Laos Verträumtes Land am Mekong
Es ist früher Morgen in Luang Prabang. Über der Touristenmeile Thanon Sakkarine hängt noch leichter Dunst. Einige junge Mönche mit kahl geschorenen Köpfen und safrangelben Gewändern ziehen von Haus zu Haus, um milde Gaben einzusammeln. Gegenüber vom Tempel Wat Sene kocht eine Frau auf dem Bürgersteig über einer Gasflamme in einem großen Topf die Reisration für den Tag. Im Hauseingang sitzt ein alter Mann auf einem Plastikstuhl und schlürft Suppe mit Reisnudeln.
Auch im Café nebenan wird gefrühstückt - auf etwas andere Weise. Zu klassischer Klaviermusik serviert ein junger Kellner Café au lait, frische Croissants, Baguette und Rührei mit Speck. Dazu gibt es Papaya-Limonen-Marmelade - für einen Hauch Exotik auf dem Tablett. Das im französischen Kolonialstil erbaute Haus ist frisch gestrichen, auf den Tischen liegen Stoffservietten. Der freundlich lächelnde Kellner ist Laote, der weißhäutige Gast im Rattan-Sessel vermutlich Franzose. Oder doch Deutscher, Engländer, Amerikaner ...?
Die Frühstücksszene hätte genausogut auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielen können. Wer heute in der Altstadt von Luang Prabang zwischen den Tempelanlagen und in den engen Gassen mit ihren weiß gestrichenen Kolonialbauten schlendert, fühlt sich um die hundert Jahre zurückversetzt, in eine Zeit, als Laos noch unter französischer Kolonialherrschaft stand. Nur die zahlreiche Internet-Cafés, Restaurants, Souvenir- und Antiquitätenläden auf der Straße Thanon Sakkarine und entlang dem Mekong-Ufer stören das nostalgische Flair.
Weltkulturerbe Luang Prabang
Die ehemalige Königsstadt am Zusammenfluss von Mekong und Nam Khan ist das Schmuckstück von Laos und gleichzeitig der größte Touristenmagnet des Landes. Anders als in der Hauptstadt Vientiane, die 1827 von den Siamesen fast dem Erdboden gleichgemacht wurde, stehen hier noch mehr als 30 jahrhundertealte, reich verzierte buddhistische Tempel. Luang Prabang gilt als eine der am besten erhaltenen historischen Städte Asiens - und das soll auch so bleiben: Seit 1995 gehört die Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe und steht als Ganzes unter Denkmalschutz.
Abgesehen von Luang Prabang hat das kleine, spärlich besiedelte Laos nur wenige kulturelle Höhepunkte zu bieten. Vielmehr besticht es durch üppig grüne Berge, faszinierende Flusslandschaften am Mekong, bizarre Kalksteinfelsen und Höhlen bei Vang Vieng, die geheimnisumwitterte Ebene der Tonkrüge Phon Savan mit rund 300 Steingefäßen von bis zu zwei Meter Höhe und durch eine Hauptstadt, die eher ein großes Dorf ist: In Vientiane gibt es noch jede Menge Staubstraßen, kaum ein Haus ist höher als vier Stockwerke, zur Rushhour sind vorwiegend knatternde Mopeds und Tuk-Tuks unterwegs, und zur Sperrstunde um 24 Uhr gehen die Lichter aus.
Umgeben von Thailand, Burma, China, Vietnam und Kambodscha, ohne Zugang zum Meer und lange Zeit kaum beachtet, zählt Laos zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. 1975 übernahmen Kommunisten die Macht und ließen das Land am Mekong für mehr als ein Jahrzehnt hinter dem so genannten "Bambusvorhang" verschwinden. Nun erwacht es allmählich aus seinem Tiefschlaf: Seit 1986 lässt die Regierung Marktwirtschaft zu und lädt ausländische Besucher ein.
Ham Ka und sein Langboot auf dem Mekong
Von sozialistischem Einheitsgrau ist in Laos heute kaum noch etwas zu spüren. Auf den Märkten von Vientiane und Luang Prabang stapeln sich die Waren in Hülle und Fülle, und wegen des schleichenden Verfalls des laotischen Kip hat sich der US-Dollar bereits als inoffizielle zweite Währung durchgesetzt. Für westliche Besucher - in erster Linie Rucksackreisende - ist das Leben in Laos fast konkurrenzlos billig: Eine Flasche Lao-Bier, einer der wenigen Exportschlager, kostet gerade mal 70 Cent, eine durchschnittliche Mahlzeit ein bis zwei Euro, und ein Bett in einem einfachen Gästehaus ist schon ab drei Euro zu haben.
Angesichts dieser Preise ist der Verdienst für den jungen Bootsführer Ham Ka nicht schlecht. Jeden Tag steht er in Luang Prabang an der Bootsanlegestelle und wartet auf Touristen, die er in seinem kleinen hölzernen Langboot für zehn US-Dollar zu den Höhlen von Pak Ou 25 Kilometer stromaufwärts bringt. Die Fahrt auf dem Mekong, der Lebensader der Laoten, ist ein Erlebnis: An beiden Ufern ragt eine nicht enden wollende Kette steiler Berge auf, lückenlos von Regenwald bedeckt. Vereinzelt sind einfache Holzhütten am Ufer zu erkennen, Anlegestellen mit schaukelnden Booten, spielende Kinder und kleine Gemüsegärten, in denen Menschen gebückt arbeiten.
In Laos darf der Fluss noch einfach Fluss sein: Ohne Uferbefestigung und nur von kleinen Booten befahrbar, krümmt und windet er sich, wie es ihm gefällt. Ham Ka manövriert das Boot geschickt durch kleine Stromschnellen und scharfkantige Felsen, die in der Nähe von Pak Ou aus dem Wasser ragen. Touristische Hauptattraktion des Dorfes ist die Tham-Thing-Höhle. Sie ist bis unter die Decke voll gestopft mit Tausenden von Buddha-Figuren in verschiedenen Größen, die einst von den laotischen Königen und ihrem Gefolge bei Pilgerfahrten hierher gebracht wurden. Auch die Bewohner von Luang Prabang besuchen einmal im Jahr die Höhle - meist zum Neujahrfest im April, wenn nur wenige Touristen im Land unterwegs sind.
Seitdem die Landstraße Nr. 13 von Luang Prabang im Norden bis Savannakhet im Süden durchgehend befestigt ist, kommen auch mehr Pauschaltouristen nach Laos. Gleichzeitig steigt in den Touristenzentren das Angebot an - oft von Ausländern geführten - Mittelklasse- und Top-End-Unterkünften. Die wachsende Konkurrenz spürt auch Markus Peschke, der in Luang Prabang vor fünf Jahren das Restaurant "Indochina Spirit" eröffnete. Er müsse sich zunehmend in Richtung obere Mittelklasse entwickeln, sagt der 39-jährige Deutsche, wenn er auf seine Geschäfte angesprochen wird.
Anders als viele seiner neuen Kollegen lässt er in erster Linie laotische und thailändische Gerichte und nur wenige westliche Speisen servieren. Abends wird im Gartenrestaurant traditionelle Live-Musik gespielt. Auch Einheimische sind unter den Gästen. "Am meisten mag ich die Ausgeglichenheit und Freundlichkeit der Laoten und ihre herzliche Offenheit, ohne aufdringlich zu werden", sagt er. "Jahr für Jahr fühle ich mich mehr wie einer von ihnen." Die Laoten achten stets darauf, dass das "Sabai" - die Zufriedenheit - stimmt. Von ihrer ausgeglichenen, freundlichen Art könnte sich nach Peschkes Meinung so mancher westliche Besucher eine Scheibe abschneiden, allerdings stellen ihn seine laotischen Mitarbeiter hin und wieder auch vor Probleme. Manchmal kommen sie nicht zur Arbeit, weil sie feiern oder sich entspannen müssen. Wirklich übel nehmen kann er es ihnen nicht. "Eigentlich machen sie es ja richtig."