Kanadas Kootenay Rockies: Ruf der Wildnis - DER SPIEGEL
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Kootenay Rockies: Ein Platz für Einheimische

Foto: Ole Helmhausen

Kanadas Kootenay Rockies Ruf der Wildnis

Goldsucher, Rinderzüchter, indianische Ureinwohner: Die Menschen in den kanadischen Kootenays haben phantastische Geschichten aus ihrem Leben in der schroffen Wildnis zu erzählen. Massentourismus gibt es hier bislang nicht - obwohl die Landschaften spektakulär sind.
Von Ole Helmhausen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kootenays: eine Gegend so kantig wie ihr Name, den man mehrere Male lesen muss, bis er einigermaßen glatt von der Zunge geht. Es waren die Ktunaxa-Indianer (gesprochen: "K'tenacha"), die den Rocky Mountains in der Südostecke von British Columbia den Namen gaben, Kootenay Rockies, und es ist wohl ihre Lage, der sie das Privileg des Dornröschenschlafs verdanken.

Denn die Touristenströme fließen weiter nördlich, fest im Bann kanadischer Archetypen wie Banff, Jasper und Icefields Parkway. Die Kootenay Rockies hingegen, und mit ihnen die sie berührende Südwestecke Albertas, werden meist links liegen gelassen.

Wem immergleiche Resortstädte ein Gräuel sind, der findet sich deshalb im Glück. Er kann hier kleine Nester besuchen, in denen der Tourismus nur eines von mehreren Standbeinen ist und die Einheimischen noch nicht von explodierenden Lebenshaltungskosten vertrieben wurden. Und braucht doch nicht auf grandiose Wildnisgebiete wie den Waterton Lakes National Park, der seit 20 Jahren nicht über den Geheimtipp-Status hinaus zu kommen scheint, zu verzichten.

Cowboys kennen keinen Schmerz

Seit 10.000 Jahren leben hier Menschen, nach erst kürzlich Zugezogenen sucht man vergeblich. Die Nelsons in Mountainview in den Foothills von Alberta züchten schon in der vierten Generation Rinder und Pferde. Dan, Terri und ihre Tochter Tammi reiten auch mit Gästen aus.

Dan ist Anfang 60, hat einen Großteil seines Leben im Sattel verbracht und sich beim unfreiwilligen Verlassen desselben schon so ziemlich alle Knochen gebrochen, die man sich brechen kann. Doch für ihn ist das nicht der Rede wert. "Yeah, war ein ziemlich dummes Pferd", erzählt er bei Steak und Kartoffelmus, "fiel immer hin. Ich musste 20 Kilometer mit 'nem schlimmem Fuß nach Hause gehen."

An der Wohnzimmerwand hängen Actionbilder von Tochter Tammy mit wehendem Haar auf wilden Mustangs, sie ist eine preisgekrönte Rodeo-Reiterin. Jetzt kommt sie mit Dans Enkelsöhnchen herein. Der Kleine läuft noch nicht lange und fällt erst einmal unsanft auf die Nase. Niemand schaut auch nur hin, der Kleine steht selbst wieder auf. Dan lächelt. "Hier draußen wirst du schnell erwachsen."

Schwarzes und goldenes Gold

Von den Foothills aus bohrt sich der Highway 3 in die Ostflanke der Front Range. Die hier liegenden Nester wurden vor hundert Jahren auf Kohle gebaut. Viele leben noch immer vom Schwarzen Gold, Crowsnest Pass zum Beispiel, eine Reihe lose zusammenhängender Siedlungen, teils in Alberta, teils in British Columbia, mit neuen Häuschen neben windschiefen Klitschen, Bobby Cars und Autowracks in den Vorgärten.

Mehrmals hat Albertas Regierung schon versucht, die "locals" von einem Provinzpark über Crowsnest Pass zu überzeugen. Bisher ohne Erfolg: Die Delegationen aus der Hauptstadt Edmonton wurden mehrfach auf Gemeindeversammlungen niedergebrüllt. Denn niemand hier lässt sich von Leuten "from away" vorschreiben, wann und wo er mit seinem Quad herumdüsen darf.

Auch das breite Columbia Valley ist für Geschichten von eigenwilligen Einheimischen gut. In der Goldgräberstadt Fort Steele zu Füßen der Kootenays zeigt ein echter Digger, wie man Gold wäscht. Der Mann ist ein fotografischer Leckerbissen: weißer Bart, Pranken wie Hulk Hogan und ein Fass von einem Bauch. Doch wenn er die Pfanne im Wasser hin und her schwenkt, den Kies im Wasser siebt und am Ende dann mikroskopisch kleine Goldstückchen in der Sonne funkeln, purzelt manchmal ein schwerer Goldnugget, den er an einer Kette um den Hals trägt, aus seinem Hemd. Auf die Frage, woher er ihn hat, wird er plötzlich einsilbig. Keine Witze mehr, kein strahlendes "Welcome"-Lächeln, nur ein gebrummtes "no comment".

Wer sich davon nicht beeindrucken lässt und nachhakt, dem antwortet er mit einer ausgreifenden Geste, die man auch als das Vertreiben lästiger Insekten interpretieren könnte, zu den Dreitausendern der Kootenay Rockies hinüber. "Von dort", murmelt er.

Der mit dem Wolf fährt

Vier Nationalparks zählt die nach den Kootenays benannte Tourismusregion, Yoho, Kootenay, Mount Revelstoke und Glacier. Massentourismus gibt es hier noch nicht. Der Kontakt zu Einheimischen muss deshalb nicht gesucht werden, er passiert einfach. Man hört etwas Interessantes, fragt nach, hört noch mehr.

Man trifft Menschen wie Casey Black, der die Heckklappe seines Trucks öffnet, woraufhin langsam eine schwarze Schnauze zum Vorschein kommt, gefolgt von einem grau-schwarzem Kopf mit zwei bernsteinfarbenen Augen. "Hallo Maya", sagt Casey leise und tritt beiseite. Maya, eine Wölfin, lässt sich nicht zweimal bitten und springt von der Ladefläche auf den Weg. Einen Lidschlag später ist sie im Unterholz verschwunden.

Dass sie wiederkommt, steht für "Alpha-Männchen" Casey außer Frage. Der bullige Mann bekam sie, als sie noch in der Prägephase war. Gemeinsam mit seiner Frau Shelley betreibt er das Northern Lights Wildlife Centre in Golden. Dort kämpfen sie für die Erweiterung der Nationalparkgrenzen um 50 Kilometer breite Pufferzonen. Denn die Parks sind selbst für ein einziges Wolfsrudel viel zu klein.

Kruzifix und Kasino

In Banff, Jasper und Canmore handeln die Geschichten der Menschen meist vom Spaß auf Trails und Pisten. Hier in den Kootenay Rockies dagegen handeln sie meist vom Leben und Überleben. Während nördlich von hier viele Lodges mit ihrer wildromantischen Kulisse verschmelzen, wirkt das St. Eugene Mission Resort & Casino zwischen Cranbrook und Fort Steele wie ein Fremdkörper.

Ganz aus grauen Steinen und gekrönt von einem roten Dach mit Glockenturm und Kruzifix, sitzt es dick und schwer auf dem Ufer des St. Mary's River. Dort erinnert es mehr an eine Festung als an einen Unterbringungsbetrieb - wenn der 18-Loch-Golfplatz nicht wäre, die schönen weißen Sonnensegel für die Gäste, die vielen lachenden Menschen.

Dass dies keine Herberge im hier üblichen Viel-altes-Holz-und-Leder-in-toller-Lage-Stil ist, sieht man sofort. Und Herb Alpine wäre der Letzte, der widersprechen würde. In diesem Augenblick jedoch sagt Alpine erst einmal gar nichts. Der alte Mann mit dem bronzefarbenen Antlitz schweigt so lange, bis sein Gegenüber, ein kulturell auf permanentes Geschnatter programmiertes Bleichgesicht, unruhig wird. Hat er die Frage nicht verstanden? Oder kommt da noch etwas? Keine Gefühlsregung.

Dann plötzlich setzt Alpine seinen schweren Körper in Bewegung und schlendert durch die Lobby zu einem Gemälde an der gegenüberliegenden Wand. Es zeigt eine alte Frau, die eine Katze streichelt. "Unsere Älteste Mary Paul", sagt Alpine leise. "Sie wollte, dass wir uns zurückholen, was uns damals genommen wurde. Und genau das haben wir getan."

Vergangenheitsbewältigung auf Ktunaxa

Erst seit acht Jahren nämlich ist das St. Eugene Mission Resort & Casino ein Hotel. Davor war das hundert Jahre alte Gebäude eine "residential school". Hinter der harmlos klingenden Bezeichnung verbirgt sich eine nationale Tragödie. So versuchte die kanadische Regierung mit Hilfe staatlicher und kirchlicher Internatsschulen bis in die siebziger Jahre, der Urbevölkerung das Indianersein auszutreiben.

Dazu wurden die Kinder in Schulen fern der Reservate gesteckt. Dort lernten sie Englisch - und wurden streng bestraft, sobald sie ihre eigene Sprache benutzten. Was sonst noch hinter den Mauern geschah - Zwangsarbeit, Misshandlungen, sexueller Missbrauch - gelangte erst in den neunziger Jahren an die Öffentlichkeit. Besonders heftige Kritiker dieser staatlich verordneten Zwangsumerziehung sprechen sogar von Völkermord.

Doch so weit mag Alpine nicht gehen. Er war hier in den vierziger Jahren Schüler, als noch keiner die Missionsverwaltung kontrollierte. Sein Stammesbruder Gordie Sebastian, der Jahrzehnte später ebenfalls hier die Schulbank drückte und heute Touristen durch das Resort und das kleine Museum führt, habe auch positive Erfahrungen gemacht.

Anfang der neunziger Jahre erwarben die Ktunaxa das Gebäude und verwandelten es in ein Resort. Herb Alpine schaut Mary Paul tief in die Augen und lächelt. "Damit sind wir wohl Kanadas einzige Ureinwohner, die ein Symbol ihrer Unterdrückung in einen Motor der Modernisierung ihres Reservates verwandelt haben!"