblieben ist. Und dazu eignet sich der Park knapp 2,5 Autostunden östlich der Großstadt Calgary bis heute wirklich fabelhaft: An kaum einem anderen Ort der Welt werden so viele Dinosaurier-Fossilien gefunden wie hier.
Der Provinzpark liegt nahe des kleinen Ortes Patricia. Der Blick schweift hier kilometerweit über flaches Land. Bäume gibt es keine, nur hin und wieder niedrige Sträucher und die Masten der Stromleitungen, die zu den wenigen Farmen mit den großen, runden Getreidesilos aus glänzendem Metall führen: Prärie-Kanada wie aus dem Bilderbuch.
Der nächstgelegene Ort mit Einrichtungen für Urlauber ist das knapp 50 Kilometer entfernte Brooks am Trans-Canada-Highway. Dort übernachtet, wer nicht per Wohnmobil anreist oder im Provinzpark zeltet. Eine dieser Möglichkeiten wählen die meisten Besucher, für Tagestouren von Calgary aus ist der Park zu abgelegen. "Für ein vollständiges Erlebnis braucht man hier mindestens zwei Tage", ist Fred Hammer überzeugt. "Viele Gäste kommen für einen Nachmittag und stellen fest: Das ist uns zu wenig." Vor allem in der Hochsaison im Juli und August ist zudem mit starkem Andrang und Wartezeiten zu rechnen. Die meisten der jährlich 90.000 Besucher werden in diesen beiden Monaten gezählt.
76 Millionen Jahre alte Knochen
Die Dimensionen des Parks und seine Bedeutung für die Forschung lassen sich in der Tat nicht in wenigen Stunden erfassen. Beiderseits des Red-Deer-Flusses durchbricht die Mondlandschaft der so genannten Badlands die Monotonie der Prärie. Gut 80 Meter tief fällt die Ebene zum Fluss hin ab. Die bizarr wirkenden Felsen in dem hier bis zu 6,5 Kilometer breiten Flusstal sind das Ergebnis einer Erosion, die schon seit mehr als 12.000 Jahren voranschreitet. Nach der letzten Eiszeit bohrte sich das Schmelzwasser der Gletscher in engen Kanälen und in den Flüssen seinen Weg durch das weiche Sedimentgestein. Es spülte dabei nach und nach die vielen Dinosaurier-Knochen frei, die schon seit rund 76 Millionen Jahren unter der Erdoberfläche verborgen waren.
Wie das alles geschah, können Touristen im neuen Besucherzentrum des Provinzparks lernen. Dort zeigt auch ein Modell, wie die Landschaft in der Kreidezeit ausgesehen hat. Damals war das heutige Alberta eine grüne Welt voller Wälder, Sümpfe, Flüsse - und Dinosaurier. Wenn die Tiere starben, konnte es passieren, dass sie in den Gewässern schnell mit Schlamm und Sedimenten überschwemmt wurden, manchmal innerhalb von drei bis vier Tagen.
So kam es, dass Knochen versteinerten und erhalten blieben. "Es hat hier auch Massensterben gegeben, etwa als eine Herde von etwa 300 Centrosauriern in einem Flussbett vermutlich von einem Hurrikan überrascht wurde", sagt Hammer. Heute ist das "Centrosaurus-Knochenlager" eine der ergiebigsten Fundstellen für die im Park forschenden Paläontologen. Besucher können im Park an geführten Wanderungen und Bustouren teilnehmen, die auch in Teile führen, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind. Alternativ gibt es einen drei Kilometer langen Autorundkurs durch das Flusstal, an dem fünf Wege für selbst geführte Wanderungen starten.
Wie hat ein Dino gelebt?
Dinosaurier-Skelette bekommen Touristen im Park jedoch nur wenige zu sehen - wer darauf Wert legt, sollte auf jeden Fall das Royal Tyrrell Museum bei Drumheller besuchen. Diese Stadt liegt ebenfalls am Red-Deer-River, aber ein gutes Stück weiter flussaufwärts. Damit ist Drumheller für Tagesausflügler aus Calgary besser erreichbar, und die Besucherzahl des Museums liegt mit 350.000 im Jahr deutlich über der des Provinzparks.
Im Museum treten Besucher zunächst eine virtuelle Reise durch die verschiedenen Erdzeitalter an, bevor sie vor den großen Skeletten und Knochen-Nachbildungen der Dino-Riesen stehen. Neben einem Tyrannosaurus Rex kann auch ein Albertosaurus bewundert werden, eine Dino-Art, die bisher nur in Alberta gefunden worden ist. Auch in Drumheller stieg nach jedem der drei "Jurassic-Park"-Filme das Interesse von Tagestouristen und Urlaubern. "Inzwischen stellen die Menschen hier aber andere Fragen", erzählt Wendy. "Sie wollen nicht mehr nur wissen, wie die Dinosaurier ausgesehen haben, sondern auch, wie sie gelebt und was sie alles gefressen haben."
Drumheller hat sich voll auf den Dino-Tourismus eingestellt. In Läden werden Fossilien verkauft, allerdings keine aus Alberta, denn das ist verboten. Ein "Jurassic Inn"-Hotel wirbt um Gäste, gegenüber versucht "Fred & Barney's Restaurant", die Fans der Familie-Feuerstein-Fernsehserie für sich zu begeistern. Und dann gibt es da noch den "weltgrößten Dinosaurier": eine 46 Meter lange, 26,2 Meter hohe Nachbildung aus Kunststoff und Stahl. Bei einer Begegnung mit diesem Giganten bekämen es wohl auch die "Jurassic Park"-Monster mit der Angst zu tun. Aber die stehen ja in sicherer Entfernung als Skelett im Museum oder harren im langsam von Wind, Wetter und Wasser abgetragenen Gestein des Provinzparks noch ihrer Entdeckung.
Christian Röwekamp, gms