Kapverden Mondlandschaften im Meer
Einen Beinamen hat sich das Archipel in den vergangenen Jahrhunderten leicht verdient: Vergessene Inseln. Erst vor wenigen Jahrzehnten stellten Kartografen fest, dass die Kapverden auf den internationalen Seekarten um einige Meilen falsch eingetragen worden waren. Dies ist möglicherweise der Grund, weshalb früher viele Gold- und Silbergaleonen an den Riffen aufliefen und untergingen. Die Schiffe nutzten die Inseln als Versorgungspunkt für Wasser und Proviant. Mehr war hier nicht zu holen. Selbst Sir Francis Drake rauschte unverrichteter Dinge wieder ab, weil nichts da war, was er den portugiesischen Herren abnehmen konnte.
Die ersten Siedler aus Madeira hatten schnell alle Versuche aufgegeben, die sonnenverbrannten Kapverden zu einem blühenden Abbild ihrer Heimat zu machen. Zu viel Sand, zu viel Steine und wenig Süßwasser, dazu ein aktiver Vulkan und Überfälle nicht weniger verzweifelter Piraten.
Die letzte große Hungersnot liegt keine hundert Jahre zurück. Ohne das Mutterland Portugal hätten es die Kapverden wahrlich nicht leicht gehabt. Und bei genauer Betrachtung hat die Zeit auf den Kapverden nicht viel verändert. Zwar gehören Versorgungsengpässe endgültig der Vergangenheit an, aber grüner sind die Inseln nicht geworden - der Vulkan auf Fogo ist immer mal wieder aktiv.
Heute kommen sonnenhungrige Europäer mit dem Flieger nach Sal. Die flache Sandinsel mit dem Flughafen bietet unendlich lange Strände direkt vor dem Hotel. Wer hier kein einsames Plätzchen findet, dem ist nicht zu helfen.
Bei Windstille ist es jedoch oft so heiß, dass der Schweiß auch ohne jede Bewegung in Strömen fließt. Wenn sich die wenigen Palmen im Wind wiegen, freuen sich die Surfer, während Sporttaucher bei der Ausfahrt per Boot mit Wellen zu kämpfen haben. Die Lage im offenen Atlantik verspricht dafür Begegnungen mit Fischschwärmen, und auch Barrakudas und große Haie erscheinen nicht selten.
Wer sich nicht nur in der glühenden Sonne der Wüsteninsel bräunen will, kann mit einem Schiff die Nachbarn von Sal besuchen. Für eilige Urlauber gibt es auch Flugverbindungen, etwa zum bergigen São Vicente im Westen oder nach Santiago mit der lebhaften Hauptstadt Praia. Besonders Boa Vista, Fogo und die anderen südlichen Eilande vermitteln faszinierende Eindrücke trotz oder gerade wegen der teilweise an eine karge Mondlandschaft erinnernden Natur. Wohl auch deswegen sind nur drei der fünfzehn Inseln auf touristische Belange eingerichtet.
Auf der Insel Santiago befindet sich nicht nur die jetzige Hauptstadt Praia, sondern mit Cidade Velha auch die ehemalige Kapitale aus der Blütezeit des Sklavenhandels. Heute gibt es hier nur noch ein Dorf, eingebettet in eines der wenigen grünen Täler.
Auf dem Hügel über der Quelle mit dem Wasserfall thronen alte Festungsmauern. Von hier aus wurde Francis Drake mitsamt seiner Flotte von einem Kugelhagel der Kanonen vertrieben. Der englische Pirat und seine Mannen waren dermaßen überrascht, dass sie die Ankerseile durchschneiden und in wilder Hatz fliehen mussten.
In der Bucht von Tarrafal im Nordwesten Santiagos liegen bunt gestrichene Fischerboote am Strand. Dahinter liegt halb verborgen in einem Palmenhain ein Hotel und eine kleine Bungalowanlage. Anstelle des großflächigen und meist überaus trostlosen Wüstenszenarios an vielen anderen Stellen der Kapverden findet sich am Rande des kleinen Ortes tatsächlich eine grüne Lunge.
Zur Marktzeit herrscht Trubel im Mercado Municipal - sonst ist auch hier weitgehend Ruhe. Nur die tobenden Kinder lassen sich auch von der brütenden Mittagshitze nicht bremsen: Fußball ist hier so populär wie in Europa.
Der zweifellos faszinierendste Fleck der Kapverden befindet sich auf der Insel Fogo. Schon von weitem ist der Vulkankegel des 2829 Meter hohen Pico de Cano zu erkennen. Vom Hafen geht es mit dem Auto zunächst ins Hinterland, dann über eine immer schmaler werdende Straße durch den Wolkenkranz hinauf zum Feuerberg. In der kargen Landschaft herrscht eine fast unheimliche Stille. Über dem Hochnebel dann wieder blauer Himmel, der jeder Postkarte zur Ehre gereichen würde. Der Vulkan reckt sich majestätisch in trügerischer Ruhe empor. Erst 1995 wurde das Hochplateau komplett evakuiert, als Erschütterungen einen neuerlichen Ausbruch ankündigten.
An vielen Stellen sieht die erkaltete Lava aus, als sei sie erst gestern dorthin gekrochen. Im krassen Gegensatz zu der grauen Ebene stehen einige wenige, hell gestrichene Häuser verstreut in den Lavagärten. Die Straße mündet zu Füßen des Vulkankegels in einer Ansammlung einfacher Hütten. Stimmengewirr und die typische Musik der Kapverden dringt aus der Bodega zwischen den Lavahügeln. Das Staunen der Kinder ist echt: Allzu viele Touristen kommen wohl nicht hierher.
Die Kapverden sind ein Reiseziel für hartnäckige Sonnenanbeter und Liebhaber extremer Landschaften. Dazu kommen Surfer und erfahrene Taucher auf ihre Kosten. Die Unterwasserwelt lässt sich am besten auf einer Tauchsafari erkunden, auf diese Weise kann man außerdem mehrere Inseln besuchen. Urlauber, die Abwechslung über meist trostlose Landschaften vornehmlich mit Wüstencharakter hinaus suchen, sollten ihre Ferien jedoch abseits der Kapverden planen.