Karakorum-Bergexpedition - DER SPIEGEL
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Am Gasherbrum: Abbruch einer Achttausender-Expedition

Foto: Thorsten Schüller

Achttausender-Expedition in Pakistan "This year no good"

Die Expedition in die Gipfelwelt des Karakorums steht unter keinem guten Stern. Das Wetter ist anhaltend unbeständig. Auch machen Zahnprobleme und eine Verletzung bei einem Gletscherausflug dem Team zu schaffen - und ein Todesfall unter den einheimischen Begleitern.
Von Thorsten Schüller
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben im Basislager des Gasherbrum II verlangt Ausdauer. Unsere Küchenmannschaft bestehend aus Muhammed Ali, Alinaki und Iftichar ist zum Teil seit Mai hier oben auf 5050 Meter Höhe. Ihre Familien haben die Männer seitdem nicht gesehen, teilweise hatten sie nicht einmal telefonischen Kontakt. Immerhin haben sie es sich in dem doppelwandigen Küchenzelt, das bereits im vergangenen Winter bei Temperaturen von minus 50 Grad als Basis für eine Expedition diente, gemütlich gemacht.

Der etwa zehn Quadratmeter große Raum ist Küche und Schlafstätte zugleich. Wenn Träger vorbeikommen, kuscheln sich hier nachts auf den großen Isomatten bis zu acht Männer aneinander. Es ist auch der zentrale Raum für Musik und lange Gespräche. Iftichar, Alinaki und Mohammed Ali haben zwar gar keine Schule besucht beziehungsweise diese vorzeitig abgebrochen. Keiner von ihnen kann daher lesen oder schreiben. Aber erzählen können sie in gebrochenem Englisch umso besser.

Zum Beispiel über Frauen, eine Spezies, die hier oben nur in ausländischen Gruppen vorkommt. Mit Begeisterung hören sie sich auf dem Handy indische Songs an, die begleitet werden von Videos, auf denen hübsche junge Frauen lasziv tanzen. Sie können auch den muslimischen Regeln etwas abgewinnen, wonach ein pakistanischer Mann mit bis zu elf Frauen verheiratet sein darf, eine pakistanische Frau aber nur mit jeweils einem Mann.

Chance für den Gipfel

Wir haben außerdem im Karakorum gelernt, dass nichts bleibt, wie es ist. Dieses Gebirge ist ein ständiger Wandel. Allein die Lawinen, die ab 11 Uhr vormittags unter den warmen Strahlen der Sonne unablässig und mit mächtigem Getöse abgehen verändern das Aussehen der Berge ständig. Auch die Temperaturen sind ein einziger Gegensatz: tagsüber steigen sie unter den Reflexionen des Gletschers auf über 30 Grad plus. Im Zelt messen wir auch 45 Grad. Nachts dagegen sinken sie deutlich unter den Nullpunkt.

Vor allem aber das Wetter, eine der wesentlichen Prämissen für den Höhenbergsteiger, ist hier nicht beständig. Nach einer längeren Schlechtwetterphase, die einen Gipfelgang unmöglich machte, war es in den vergangenen Tagen sonnig. Unsere verkleinerte und noch nicht ausreichend akklimatisierte Gruppe nutzte die Gelegenheit, bis zum Lager II auf 6400 Meter Höhe vorzustoßen. Die bereits seit Wochen ausharrenden und bestens akklimatisierten Spanier nahmen diese seltene Chance an und bestiegen den Gipfel des Gasherbrum II.

Doch nun klingt der Wetterbericht für die kommenden Tage wieder schlecht. Die Luftfeuchtigkeit steigt auf 100 Prozent, es soll ergiebige Schneefälle geben, der Wind nimmt wieder deutlich zu, und die Temperatur wird in den Keller gehen. Damit werden sich die Bedingungen am Berg erneut massiv verschlechtern. Unter diesen Umständen macht es keinen Sinn mehr, noch länger auszuharren, zumal sich die Saison dem Ende zuneigt, wir dann völlig auf uns gestellt sein werden und über keine Kommunikationsmöglichkeit mit Alinaki im Basislager haben werden. Wenn also etwas passieren sollte, könnten wir es nicht einmal mitteilen.

Dieses Risiko wollen wir nicht eingehen. Und dass es in diesem Gebirge erhebliche und auch tödliche Risiken gibt, haben wir in diesen Wochen erfahren. Ulrich und ich sind nicht bereit, so weit zu gehen, werden daher abbrechen und in den nächsten Tagen über den 5680 Meter hohen Gondogoro-La-Pass nach Hushe marschieren.

Andi und Alf sind dagegen noch unentschieden, wie es weitergehen soll. Sie haben noch Material in Lager I, das sie trotz aller Risiken, die der Gletscher mit seinen immer größeren Spalten und der Berg derzeit in sich bergen, runterholen wollen. Auch den Gedanken an den Gipfel hat Andi noch nicht völlig verworfen.

Krach im Gebiss, Beule im Bein

Bei mir kommt hinzu, dass ich vor drei Tagen auf einen harten Energieriegel gebissen habe. Ich vernahm einen mächtigen Krach in meinem Gebiss und spuckte dann einen kompletten Zahn aus. Das versetzte mich in Unruhe, denn hier, auf über 5000 Meter Höhe, sieben Tagesmärsche zu Fuß und einen Fahrtag vom nächsten pakistanischen Zahnarzt entfernt, ist medizinische Hilfe weit weg.

Bei genauerem Hinsehen stellte ich jedoch fest, dass es sich um eine Krone handelt und der eigentliche Zahnstumpf noch steht. Ich reinigte ihn und setzte die Krone wieder provisorisch drauf. Das funktioniert vielleicht für den Moment, aber nicht für weitere vier Wochen.

Auch mein Ausflug in die Höhe war mit Unannehmlichkeiten verbunden. Bei der Überkletterung eines Seracs in dem wild zerrissenen Gasherbrum-Gletscher brach ich mit dem linken Bein in eine Spalte ein. In dem etwa 20 Meter abfallenden, steilen und eisigen Gelände machte ich mit meinem schweren Rucksack einen Salto zur Seite, packte gerade noch das Sicherungsseil und rammte mir dabei das Steigeisen in die linke Wade. Die rächte sich mit einer zweitägigen heftigen Schwellung und Schmerzen beim Gehen.

Heute erhielten wir zudem noch die Hiobsbotschaft, dass der Bruder unseres Küchenjungen Iftichar letzte Nacht in Koncordia gestorben ist. Warum wissen wir nicht. Gestern war der Bruder, ein nicht einmal 30-jähriger Bergretter, noch bei uns im Lager, ehe er sich mit einem Begleiter auf den Rückmarsch nach Koncordia machte. Iftichar, der seit Tagen zudem unter schweren Zahnschmerzen leidet und bereits im vergangenen Jahr einen als Hochträger arbeitenden Bruder verloren hat, ist am Boden zerstört. Gemeinsam mit Alinaki, unserem Koch, hat er sich sofort auf den Weg gemacht.

Damit bleibt nur noch Muhammed Ali, die gute Seele unseres Camps, bei uns. Doch auch er ist durch den Wind: "Baltoro", sagt er und meint den Gletscher unterhalb der Gasherbrum-Gipfel, "Baltoro this year no good."