Lower East Side in New York: Eine Dosis Jugend - DER SPIEGEL
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Lower East Side: Wild, gefährlich, frei

Foto: Shaul Schwarz/ Reportage by Getty Images

Lower East Side in New York Eine Dosis Jugend

Die Lower East Side war einst der verruchteste Stadtteil Manhattans, heute ist sie ein Treffpunkt der Kreativen. Trotzdem trauern manche Einwohner vergangenen Zeiten nach: Die Mietpreise steigen ins Astronomische - und die Seele des Viertels geht verloren.
Von Jürgen Schaefer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paradies oder Hölle. Jared Singer sieht sich an der Pforte und weiß nicht, was ihn erwartet. "Wenn du jemanden liebst, dann schicke ihn nach New York: Denn es ist das Paradies." Er grinst schief und schaltet um: "Und wenn du jemanden hasst, dann schicke ihn nach New York: Denn es ist die Hölle."

Paradies oder Hölle, Ruhm oder Hohn. Singer kauert im "Bowery Poetry Club" auf einem Barhocker, die weichen Unterarme wie festgeklebt auf dem Tresen. Boxernase und Zottelbart, Angstschweiß und ein Batman-T-Shirt in XXL, das sich über dem runden Körper spannt: Wie ein Dichter sieht Jared Singer, 25 Jahre alt, nicht aus.

Doch Poetry Slam ist ein Wettkampf der Dichter: Es ist von Liebe die Rede, von Verzweiflung. Das Publikum zeigt sich ungeduldig an diesem Abend. Auf der Bühne liest eine Israelin, eine Hand in der Hosentasche vergraben, ihre Lebensgeschichte von ihrem iPhone ab. "Die Mieten sind so teuer", greint sie, "und ich vermisse meine Jugend!" Sie ist 28. Als sie von der Bühne schleicht, tröpfelt der Applaus spärlich wie der Regen auf der Straße, wohin sich die Raucher verzogen haben.

"Das ist wahre Liebe!"

Jared Singer starrt angestrengt in sein Bier und blättert in Gedanken sein Archiv nach einem brauchbaren Gedicht durch. Singer würde niemals ablesen, er schreibt ja nicht einmal auf: 90 eigene Gedichte hat er im Kopf; sein Œuvre. Seine Festplatte. Fällt ihm morgen ein Ziegelstein darauf, sind Jared Singers Gedichte für immer verloren. Schließlich erhebt er sich und schlendert mit schwingenden Armen auf die Bühne; bereits als er Luft holt, wird es still im Raum. "Der letzte Liebesbrief eines Insektenforschers", rezitiert Singer ernst; die ersten beginnen zu kichern.

Die zehn Stuhlreihen im dunklen Saal sind dicht besetzt, wie jeden Dienstagabend zum Poetry Slam. Die Stammgäste stehen an der Theke, halten sich an ihren Wodka Tonics fest. Sie entscheiden über Ruhm oder Hohn, Paradies oder Hölle: Wer viel redet, aber nichts zu sagen hat, den bestrafen sie mit eisernem Schweigen; wer sich jedoch in Rage redet, den Saal zum Schwingen bringt, den heben sie mit aufmunternden Zwischenrufen höher; "Whoa!", "Yes!", "Say it!" Wer aus dem Takt kommt, plötzlich vor einem dunklen Loch der Stille steht, dem bauen sie mit rhythmischem Fingerschnipsen gemeinsam eine Brücke.

Jared Singer braucht keine Hilfe, nach zwei Minuten hat er den Saal im Griff. Genüsslich lässt er seinen Insektenforscher beschreiben, wie sich das Männchen der Gottesanbeterin nach der Paarung auf den Rücken legt, um sich vom Weibchen verspeisen zu lassen. "Das ist wahre Liebe!", ruft Singer entzückt, und das Publikum johlt. Am Ende geht er mit 26 Punkten von der Bühne und wird später mit zwei weiteren Gedichten sogar der Sieger des Abends.

Der wichtigste Rohstoff der Stadt

Poesie in New York, eine wahnwitzige Idee: In einer Stadt, in der am East River im Uno-Hauptquartier über Krieg und Weltfrieden entschieden wird und an der Wall Street über Aufstieg und Fall ganzer Volkswirtschaften - in so einer Stadt mit einem Gedicht über Insektenliebe anzutreten, das sei der ultimative Akt der Subversion. Das behauptet jedenfalls Bob Holman, Gründer des "Bowery Poetry Club" und "Slam Master" der örtlichen Dichtergemeinde. "Das klingt vielleicht ein wenig durchgeknallt", sagt Holman, Augen so blau wie der Himmel über den Appalachen. "Aber nach dem furchterregenden Triumph des Kapitalismus gibt es keinen Widerstand mehr außer der poetischen Ökonomie."

Die kreative Energie der Kunst, glaubt Holman, ist der wichtigste natürliche Rohstoff New Yorks; doch anders als die kapitalistische hat die poetische Ökonomie keinen finanziellen Zweck. "Sie ist eine Wirtschaft, die den Kapitalismus vorführt, indem sie ihr wichtigstes Gut verschenkt!"

Holman lebt über dem "Bowery Poetry Club", doch es ist nicht die Kammer eines armen Poeten, eher das Loft eines gastfreundlichen Menschen: offene Küche, ein großer Esstisch, mit Büchern und Zeitschriften bedeckt. Der Boden des Apartments ist über und über mit Gedichtzeilen beschrieben, auch mit Walt Whitmans Ode an seine Heimatstadt New York, die "stolze, leidenschaftliche, mutige, wahnsinnige, extravagante Stadt!". Holman kam 2002 an die Bowery, um hier "einen sicheren Ort für gefährliche Kunst" zu schaffen.

Diese Wahl war kein Zufall. Die Bowery, eine Lebensader der Lower East Side, war damals noch verrufen genug, um die Immobilienpreise relativ niedrig zu halten. Vor allem war die Lower East Side der ideale Ort für eine subversive Kulturinitiative.

Ein Viertel wie ein ungezogenes Stiefkind

Denn würde man die Stadtviertel Manhattans nebeneinander aufreihen wie die üblichen Verdächtigen, wäre die Upper East Side eine reiche alte Tante, die Upper West Side ein Intellektueller im Rollkragenpullover mit einer " New York Times" unter dem Arm, das West Village ein Kreativer mit engen Hosen und Hornbrille - und die Lower East Side: das ungezogene Stiefkind mit zerrissener Lederjacke und gepiercter Lippe, den Finger auf dem Sprühknopf einer Farbspraydose.

Die Lower East Side zog seit jeher die Unangepassten an, die in New Yorks Glücksverheißung etwas anderes sahen als den Traum vom schnellen Geld. "Dies ist der Geburtsort der Volkskunst in New York. Das Varieté, das jiddische Theater, die Burleske - hier an der Bowery hat alles angefangen", erzählt Holman. Zugleich war die Bowery Inbegriff eines Lebensstils, der das etablierte New York schockierte. Gegenüber von Holmans Klub stand "McGurk's Suicide Hall", eine Bar, in der die Männer das Bier mit Schläuchen direkt aus dem Fass tranken, Barpianisten dreckige Lieder spielten und Prostituierte sich zu Dutzenden mit Desinfektionsmittel vergifteten.

Amerika war Mitte des 19. Jahrhunderts das Sehnsuchtsziel für Millionen Europäer, die Lower East Side ihre erste Adresse. Hier landete an, wer in die Neue Welt emigrierte: die Iren, die vor der Hungersnot nach der Kartoffelpest in ihrer Heimat flohen; die Deutschen, die in Großfamilien mit zehn, zwölf Kindern vom Schiff stiegen und bald so zahlreich waren, dass die Gegend um die Bowery "Kleindeutschland" genannt wurde. Italiener kamen und Juden, die der Verfolgung in Osteuropa entgehen wollten; auch sie so zahlreich, dass noch heute jeder dritte Amerikaner jüdischen Glaubens seine Wurzeln in die Lower East Side zurückverfolgen kann.

Heimat der Armen, Arbeitslosen und Verlorenen

Die Einwanderer hausten zu der Zeit in eilig hochgezogenen Mietshäusern, tenements genannt; oft mehr als 100 Menschen in einem vierstöckigen Haus mit Plumpsklos auf dem Hof. Cholera und Typhus waren derart verbreitet, dass die Kindersterblichkeit in manchen Jahren bei 40 Prozent lag. Die Kriminalität war außer Kontrolle; den Bezirk Five Points, Vorlage für den Film "Gangs of New York", regierten kriminelle Banden. Wer konnte, zog in eine bessere Gegend. Die frei werdenden Wohnungen füllten sich sofort mit neuen Einwanderern.

1890 dokumentierte der 41-jährige Polizeireporter Jacob Riis mit seiner Kamera das Leben in der Lower East Side, um zu zeigen, "wie die andere Hälfte lebt". Sein Bildband "How The Other Half Lives" gilt als erster Meilenstein der fotografierten Sozialreportage. New Yorker in besseren Wohnvierteln waren ebenso abgestoßen wie fasziniert vom Einblick in die Lower East Side. Slumming wurde beliebt, der Besuch in der Freiluft-Geisterbahn: In den dreißiger Jahren führten Stadtrundfahrten durch das Viertel, damit sich die Touristen am Elend in den Slums ergötzen konnten. Kinder bewarfen sie mit Steinen und toten Ratten.

Die Tage als Proletarierviertel waren zu dem Zeitpunkt bereits gezählt. 1924 hatte der amerikanische Kongress endgültig beschlossen, die Einwanderung drastisch zu begrenzen; der Nachzug geriet ins Stocken. Immer wieder versuchten Stadtplaner, die Lower East Side zu retten: Robert Moses wollte die tenements weitgehend abreißen. Stattdessen errichtete die Wohnungsbaubehörde nach dem Krieg entlang des East River mächtige Sozialwohnungsblocks. Doch die Industrie wanderte ab, und die weiße Mittelschicht floh in die Vorstadt. Zurück blieb der Bodensatz, die Armen, Arbeitslosen, die Verlorenen.

In der Lower East Side begannen erneut wilde Jahre. "Hier standen die Leute Schlange, wenn es im Haus Drogen zu kaufen gab", erzählt José Rodriguez, 49, der für die "New York Times" Druckmaschinen wartet, und deutet auf den Gehsteig neben dem Wohnblock in der Stanton Street. "Ein großer Schwarzer mit breiten Schultern und einem Baseballschläger ging auf und ab und passte auf, dass keiner drängelte. Das Haus nebenan stand leer, das war die Fixerstube. Hörte man nachts Schüsse, konnte man am nächsten Morgen die Kreidestreifen sehen, die die Polizisten um die Leiche herum auf den Asphalt gemalt hatten."

Guerilla-Ausstellungen in leerstehenden Häusern

Das war die Zeit, als Ulli Rimkus aus Düsseldorf nach New York kam, 1977, sich ein billiges Auto kaufte und mit ihrem Freund quer durch die USA nach Texas fuhr und weiter nach Mexiko, Guatemala, Belize - was junge Deutsche tun, wenn sie in die USA kommen und die Weite entdecken. Wieder zurück in New York, landete sie in einem praktisch unbewohnbaren Haus in der Ludlow Street.

Basquiat lebte im Viertel, Kiki Smith, beide noch völlig unbekannt; die Lower East Side war wild, gefährlich und frei. Rimkus gründete mit Freunden das Künstlerkollektiv "Colab", organisierte Guerilla-Ausstellungen in leerstehenden Häusern. Weil es keinen wirklichen Treffpunkt gab, eröffnete Rimkus 1989 "Max Fish", halb Kunstgalerie, halb Bar. Das war der Anfang vom Ende.

Die blonden Spaghettilocken von Ulli Rimkus sind heute von grauen Strähnen durchzogen, ihr Deutsch stockt, und sie steht nur noch selten im "Max Fish" hinter dem Tresen. Ansonsten scheinen sich Bar und Besitzerin kaum verändert zu haben. Hinter der Theke prangt noch immer das Foto von Julio Iglesias, zur Fratze verzogen, auf einem Leuchtkasten, und ragt ein riesiger Hufnagel aus der Wand, beides Teil der permanenten Sammlung von Kunstwerken.

Gegenüber hängt Rimkus jeden Monat eine neue Ausstellung, seit mehr als 20 Jahren. Das Publikum rekrutiert sich nach wie vor aus der jungen New Yorker Kunstszene, mit einem entscheidenden Unterschied: Von den Künstlern - ebenso wie von den Poeten, die im "Bowery Poetry Club" auftreten - wohnt kaum noch jemand in der Lower East Side.

Früher war das "Max Fish" nur ein verrottetes tenement unter vielen, heute ragt direkt neben der Bar ein 23 Stockwerke hoher Glasturm in die Luft. Luxuswohnungen. An allen Ecken des Stadtteils wachsen die Türme, unvermeidlich "in dieser Stadt, der es so schwerfällt, am Boden zu bleiben", wie der Poet Holman sagt. "Die Lower East Side galt als nicht gentrifizierbar", erinnert sich Holman, die Lower East Side war zu verrufen, zu versifft, um je aufgeputzt zu werden. Doch der Immobilienboom der 2000er Jahre schwemmte immer mehr Geld in die Stadt, und die Lower East Side, letzte Insel der Randständigen, wurde überflutet. Die jungen Wilden leben jetzt weit draußen in Bed-Stuy, wo man nachts tatsächlich noch aufpassen muss auf der Straße.

Hochhäuser wie grimmige Riesen

Heute gehört das Viertel Menschen wie Eb Gaines, 53 Jahre alt, Investmentbanker, Penthouse an der Ridge Street, 4500 Dollar Miete im Monat. Gaines ist die Antithese zu Ulli Rimkus, er kam 1996 als Wahlkampfmanager für die Republikaner nach New York. Als seinem Kandidaten das Geld ausging, wechselte Gaines an die Wall Street, machte sich selbstständig und verlegte sein Büro nach Montauk auf Long Island. "Morgens Kitesurfen, mittags arbeiten, nachmittags Kitesurfen. Was für ein wunderbares, gesundes, schönes Leben!", sagt Gaines. "Bis die Finanzkrise kam."

Gaines wuchs auf einer Farm in Idaho auf. Weil er beim Skifahren nicht mit seinen Freunden mithalten konnte, aber nicht als weich gelten durfte, ließ er sich von Cowboys auf der Ranch - Lakota-Indianern - das Rodeo-Reiten beibringen; elf Jahre lang ritt er professionell. Ein großes Foto über dem Sofa seines Lofts zeigt die Ranch: weites, offenes Land und in der Ferne eine sonnenbeschienene Bergkette. Der Blick von der Terrasse ähnelt diesem Panorama, reicht über die Dächer der Lower East Side hinweg bis zum Gebirgszug der Hochhäuser in Midtown Manhattan.

Die meisten seiner Freunde leben uptown, wo das alte New Yorker Geld zu Hause ist. "Zum Sterben langweilig ist es dort", stöhnt Gaines, weshalb sich die Freunde gern zu Grillpartys auf seiner Terrasse einstellen, im Schatten der bedrohlichen alten Mietskasernen, die das Viertel wie grimmige, breitschultrige Riesen bewachen.

Gaines hat an New York schon immer das Rohe, auch das Schmutzige fasziniert: "Ich werde es nie vergessen, als ich mich einmal im Meatpacking District nach zwei Frauen umdrehe und dann zwei dicke, fette Ratten über die Straße rennen sehe." Als er 2009 zurück nach New York zog ("Seit dem Crash müssen wir alle doppelt so viel arbeiten, das war auf Long Island nicht zu machen"), entschied er sich für die Lower East Side: "Dieses Viertel ist wie eine Dosis Jugend, die man sich mit einer Spritze in den Arm verpasst."

Mord und Spiele

Gleich nach seinem Einzug geschah ein Mord, "da unten, fast vor dem Haus", erzählt Gaines und beugt sich über die Brüstung. "Schon komisch, so etwas. Hätte ja jeden treffen können, oder?" Gaines deutet zur Straßenecke: "Und da war ein Gemüseladen, da habe ich jeden Morgen um sieben meinen Kaffee geholt. Einmal hörte ich Menschen im Keller, die sich auf Spanisch anschrien." Offenbar waren sie über ein Full House oder einen Straight Flush in Streit geraten. "Als ich den Ladenbesitzer fragte, was da los sei, sagte er: 'Ach, die spielen nur ein bisschen Monopoly.' 'Monopoly', sagte ich, 'ja, klar!'" Wenige Tage später war der Laden dicht. "Jetzt sammeln wir Unterschriften. Wir wollen, dass die Polizei die Familie in Ruhe lässt."

Die Chancen dafür stehen schlecht. Die Zeiten, als die Polizei in der Lower East Side nichts zu sagen hatte, sind lange vorbei. Seit Bürgermeister Rudy Giuliani in den neunziger Jahren mit harter Hand gegen die Mafia durchgriff, aber auch gegen Kleinkriminelle und Menschen, die bei Rot über die Ampel gehen, gehört New York zu den sichersten Großstädten der USA.

Für die alteingesessenen Bewohner der Lower East Side war Giulianis Programm zur Verbrechensbekämpfung zweischneidig. "Sicher, früher war es schwierig, in diesem Viertel Kinder aufzuziehen", sagt José Rodriguez, der Druckmaschinentechniker der "New York Times", der nur einen halben Häuserblock von Eb Gaines entfernt wohnt. "Aber früher war dafür Leben auf der Straße. Wir haben vor dem Haus einen Klapptisch aufgebaut, Domino gespielt und Bier getrunken. Dann kam Giuliani, und die Polizei war überall. Wenn sie mehr als drei Latinos auf einmal sahen, haben sie uns belästigt, herumgeschubst und bedroht."

Mehr Besatzer als Besucher

Jetzt hat ein Immobilienentwickler gegenüber von Rodriguez' Wohnblock einen Neubau gepflanzt, in dem Studenten der New York University 4000 Dollar für eine Zweizimmerwohnung löhnen. Ulli Rimkus von "Max Fish" stöhnt: "Giuliani war der schlimmste Bürgermeister, den New York je hatte."

Ist wirklich nur Giuliani schuld, dass auf der Lower East Side heute Kunst zwar konsumiert, aber kaum noch produziert werden kann? In Wahrheit waren schon die ersten Neusiedler - Ulli Rimkus und ihre Künstlerfreunde - mehr Besatzer als Besucher. James Romberger, der noch heute im "Max Fish" ausstellt, malte in den achtziger Jahren die brennenden Häuser, den Müll und die Junkies in seiner Nachbarschaft; ein moderner Jacob Riis.

Zuerst waren die düsteren Werke nur in den improvisierten Galerien im Viertel zu sehen, später wagten sich Kunsthändler aus der Oberstadt in die dunklen Gassen, immer auf der Suche nach neuem Material. Schließlich kaufte das Metropolitan Museum Rombergers Gemälde: Stadtverfall an weiß getünchten Wänden, zum Ergötzen der Museumsbesucher auf der Upper East Side. Slumming in einer geläuterten Form.

Ein Gegenmodell zur faden Vorstadt

Künstler wie Romberger und Rimkus waren die Pioniere, die Brücken bauten in das isolierte Viertel. Als die Kinder der einst stadtflüchtigen weißen Mittelklasse, in Suburbia zu Tode gelangweilt, zurück nach New York drängten, bot die Lower East Side das ideale Gegenmodell zur faden Vorstadt. Der schlechte Ruf des Stadtteils war plötzlich sein Kapital - zumal es kaum noch Ecken in Manhattan gab, die nicht bereits blank geputzt waren. "Die Stadt ist ein Versprechen auf das Unvorhergesehene, auf zufällige Begegnungen: Hier kann man Menschen treffen, die aus fremden Verhältnissen kommen. Das macht noch heute den Reiz der Lower East Side aus", sagt Christopher Mele, der in den neunziger Jahren selbst hier gewohnt hat ("in 17 verschiedenen Apartments in neun Jahren") und heute Soziologie als Professor der University at Buffalo im Norden von New York State lehrt.

Die neu zugezogenen Studenten der New Yorker Eliteuniversitäten - die Studiengebühren liegen pro Jahr bei mehr als 30.000 Dollar - sahen es allerdings nicht ein, sich in Abbruchhäusern mit Kakerlaken und Junkies um Platz zu streiten. Sie lebten etwas, das Mele als duale Realität beschreibt: im Privaten exklusiv, weiß, teuer und sicher, im öffentlichen Raum dunkel, gefährlich, ethnisch vielfältig und unkontrolliert.

Dieses Konzept lässt sich bis heute vermarkten: Der 23-stöckige Glasturm hinter dem "Max Fish" wirbt damit, "die Energie des Viertels mit der Beschaulichkeit eines Zuhauses" zu verbinden. Die Laster der Lower East Side sind ein Markenzeichen, mit dem sich Geld verdienen lässt. "Aneignung durch Konsum" nennt Mele die Besetzung des Viertels durch die weiße Mittelklasse, und der Poet Bob Holman sinniert: "Die kapitalistischen Vermarkter bügeln die Realität platt, bis nur noch ihr eigenes Abziehbild übrig bleibt."

Bier und Frisur für 95 Dollar

Der Beweis dieser These lässt sich etwa einen Häuserblock südlich des "Max Fish" erheben. Dort strömt das Publikum lässig in den "Tommy Guns Salon", um sich für 95 Dollar bei einem Flaschenbier die Haare schneiden zu lassen - in einem Frisierstudio, dessen Einrichtung, vom abgewetzten Stuhl bis zur patinierten Blechdecke, aus dem 19. Jahrhundert stammt. Der Salon wurde 2008 aus zusammengekauften Einzelteilen in einen leeren Raum gebaut.

An allen Ecken des Stadtteils entstehen Bars, die mit blinden Spiegeln und angeschlagenem Mobiliar ausgestattet werden, um bereits am ersten Tag so auszusehen, als seien sie schon immer dagewesen: Dekoration statt Tradition, die Metropole als Vergnügungspark. Früher lagen Welten zwischen New York und Las Vegas; heute sind es nur ein paar U-Bahn-Stationen.

Für die Ureinwohner bleibt kaum noch Platz. Latinos wohnen allenfalls in den Sozialwohnungsblöcken am Rand, nicht mehr im alten Viertel. Als der Direktor eines Kulturzentrums Schüler aus den Wohnblöcken einladen wollte, schlug die Lehrerin vor, für die 800 Meter weite Reise einen Bus zu mieten: "Viele unserer Schüler haben die Blöcke nie groß verlassen."

Die Schlacht gegen die Gentrifizierung ist verloren

Vereinzelt sind auf der Lower East Side noch holdouts zu finden, hartnäckige Guerillakämpfer, denen niemand gesagt hat, dass die Schlacht gegen die Gentrifizierung verloren und die Kapitulation längst unterzeichnet ist. "Streit's Matzo Factory" an der Rivington Street zum Beispiel, wo seit 1925 fade Fladen aus ungesäuertem Brotteig für das jüdische Passahfest gebacken werden; oder "Economy Candy" in derselben Straße, dessen Besitzer seit 1937 selbst gemachte Bonbons in allen Farben verkaufen.

Wer an einem ereignisarmen Vormittag die Orchard Street bis hinunter nach Chinatown schlendert, läuft unweigerlich Sam Gluck in die Arme, graue Schläfenlocken, Haarklammern im Bart, die jüdische Kippa auf dem Kopf. "You guys from New York?", ruft er über die Straße, und dehnt das "O" wie Gummifolie, Nuu Yooohk? "I got som'thin for ya", "ich hab da was für euch", und führt seinen Fang in einen Laden für Herrenkonfektionskleidung. Sam Gluck vermisst den vermeintlichen Kunden mit prüfendem Blick auf Größe und Zahlungsfähigkeit, zieht dann trotzdem einen 1000-Dollar-Anzug hervor und befiehlt: "Fühlen Sie den Stoff, was für ein Stoff!"

Das Geschäft ist leer bis auf Glucks Verkäufer, der Mario Jensen heißt, aber weder nach Mario aussieht noch nach Jensen, eher wie James Brown, "The Godfather of Soul", mit einem Bart wie Muammar al-Gaddafi. Jensen nimmt seine Mafia-Sonnenbrille auch an trüben Tagen nicht ab, doch sein voluminöser Bariton entschärft die Erscheinung: eine Stimme, in der man sich betten möchte. "Ich mache hier die Dekoration", erzählt Jensen, "oh ja, und die Kunden finden es gut."

Nut- und Federbretter verkleiden die rohen Wände, die Kleiderständer sind mit ausgesägten Ornamenten verziert. Manche Pullover im Regal sehen so aus, als lägen sie seit den achtziger Jahren dort. Früher, erzählt Mario Jensen, war hier noch mehr los, "die Gegend hat sich verändert". "Ach was", unterbricht ihn Sam Gluck mit seiner knatternden Stimme, "was heißt schon Veränderung: Wir sind am Leben, also ist es gut!"

Dieser Widerstandsgeist hält auch das "Max Fish" am Leben, die Bar/Galerie der ehemals Deutschen Ulli Rimkus. Noch jedenfalls: Der Vermieter hat bereits gedroht, die Monatsmiete für das Lokal auf 20.000 Dollar mehr als zu verdoppeln. Als Rimkus erwiderte, das könne sie nie im Leben bezahlen, machte er ein unsittliches Angebot: Rimkus dürfe "Max Fish" ein weiteres Jahr zur alten Miete behalten, müsse den Laden dann aber unverändert an ihn übergeben - so, als ließe sich das Lebenswerk beliebig übertragen, als sei Rimkus selbst für "Max Fish" nichts weiter als eine zufällig dahergelaufene Kellnerin.

Rimkus stellte klar, dass sie "Max Fish" möglicherweise an einen anderen Ort umziehen, aber niemals übergeben würde: Bei einem Rauswurf würden alle Kunstwerke entfernt, Wand, Decke und Boden schwarz gestrichen. "So wie die Russen, als Napoleon einmarschierte", erklärte einer ihrer Barkeeper die Idee: "Verbrenn die Brücken, wirf die Tiere in den Brunnen und lass nichts zurück."

Es steckt wohl doch noch Leben in der alten Lower East Side.

Aus dem GEO-Special-Heft 4/2011 - "New York"