Laos: Gefährdete Unschuld - DER SPIEGEL
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Laos Gefährdete Unschuld

Seit sich Laos Mitte der neunziger Jahre dem Tourismus geöffnet hat, ist die Zahl der Urlauber in die Höhe geschnellt. Trotzdem sind Reisende im "Land der tausend Elefanten" noch immer selbst eine Attraktion.
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Es sind nicht allein die 32 Tempel der alten Königsstadt Luang Prabang oder die vielen anderen Sehenswürdigkeiten, die immer mehr Kulturreisende und Individualurlauber an den Mekong-Fluss ziehen. Es ist auch das Gefühl von Zeitlosigkeit, das über dem ganzen Land liegt.

Als "größtes Straßendorf der Welt" bespöttelt, besteht in der Hauptstadt Vientiane keine Gefahr, auf den breiten Boulevards des Zentrums überfahren zu werden. Am Straßenrand gönnen sich die Hühner vielmehr ein Sandbad. Laos ist der Gegenentwurf zur chaotischen Thai-Metropole Bangkok oder dem Glitzer und Glamour des reichen Stadtstaates Singapur.

Für vier Mark im "Tuk-Tuk" durch die Stadt

Taxis sind selbst in Vientiane so gut wie unbekannt. Stattdessen wartet an fast jeder Ecke ein kunterbunt bemaltes Motor-Dreirad oder "Tuk-Tuk". Es heißt, wie es klingt. Für 15.000 Kip, umgerechnet etwa vier Mark, knattern die Fahrer an jeden Ort der Stadt. US-Dollar sieht man wegen des schleichenden Verfalls der Landeswährung allerdings lieber. Besonders in den Hotels besteht man meist auf Devisen.

Insgesamt lässt es sich im Land der Tempel und Pagoden leicht haushalten: Eine durchschnittliche Mahlzeit kommt auf etwa zwei Dollar, eine Flasche Lao-Bier, der einzige Exportschlager des Landes, ist für 75 Cents zu haben. Ein komfortables Zimmer wie im Hotel "Tai-Pan" nahe des Mekong-Ufers kostet 50 Dollar pro Nacht.

Sonnenuntergang am Mekong-Ufer

Als Magnet der Hauptstadt gilt das Mekong-Ufer, besonders bei Sonnenuntergang. Nirgendwo, behaupten Kenner, schmeckt das "BeerLao" besser als dort, während in grob gezimmerten Verschlägen Fisch in Zitronengras-Brühe gart und Hühnchen vor sich hin rösten. Die Gemütlichkeit des Tages weicht schnell der Ruhe der Nacht, wenn Lokale und Restaurants letzte Lichter auf die leeren Straßen werfen. Die Kriminalität ist gering, ein Spaziergang im Dunkeln gilt als ungefährlich.

Seit 1975 regieren die Kommunisten

Dass Laos eine der weltweit letzten kommunistischen Bastionen ist, ist indes kaum zu spüren. Kein sozialistisches Einheitsgrau, der "Morgenmarkt" im Zentrum der Hauptstadt quillt über von Waren. Wer es sich leisten kann, für den stehen Dutzende Schmuckverkäufer im ersten Stock Spalier. Von dort aus sind es nur ein paar Tuk-Tuk-Minuten zum Pha That Luang, dem goldenen Reliquienschrein und religiösen Symbol des Landes, in dem sich 80 Prozent der 5,2 Millionen Einwohner zu den Lehren Buddhas bekennen. Unterwegs liegt Patuxai, ein Nachbau des Pariser Arc de Triomphe, unter dessen Dach es sich Souvenirhändler bequem gemacht haben.

Laos' seit 1975 regierende Kommunisten haben inzwischen gelernt, mit dem Tourismus-Pfund zu wuchern. Bis in die achtziger Jahre war das Land wegen des Vietnam-Krieges sowie der Sorge vor "negativen Einflüssen" aus dem Ausland so gut wie abgeschottet, und noch immer ist für die Einreise ein Visum nötig. Spätestens seit 1999 ist der Fremdenverkehr aber mit Einnahmen von mehr als 100 Millionen Dollar pro Jahr wichtigste Devisenquelle des Landes, das mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 350 Dollar jährlich zu den ärmsten der Welt zählt. Im vergangenen Jahr lockte Laos rund 480.000 Reisende an.

Von Massentourismus noch keine Spur

Groß ist die Nervosität der Offiziellen, wenn wieder eine Bombe in der Hauptstadt hoch geht, wie zuletzt Ende Januar in einem Abfertigungsterminal an der Grenze zu Thailand. Verschwörungstheorien gehen um. Vermutlich weiß aber nicht einmal die Regierung genau, wer hinter den Anschlägen steckt.

Nichts von all dem in Luang Prabang. In dem 30.000-Einwohner-Städtchen explodieren allenfalls die Besucherzahlen. Mehrmals täglich gibt es von Vientiane aus Flüge in die nordwestlich gelegene ehemalige Königsresidenz. Seit 1995 steht die Stadt auf der Liste des Weltkulturerbes. Fristeten bis Mitte der neunziger Jahre gerade vier Herbergen hier ihr Dasein, sind es nun elf Hotels und 90 einfachere "Gästehäuser". Doch von Massentourismus keine Spur - noch nicht.

Noch liegt über dem wichtigsten Anziehungspunkt, dem Wat (Tempel) Xieng Thong an der Nordspitze der Halbinsel zwischen Mekong und Khan-Fluss klösterliche Ruhe. Kahle, in orangefarbenes Tuch gehüllte Mönche reden gerne mit Reisenden, um ihr Englisch zu verbessern. Die Stadt ist gepflastert mit Tempeln, ein Drittel der rund 100 Wats in ganz Laos ist dort zu finden.

Touristen als Attraktion

Vor den Toren der Stadt haben Touristen noch immer höchsten Unterhaltungswert für die Menschen in den gestelzten Holzhäusern. "Sawadi!", rufen fünf Mädchen aus einem Hauseingang, als eine Touristengruppe vorbeigeht. Dann noch einmal lauter: "Sawadi!" Die Mädchen stürmen heran, strecken die Hand zum Gruß aus und plappern fröhlich auf Laotisch drauflos.

Auch Markus Peschke kennen sie schon, wenn er wieder eine seiner Mountainbike-Gruppen in die entlegensten Winkel führt, waghalsige Flussquerungen in Langboten und kräftezehrende Anstiege auf Buckelpisten im Regenwald inklusive. Vor zwei Jahren kam der Mann aus Kalkar (Nordrhein-Westfalen) nach Laos.

"Luang Prabang boomt", freut sich der 36-Jährige einerseits über die Entwicklung seiner neuen Heimatstadt zum Tourismusmagnet. Andererseits sieht er auch die Gefahren dieses Prozesses: "Das Land ist noch unschuldig - die Betonung liegt auf noch".

Frank Brandmaier, gms

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