Kappadokien Im Reich der rohen Menschen
Der Tunnel, der aus dem gleißenden Sonnenlicht in die Kühle des Erdreichs führt, ist schmal und niedrig. Bereits wenige Meter, nachdem er den abfallenden Felsgang betreten hat, muss der Besucher den Kopf einziehen. Im diffusen Licht spärlicher Leuchten wagt er sich weiter und dringt über Treppchen und Rampen in die Tiefe vor. Einst erhellten Fackeln dieses Reich der Finsternis.
Nach einer Windung öffnen sich die ersten Räume, die in mühsamer Kleinarbeit aus dem Fels gegraben wurden: Küchen mit rußgeschwärzten Kochnischen, Schlafräume, Tierställe, Speicher, Weinkeltereien, Leichenhallen und Andachtsräume. Immer neue Tunnels tun sich zu allen Seiten auf, mal aufrecht gehend, mal tief geduckt wird der Besucher wie von einer magischen Kraft immer weiter in das unterirdische Labyrinth hineingezogen, von der Erde verschluckt ein Rausch der Tiefe.
Schließlich im zweituntersten der acht "Stockwerke" angelangt, betritt er einen kreuzförmigen Kirchraum, dessen Decke von Felssäulen abgestützt wird. Von der Erdoberfläche trennen ihn nun 50 endlos erscheinende Meter. Es ist dieser Ort, an dem der Eindringling in dieses uralte Reich der Tiefe innehalten und seine Gedanken in die Vergangenheit schicken mag.
Hethiter oder Christen als Baumeister?
Die unterirdischen Städte in der zentralanatolischen Region Kappadokien zählen zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten der Türkei. Einige Archäologen datieren ihre Entstehung in die Zeit der Hethiter vor 4000 Jahren, doch erst christliche Bewohner gaben ihnen ihre heutige Form. Zum Schutz vor Überfällen persischer und arabischer Heere sowie vor byzantinischen Bilderstürmern verkrochen sie sich vermutlich zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert im wahrsten Sinne unter die Erde und schlugen über 30 dunkle Städte aus dem Fels.
Allein in der größten und eindrucksvollsten dieser Behausungen, unter dem Dorf Derinkuyu gelegen, konnten sich mehrere tausend Menschen bis zu sechs Monate lang verstecken und ihrem Alttagsleben nachgehen. Dank Zisternen und einem ausgeklügelten System von Belüftungsschächten, das bis auf den heutigen Tag funktioniert, wurden Mensch und Vieh mit Wasser und Luft versorgt. "Die Leute hatten hier alles, was sie zum Leben brauchten sogar ein 'Telefon'", erklärt Hüseyin, der den Ort seit seiner Kindheit kennt. "Durch kleine Röhren zwischen den Stockwerken riefen sie sich Nachrichten zu."
Ein Besuch der unterirdischen Städte ist einer von gleich mehreren Höhepunkten auf einer Reise durch das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Kappadokien. Eine Landschaft wie diese gibt es kein zweites Mal auf der Welt. Vor rund drei Millionen Jahren schleuderten die Vulkane Erciyes Dag und Hasan Dag gigantische Mengen Lava, Asche und Schlamm in ein circa 10.000 Quadratkilometer großes Gebiet. Die Schichten der erkalteten Erdmassen verdichteten sich zu einem weichen Tuff-Gestein, das durch die Jahrtausende währende Erosion bizarre Formen annahm: Kegel, Türme, Kamine und Wellenkämme aus strahlend weißem und rötlich schimmerndem Stein, durchbrochen von unzähligen Höhlen und Schluchten.
Schon früh siedelten Menschen in dieser mystischen Region, die sich zwar durch besondere Fruchtbarkeit auszeichnete, jedoch als schroff und gefährlich galt. Hier lebten die "rohesten Menschen auf Erden", heißt es in der Bibel, in der Antike galten die Bewohner als wild und unberechenbar: Wenn eine Schlange einen Kappadokier biss, so erzählte man sich, starb die Schlange. Andererseits lobten antike Quellen nicht nur die Schönheit der kappadokischen Frauen, sondern auch der Pferde. Der Name der Region geht vermutlich auf das persische "Katpadukya" zurück das "Land der schönen Pferde".
Feuerwasser oder Kirche?
Wer dieses schöne Land erkunden möchte, sollte sich mindestens drei Tage Zeit nehmen, die er zum Beispiel mit einem Badeurlaub an der südtürkischen Mittelmeerküste verbindet. Als Standort bietet sich Göreme an, das schönste, zugleich am stärksten vom Tourismus geprägte Dorf der Region. Gleichwohl stört sich das Auge hier noch nicht an amerikanischen Fastfood-Ketten und schmucklosen Hotelburgen. In einem der kleinen Restaurants bestellt man die lokale Spezialität Testi Kebabi: mit Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch gewürztes Lammfleisch, das in einem Tontopf gegart wird.
Mit einem Hämmerchen darf der Gast den Topf entzwei schlagen und dann den eroberten Leckerbissen genießen. Dazu bestellt er einen Wein aus der Region, wobei er nicht auf rote Tropfen beschränkt bleibt. Der weiße Kocabag aus dem Nachbardorf Uchisar vereint sommerliche Frische und trockene Würze so ausgewogen, dass er neben dem Lammeintopf tatsächlich eine gute Figur macht. "Wohl bekomm's!", wünscht Hüseyin und schenkt noch mal nach.
Da die poröse Tuffstein-Erde die wenigen Niederschläge hervorragend zu speichern vermag, konnte sich in Kappadokien eine beachtliche Weinkultur entwickeln, die sich heute internationale Anerkennung erfreut. Nach dem obligatorischen Anisschnaps Raki wickelt sich der Besucher in einer der Herbergen, die in die Felsnadeln gegraben wurden, in bunte Decken und lässt sich von der felsigen Stille seine Träume diktieren.
Derart gestärkt, ist er am nächsten Tag bereit, das Göreme-Tal zu entdecken, heute ein ausgedehntes Freilichtmuseum. Bereits im 4. Jahrhundert begannen hier frühe Christen, den porösen Fels auszuhöhlen, um darin Kirchen und Klöster einzurichten. Für die folgenden tausend Jahre wurde die Region zu einem Zentrum der griechisch-orthodoxen Kirche. Noch heute geraten Besucher angesichts der Kunstschätze in Entzücken: Zahlreiche der bislang offen gelegten 350 Höhlenkirchen im Göreme-Tal, die meisten zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert eingerichtet, sind mit farbigen Fresken geschmückt.
Im sanften Einklang mit den fast organischen Formen der Felsen eröffnen sie die Sicht auf den Dreiklang von Mensch, Glaube und Natur. Immer wieder ist der Heilige St. Georg, der aus Kappadokien stammen soll, im Kampf mit dem Bösen dargestellt, das hier von einer Schlange verkörpert wird. Der Höhepunkt ist die Dunkle Kirche, in der Jesus Christus auf einem Regenbogen sitzend dargestellt ist.
Weißer Tuffstein brandet ins grüne Tal
Doch sollte noch genügend Zeit bleiben, um auch der Natur ihren Tribut zu zollen: Einen halben Kilometer hinter dem Freilichtmuseum steigen Kundige linkerhand in ein Seitental hinunter und beginnen eine ausgedehnte Wanderung. Vorbei an Weinstöcken, Brombeersträuchern, Walnuss-, Sauerkirsch- und Quittenbäumen geht es durch die enge Schlucht, die sich langsam zu einem Tal weitet.
Mal führt der Weg durch einen von Sturzbächen ausgewaschenen Felstunnel, mal eröffnet er Ausblicke auf weit oben in den Fels gehauene Taubenschläge. Die Vögel gurren ein beruhigendes Lied, und die Aprikosenbäume spendieren eine leckere Erfrischung. Linker- und rechterhand brandet weißer Tuffstein wellengleich ins grüne Tal.
Von hier geht es weiter ins Rosen-Tal mit seinen Felskapellen und schließlich ins zerklüftete Rote Tal, wo Kletterfreunde ihre Herausforderungen finden. Droben auf einer der Felskuppen eröffnet sich dann die ganze Schönheit Kappadokiens zwischen dem stolzen Hasan Dag und dem schneebedeckten Erciyes Dag: wahrlich ein rohes, aber mystisch schönes Land.