Kapverdische Inseln Musik im Blut
Ein Kapverdier saugt Musik bereits mit der Muttermilch ein. Schon ein Dreikäsehoch, der kaum stehen oder laufen kann, wackelt im Takt zur ständig und überall zu hörenden Musik, und die Samba tanzenden Schulmädchen beim Karneval in Mindelo verschlagen so manchem Europäer die Sprache. Musik ist auf den Kapverdischen Inseln ebenso wichtig wie Nahrung und Wasser.
In den 500 Jahren seit Entdeckung der Inselgruppe im Atlantik sind unzählige Kapverdier verhungert oder verdurstet - die Inseln liegen vor Westafrika in den Ausläufern der Sahelzone -, doch an Musik ist das Land reich. Sie ist allgegenwärtig. Überall läuft Radio, im Sammeltaxi, in der Kneipe, im Barbiersalon, am Strand. Die Hauptstadt der Musik ist Mindelo auf der Insel São Vicente.
"Man kann sagen, im Guten wie im Schlechten, das Volk von Mindelo ist vergnügungssüchtig. Man geht nachts aus und will das Leben genießen. Auf keiner anderen Insel gibt es nonstop so viele Feste", erklärt Swagato. Der Saxofonist aus Baden-Württemberg lebt schon seit acht Jahren in der Stadt und redet voller Enthusiasmus über sie. "Das hängt mit den Einflüssen zusammen, die von außen kommen."
Die 1835 gegründete Hafenstadt Mindelo war einst Anlaufpunkt für Frachter, die auf Transatlantikrouten unterwegs waren, heute sind es Kreuzfahrtschiffe, die hier anlegen. Die Besucher aus aller Welt haben Stadt und die Menschen geprägt. "Vor allem eine bestimmte Schicht von Leuten siedelte sich hier an, - Musiker und Dichter, Schriftsteller, Maler, Theaterleute, so eine Art Bohéme", erzählt Swagato.
Der besondere Groove
Der Jazzmusiker aus Heidenheim an der Brenz kam nach Kap Verde, um endlich von und für die Musik zu leben. "Ich bin kein Aus-, sondern ein Einsteiger", sagt er, "denn ich bin mit 51 Jahren wieder in meinen Lebenstraum eingestiegen." Das geschah, als er 2001 in Mindelo bei einem Konzert sein Saxofon auspackte und mitspielte - dass auf der Bühne einer der bekanntesten Musiker Kap Verdes stand, nämlich Rufino Almeida, der sich als Künstler Bau nennt, wusste er damals noch nicht.
"Die Kapverdier waren erstaunt, dass ich als Weißer sofort bei ihrer Musik mitspielen konnte", erinnert sich der Schwabe. "Die bekannteste Musik Cabo Verdes, die morna, ist von den Harmonien her im Grunde genommen europäische Musik, und gleichzeitig auch Jazz." Daher waren ihm die Harmonien bekannt, und Swagato kann darüber und über die Melodien improvisieren.
Neu war für ihn der Rhythmus. "Das ist eine ganz eigene Art der Musik, da kommen afrikanische und brasilianische Einflüsse zum Zug. Die haben hier ein ganz eigenes Rhythmusverständnis, einen ganz eigenen Groove. Es ist ihnen gar nicht bewusst, wie kompliziert das ist, denn sie haben das von Kindheit an im Ohr."
Der Deutsche kam mit Saxofon und Flöte - zwei für kapverdische Musik ungewöhnliche Instrumente - bei seinen kreolischen Kollegen gut an. "Da hatte ich einfach Glück. Als Gitarrist hätte ich keinen Fuß auf den Boden gekriegt, aber als Saxofonist hatte ich einfach ein absolutes Monopol. Es gibt nur noch einen einzigen lebenden kapverdischen Saxofonisten: Totinho, der mit Cesária Evora spielt. Der berühmte Luís Morais ist 2002 gestorben."
Auch beim ersten Auftritt gerade auf Bau getroffen zu sein, erwies sich als großes Glück. Zum einen war es eine immense Herausforderung mit einem so herausragenden Musiker zusammen zu spielen, und zum anderen fand Swagato durch ihn auch den Einstieg in die Musikszene von Mindelo.
"Mindelo ist so klein, da kennt jeder jeden", behauptet Luís Baptista, der Inhaber einer Werkstatt für Saiteninstrumente und einer Gitarrenschule. Er ist 33 Jahre alt und ein Bruder von Bau. Auffällig an seinem grazilen Körper sind die langen, schmalen Finger. Zusammen mit fünf anderen Brüdern betreibt er die beiden Unternehmen. Daneben treten sie als Band "Baptistinhas" auf - die "kleinen Baptistas".
Die "Barfuß-Diva"
Der Name Baptista ist in Mindelo jedem bekannt, denn der Vater von Bau und seinen Geschwistern, João Baptista Fonseca, war ein berühmter Konstrukteur von Gitarren und anderen Saiteninstrumenten. "Er benutzte bis dahin unbekannte Materialien und entwickelte neue Techniken", erklärt Luís. "Wie wir heute arbeiten, geht auf ihn zurück."
Auch ein anderes Erbe gab er an seine Kinder weiter: Alle ohne Ausnahme spielen Gitarre oder singen. "Uns liegt die Musik im Blut", sagt Luís, "wer nicht spielt, ist kein Baptista." "Alle" bedeutet laut seiner Zählung "ungefähr 15", denn genau kann er es nicht sagen. "Drei Mütter, und ich glaube, wir sind neun Brüder und sechs Schwestern."
Die Familie Baptista ist vielleicht ein besonderes Beispiel, doch auch generell gilt: Aus Mindelo kommen und kamen so gut wie alle bekannten Musiker Kap Verdes, zumindest die der alten Generation: Bana, Tito Paris, Luís Morais, Bau, Ildo Lobo und natürlich Cesária Evora, die Grande Dame der kapverdischen Musik . Man kennt sich, man wohnt in der Nachbarschaft, man macht zusammen Musik. "Cesária habe ich schon im zweiten Monat kennengelernt", erzählt Swagato. "Und Bau war vier Jahre der Bandleader von Cesária. Er hat viel zu ihrem Erfolg beigetragen."
Die "Barfuß-Diva" ist auch in Europa und den USA enorm erfolgreich. Sie bekam mit 47 Jahren die Chance, in Paris eine Platte aufzunehmen, und war fünf Jahre später ein Weltstar.
Die 68-jährige Evora sitzt in ihrem Haus in Mindelo vor einem Dutzend Lottoscheine und einem gut gefüllten Aschenbecher, ihre schwarzen Haare sind zu einem langen Zopf geflochten. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. "Bau habe ich schon lange nicht mehr gesehen, obwohl wir nicht weit voneinander entfernt wohnen", erzählt sie.
Sie lebt noch heute in der Straße, in der sie aufgewachsen ist, nur wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Als ihre Geschwister ins Ausland gingen - dort leben zwei Drittel aller Kapverdier - war für sie klar, dass sie in Mindelo bleiben würde. Für ein paar Pfennige pro Lied sang sie in den Kneipen der Stadt, in den bekannten Treffs wie dem Café Music und dem Café Royal ebenso wie in den Kaschemmen, wo sich die Habenichtse der Stadt mit billigem Fusel betäuben.
Vergangene Pracht, verlorener Glanz
Von den alten charmanten Etablissements jener Zeit gibt es keines mehr. Das glanzvolle Café Royal mit seinem prächtigen Kronleuchter wurde wegen Baufälligkeit abgerissen, das Café Music schräg gegenüber durch Modernisierung entseelt. Heute heißt das ziegelrote Gebäude in der Rua Lisboa, dem Herzen der Stadt "Café Katem", und kann zwar noch mit mehreren Live-Konzerten pro Woche aufwarten, doch Stimmung und Glanz gingen verloren.
"Inzwischen finden viele Konzerte in den beiden großen internationalen Hotels statt, dem Hotel Porto Grande und dem Mindelhotel", berichtet Swagato. "Dann gibt es noch das Katem, das Caravela und das Manel d'Novas Café und in den Restaurants die Noites Caboverdeanas."
Eine "Noite Caboverdeana", ein Abendessen mit Live-Musik, wird von vielen Lokalen ein- oder mehrmals wöchentlich veranstaltet. Dort beginnt die Musik ein wenig früher als bei einem regulären Konzert - die beginnen oft erst gegen Mitternacht - "zum Anwärmen fürs Tanzengehen", wie Swagato erklärt.
Denn das vergnügungssüchtige Volk von Mindelo, zumindest der Teil, der es sich leisten kann, geht anschließend bis zum Morgengrauen in eine der Discotheken oder Hotel-Discobars - und dann bringen chic gekleidete Menschen aller Hautschattierungen so etwas wie einen neuen Glanz zwischen die bunten Kolonialhäuser von Mindelo.