Los Angeles: Happy Hour auf allen Vieren - DER SPIEGEL
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Los Angeles Happy Hour auf allen Vieren

Wer auf den Hund gekommen ist, geht zu Jenna. Zur Happy Hour in ihrem Laden sind sie alle willkommen: die verstörten Greyhounds, die eleganten Huskys, die verrückten Jack Russels - und ihr Herrchen und Frauchen. Ein Treffpunkt der einsamen Herzen mit Kontaktwunsch.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist kurz vor 18 Uhr, die Party hat noch nicht angefangen, doch die ersten Gäste stehen vor dem Tor zum Innenhof und drücken gegen das Gitter. It’s Happy Hour Time! Jeden Donnerstag von 18 bis 20 Uhr bei den "Tails of Santa Monica" in der Main Street Nr. 2912, mitten in Santa Monica, einer feinen Enklave der Riesenstadt Los Angeles. Hier gehen die Menschen noch zu Fuß, kennen sich unter- und reden miteinander ohne ein "cell phone" ans Ohr zu halten.

Das "gesellige Zusammensein für Hunde und ihre Besitzer" steht in keinem Reiseführer und keinem Eventkalender, es ist ein Angebot für die Einheimischen. "Wir haben damit im April 2006 angefangen, und es wurde gleich ein Hit", sagt Jenna, 32, die in Seattle zuerst Tanz studiert und später gekellnert hat, bevor sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann, einem Musiker, nach Los Angeles zog. Jetzt leben die beiden mit drei Hunden und zwei Katzen in einem Apartment in Culver City. "Ich bin verrückt nach allem, was vier Beine und einen Schwanz hat."

Hundefutter ohne Geschmacksverstärker

Wohl in keiner anderen der Stadt der USA ist es so einfach, sich mit einer verrückten Idee eine Existenz aufzubauen. In Los Angeles findet fast jeder genug andere Verrückte, die sich für dieselbe Idee begeistern. Jenna bietet in ihrem Geschäft "holistische" Nahrung für Hunde und Katzen an, ganz ohne Zucker und Geschmacksverstärker, viele ihrer Kunden sind Vegetarier und Veganer, die auch ihre Tiere gesund ernähren möchten. Ebenso wichtig ist der "soziale Aspekt", die Tiere sollen lernen, sich ordentlich zu benehmen. Am Eingang hängt eine kleine Tafel mit den sieben "Rules for a Happy Hour" (Regel Nummer 4: "Discourage aggressive play"), neben der Kasse liegen Prospekte von Tiertrainern und Tiertherapeuten, die verhaltensgestörte Hunde behandeln.

Und die Besitzer der Tiere werden ebenfalls gut versorgt. Jenna stellt Dips und Cracker auf einen runden Tisch in der Mitte des Ladens, dazu ein paar Flaschen Chardonnay und Pinot Noir der kalifornischen Marke Woodbridge. Unter dem Tisch stehen Schalen mit Wasser, die von den Hunden umlagert werden. Es dauert keine halbe Stunde, und der Laden ist so voll wie das Wartezimmer eines Veterinärs, der lange verreist war. Nur dass man hier nicht mit letzter Gewissheit sagen kann, ob es die Tierfreunde sind, die ihre Hunde zur Happy Hour mitbringen – oder umgekehrt. Das Ganze mutet wie ein Treffen von Lonely Hearts an, die ihre Vierbeiner als Kontakter einsetzen.

Julien ist nicht verheiratet und Single, sie arbeitet als selbständige Chiropraktikerin in Santa Monica, sechs Tage in der Woche, von 10 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Donnerstags nimmt sie sich früher frei, um mit Lucy zur "Happy Hour" zu gehen. Lucy, gerade fünf Monate alt, ist ein italienischer Greyhound, extrem flink und unruhig.

Während Julien in Magazinen blättert, springt Lucy hin und her, wobei ihr zweiteiliges rosa Kleidchen immer wieder verrutscht und von Julien zurechtgerückt wird. Julien hat ihre Lucy im Internet gefunden (www.puppyfind.com), bei einem Züchter in Missouri, und 750 Dollar für das Rassetier bezahlt. "Sie kam mit einem Flugzeug in LA an, ich hab sie am Flughafen abgeholt."

Aus Tierheimen und Asylen

So etwas ist eher die Ausnahme. Die meisten Tiere bei der "Happy Hour" sind Promenadenmischungen und "rescue dogs", Jenna hat ihre drei Hunde - Jackson, Cash und Bell - aus einem Tierheim geholt. Auch Kris, ein Witwer, der wie Käptn Blaubär aussieht und nachts als "Security Guard" auf Baustellen arbeitet, hat seinen Jake, einen Jack Russell, in einem Asyl für Tiere gefunden. Jake ist aggressiver als die anderen Hunde, Kris muss ihn anleinen und auf den Arm nehmen, damit er nicht ausrastet.

Brett, ein Künstler aus dem benachbarten Venice, arbeitet an einem Dokumentarfilm, wie Menschen mit ihren Tieren kommunizieren. Er selbst hat zwei Hunde, Cosmo, einen sibirischen Husky, und Celeste, einen japanischen Mops. Sie leben zu dritt in einem Haus am Strand, wo Brett auch sein Atelier hat. "Wir machen alles zusammen", sagt er, nur verreisen kann er nicht, weil er die Tiere nicht allein lassen will. Erin dagegen, Lehrerin an einer Oberschule, nimmt ihren elf Jahre alten Mischling Toby überall mit.

Kurz nach acht ist die "Happy Hour" bei Jenna vorbei. So schnell, wie sie gekommen sind, gehen die drei Dutzend Gäste mit ihren Hunden auch wieder. Zurück bleibt kein Durcheinander. Wo immer was auf den Boden fiel, wurde es vom Herrchen oder Frauchen sofort weggeräumt. Jenna muss nur die Becher einsammeln und die leeren Flaschen in die Tonne entsorgen, dann sperrt sie "Tails of Santa Monica" zu, packt Belle, Cash und Jackson in ihren SUV und fährt heim zu ihrem Mann nach Culver City. Ihre "Happy Hour" hat sie noch vor sich.

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