Las Vegas Zocker? Ab in die Wüste!
Sechs mal täglich werden in Las Vegas Piratenschlachten inszeniert. Die Titanic sinkt jede Nacht mit Pauken und Trompeten. Ein künstlicher Vulkan spuckt nach Sonnenuntergang rhythmisch Feuerwerks-Flammen. Wasserfontänen tanzen ein spritziges Ballett zu klassischer Musik. Und ein paar Straßenecken weiter vermählt "Elvis" Heiratswillige am 24-Stunden geöffneten "Drive-Thru-Window".
Rund 36 Millionen Menschen erliegen alljährlich dem Charme der Spieler-Stadt. Sie flüchten aus der grauen Wirklichkeit in ein grellbuntes Schein-Universum jenseits von Zeit und Raum - eigens für die Besuchermassen geschaffen. Die Metropole des Glücksspiels hat keine attraktive Altstadt, keine nennenswerten Denkmäler und auch keine sonstigen historischen Sehenswürdigkeiten. Ein wichtiger Grund, warum die etwa 120.000 Gästezimmer meist zu 90 Prozent ausgebucht sind, sind die Hotels selber.
Natürlich will die Stadt ihren Besuchern seine sauer verdiente Groschen aus der Tasche ziehen. Schließlich mischte der berühmt-berüchtigte Mafioso "Bugsy" Siegel bei Las Vegas' wundersamer Verwandlung mit, vom staubigen Durchgangs-Bahnhof zur "Entertainment Capital of the World". Um seine Gäste wie Weihnachtsgänse auszunehmen, eröffnete der Gangster am 26. Dezember 1946 das plüschige "Flamingo Hotel & Casino".
Wucherer und Pfandleiher logieren gleich um die Ecke in den schäbigen Nebenstraßen. Ihre langen Schatten wachsen bis auf den funkelnden Las Vegas Boulevard hinaus. Der zahnlose Obdachlose, der hier zu Füßen einer halbnackten Zenturion-Statue bettelt, macht aus seinen wahren Absichten keinen Hehl: "Warum lügen, ich brauch'n Bier", steht in verschmierten Lettern auf einem Pappfetzen.
Ob Pyramide oder Picasso-Gemälde - in der Galerie der feinen Künste im "Bellagio" hängt tatsächlich ein Original - die Aufmachung der extravaganten Hotels ist ein optischer Köder. Laufbänder entführen fußmüde Schaulustige vom legendären "Strip", der die illustren Mega-Hotels wie Perlen auffädelt, ins Labyrinth der einarmigen Banditen.
Uhren, Fenster und Hinweisschilder zum Ausgang sind aus dem Reich von Blackjack weitgehend verbannt. In wonniger Orientierungslosigkeit wird die Nacht zum Tag und umgekehrt. "Der einzige Weg, in einem Kasino Geld zu machen, ist eins zu besitzen", soll allerdings Steve Wynn, der millionenschwere Eigentümer von "Bellagio" und "Mirage", freimütig bekannt haben.
Nach einer Studie des Tourismusbüros der Stadt kommen 95 Prozent der Besucher nicht zum Glücksspiel, sondern zum Einkaufen in den schicken Passagen, wegen der Weltklasse-Bühnenshows des Dressur-Duos Siegfried & Roy oder den langbeinigen Revuetänzerinnen der Folies Bergères. Doch auf dem unvermeidlichen Hindernislauf durchs Kasino in Richtung Büfett füttern letztlich doch 87 Prozent die gierigen Spielautomaten. Durchschnittlich 665 Dollar (757,49 Euro) gab jeder Reisende im Jahr 2000 dafür aus.
Las Vegas präsentiert seinen Gästen die Welt auf einem Silbertablett: ein Hauch von Venedig - wie im Hotel "Venetian" - mit original-importierten Gondolieri und eine Impression von Paris samt Arc de Triomphe, Eiffelturm im Halbformat, Opéra und tanzenden Crêpes-Kellnern auf den Champs-Elysées wie im "Paris". Eine Zeitreise ins antike Rom ist im "Caesars Palace" möglich, ins alte Ägypten im Luxor oder zu den furchtlosen Rittern der Tafelrunde im "Excalibur".