Macau: Wettrennen ins Morgen - DER SPIEGEL
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Macau Wettrennen ins Morgen

Nach jahrhundertelanger Unmündigkeit stürmt Macau in die Zukunft: Wolkenkratzer schießen in den Himmel, Bagger schütten Sand ins Meer für mehr Vergnügen. Und doch schwärmen Romantiker vom Licht und dem Leben in der einstigen portugiesischen Kolonie.
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Nur 45 Minuten benötigt die Fähre von Hongkong nach Macau. Heraus aus den Hochhausschluchten, aus dem Dauerlauf der Anzugträger auf der Queens Road, heraus aus den gläsernen Käfigen der Finanzmetropole, aus Hongkongs Schlacht um Reichtum und Überleben.

Wenn das Boot sich dann dem Terminal von Macau nähert, wird auch hier erst einmal der Himmel eng: Die Skyline ragt auf, der dreistufige Turm der Bank of China, der 338 Meter hohe Macau Tower. Doch dann tritt man an Land, und da ist dieses Pflaster, und der Fuß strandet in der Brandung der kleinen Steine. Es muss dieses Pflaster sein. Dieser schwarz-weiße Wellengang, der die Schritte verwirrt. Dieser schwingende Schwindel aus abertausenden Mosaiksteinchen, dieses Flimmerbild, dieses optische Rauschgift.

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Macau: Zeugnis alter Herrlichkeit

Foto: Philipp Engelhorn

Auf dem Largo do Senado, dem Hauptplatz im Zentrum, sieht es aus, als hätten die Bürger den Vorwärtsgang vergessen. Sie lassen sich nieder auf Bänken und Brunnenrändern, schaukeln Kinderwagen, dämmern im Schatten der Arkaden vor den bonbonfarben restaurierten klassizistischen Bauten, die den Platz flankieren. Stehen einfach da, schauen, plaudern. Und die Wellen wogen weiter, spielen zwischen den Ladenzeilen der Rua da Palha und der Rua de São Domingos, vor den puddingfarbenen Mauern der Kirche Santo Agostinho. Unterspülen die Stadt und tauchen wieder auf am Tempel der A-Ma, der Schutzpatronin von Macau. Schwappen bis auf den Dorfplatz der Insel Coloane, zwischen den klassizistischen Arkaden der Trockenfisch-Restaurants.

Und noch nachts knien Arbeiter mit Pappschablonen auf der "San Ma Lo", der Avenida Almeido Ribeiro, hämmern immer neue schwarze und weiße Steinchen in den Sand, pusseln sogar hier und da noch einen Delfin in die Flut. Das sind die gleichen Wellen, die auch den Bürgersteig an Rios Copacabana zieren oder den Largo do Rossio in Lissabon. Die Wellen des einstigen Seefahrer-Weltreichs Portugal, das in Macau 450 Jahre lang Flagge gezeigt hat. Viel länger als Großbritannien, das die Nachbarstadt Hongkong erst Mitte des 19. Jahrhunderts eroberte und mit eiserner Faust in die Moderne hetzte - während Macau an Portugals langem Arm nach kurzer Handelsblüte nur noch gemächlich und ein bisschen schlampig durch die Äonen schlingerte.

Doch das Rot, Gelb und Grün der portugiesischen Flagge weht nicht mehr über Macau; nur noch das Rot der Volksrepublik China und das Gelb des fünfzackigen Sterns. Grün ist noch der Vinho Verde, der bei "Fernandos" auf der Insel Coloane fließt, im "A Petisqueira" auf Taipa oder hinter den erdbeermilchfarbenen Mauern und lichterbestirnten Säulen des "Clube Militar".

Vergnügungspark mit künstlichem Vulkan

Grün sind die kleinen Parks und Gärten, Inseln aus Chlorophyll im wuchernden Häusermeer, mit Denkmälern für den Entdecker Vasco da Gama oder den Dichter Luís de Camões. Im Garten von Lou Lim Ieoc warten, fern umtost von Presslufthämmern und dem Kreischen der Flex, Blumenfreunde frühmorgens auf das Geräusch, mit dem sich die Lotosblüten öffnen. Hier sitzt ein Mann zwischen Magnolien und Eukalyptusbäumen am Teich und spricht halblaut mit den Fischen, hängen Vogelfreunde ihre Finken im Käfig zur Konferenz in die Bäume. Hier schieben, ziehen und drücken Tai-Chi-Jünger lauter unsichtbare Dinge. Und die Hobbymusiker im zierlich geschnitzten Pavillon, der auf gemauerten Säulen im Wasser steht, zupfen und streichen nach einem Takt, der mit dem der Baustelle nichts zu tun haben will.

Macau schüttet Sand ins Meer, um darauf neue Wolkenkratzer zu errichten, neue Casinos, einen Vergnügungspark mit künstlichem Vulkan, einem römischen Kolosseum und einem Schaufelraddampfer. Doch in der Bibliothek des alten Senatsgebäudes sitzen noch immer die Jäger der verlorenen Zeit zwischen Goldstuck und Regalen voll kolonialer Glorie; unter den drei Folianten zur "Geschichte der portugiesischen Expansion in der Welt", dem vierbändigen "Portugiesischen Überseereich", den sechs Schwarten "Asia Portuguesa". Und draußen auf den blau-weißen Azulejo-Schildern stehen die Straßennamen auf Chinesisch und auf Portugiesisch - auch wenn kaum noch jemand diese Sprache spricht.

Wer jetzt zur kantonesischen noch eine zweite braucht, lernt Englisch oder das Mandarin der neuen Herren aus Beijing. Die Portugiesen haben diese Halbinsel im Perlflussdelta, diesen kleinen Finger im Südchinesischen Meer, nicht erobert, sondern im Jahr 1557 vom chinesischen Kaiser gepachtet. Die Stadt wurde Europas erste Handelsniederlassung in China, Einfallstor für Waren, Missionare, Geld. Und so wertvoll blieb der Außenposten des Okzidents für die Chinesen, dass Beijing dankend ablehnte, als Portugal nach der Nelkenrevolution 1974 die Kolonie zurückgeben wollte.

Doch am 20. Dezember 1999 übernahm das Riesenreich im Norden die Stadt als "Sonderverwaltungszone" nach dem Vorbild Hongkongs; 8000 Portugiesen und Macauer, Abkömmlinge gemischter Familien, übersiedelten ins Mutterland. Seitdem hält nur noch das Wasser, das an die Kais der Halbinsel schwappt, die Verbindung nach Porto und Faro: "O salzige Flut", sang einst Fernado Pessoa, der viel gefeierte und beseufzte Nationaldichter, "wie viel von deinem Salz sind Tränen Portugals!"

Mix aus mediterranem Espresso und chinesischem Tee

Noch gibt es die Orte, an denen Macau aussieht, als wäre es einem Traum entsprungen. Während jenseits der Bucht, in den Hochhausschluchten von Hongkong, die Schrittgeschwindigkeit der Business-Anzüge fast Wallstreet-Tempo erreicht, schlendern hier Menschen in Freizeithemden durch Fußgängerzonen, trinken Kaffee oder jenen Mix aus mediterranem Espresso und chinesischem Tee, der "Yin-Yang" heißt - wie das Prinzip des Tao, die Einheit der Gegensätze. Es ist, als hätten die tropischen Temperaturen diesen Prozess der Verschmelzung beschleunigt.

Auf der Fassade der Jesuitenkirche Saõ Paulo, die 1835 nach einem Brand der Kathedrale übrig geblieben ist und jetzt wie eine poetische Plakatwand die Altstadt überragt, stehen sich Yin und Yang als Sonne und Mond gegenüber, verquirlen sich Drachen und Madonnen, Sonne, Mond und Heiliger Geist zum multikulturellen Potpourri und schließen sogar noch die Hochhäuser mit ein, die durch das offene Portal der Kulisse lugen. In der blitzblank renovierten Kathedrale intonieren ein italienisches Orchester und der Chor der Chinesischen Staatsoper gemeinsam Mendelssohn-Bartholdys Zweite und das Lied "Rosige Wolken jagen den Mond" aus der Provinz Guangdong.

Zwar sprechen nur die Tonbänder im "Museu de Macau" und ein paar Greise noch das Patuá, jenen einzigartigen lokalen Sprachmix aus portugiesischen Vokabeln und asiatischen Grammatiken. Doch in den Kochtöpfen der macauischen Küche, wie sie etwa im "Litoral" auf den Tisch kommt, lassen sich sämtliche Kolonialwaren aus Lissabons versunkenem Weltreich zu feurigen Ensembles ein.

Zu Porco balichão etwa, in Tamarindensaft, Shrimp-Paste und Rohrzucker eingelegtem Schweinefleisch. Oder zu galinha africana, Hähnchen in Kokosnuss-Chili-Kruste, serviert unter 200-jährigen Maulbeer- und Kampferbäumen auf der Terrasse des "Os Gatos" an der Festung São Tiago. Von dort schweift der Blick weit übers Wasser, auf das glitzernde Flussdelta, auf Boote in geschmolzenem Blei, auf die Sonne, die auf einer Bergspitze ausruht, bevor sie vergeht - nicht versinkt, sondern erbleicht.

Regentränen auf den Fassaden

Dieser Schimmer, diese süße Schwermut! "Halbtöne des seelischen Bewusstseins", wie sie Pessoa besang! In Macau mischen sie sich hartnäckig wie Schlafreste unter die Dur-Akkorde der neuen Zeit. Die Regentränen auf den Fassaden mit den wehmütig geschwungenen Balkonen, die schwer sind von Grünpflanzen und Wäsche. Die Banyan-Bäume mit den Luftwurzeln und das graue Lametta, das aus ihren Kronen regnet. Das Gewölk des Perlmutts in den hölzernen Fensterläden der Rua da Felicidade. Der Meeresdunst, der über zwei Drittel des Jahres den Himmel sanft verschleiert.

Die schwimmenden Blumen, die jeden Morgen um sieben im Binnenhafen angelandet werden! Sie kommen auf eisernen Kuttern und bananenförmigen Sampans mit grünen Sonnendächern, schwappen an Land, Fluten in Grün, Rot und Gelb. Sie quellen aus Körben, mühsam zurückgehalten von roten Tüchern, schlagen über den Rücken der Frauen zusammen, die sie auf ihren Schultern, mit Schubkarren, Kiepen und Tragbalken über den Kai schleppen.

Für ein paar Minuten umhüllt ihr süßer, frischer Duft die Abgase auf der Rua do Doutor Lourenço Marques, und dann verschwinden sie unter den Planen der wartenden Lastwagen, speisen sich ein in den Traumkreislauf der Stadt. Reisen zu den Märkten, wo sie weiterglühen zwischen Fröschen in Glasbehältern und flachen Strohkörben, in denen sich Reiswürmer winden - gebacken sollen sie nach Nuss schmecken.

Stadt des Glücksspiels

Wer kann es Macau verübeln, dass es nach jahrhundertelanger Unmündigkeit jetzt manchmal ein bisschen zu schnell in die Zukunft stürmt? Unablässig wächst es in den silbernen Himmel, presst sich ins Schachbrettraster am Neuen Hafen, wo abends die Jeunesse dorée in Korbstühlen vor der "Boogie Bar" oder dem "Opiarium" sitzt. Am Tempel der A-Ma lassen sich die Leute auf Bänken nieder und sehen zu, wie Schiffe mit Riesenrüsseln Land aufschütten. Sie schweigen wie im Theater, machen einander auf Details aufmerksam, würdigen hier und da einen Auftritt, lassen das Bühnenbild wirken, den Fluss, die Hochhäuser des rotchinesischen Zhuhai am anderen Ufer. Als wären die Arbeiten eine exotische Oper, die nichts gemein hat mit dem Leben der Zuschauer.

Beim Wettrennen ins Morgen hat Macau die Standspur nicht vergessen. Auch der "Macau Tower" macht sich ja nicht etwa nützlich mit Fernsehsignalen oder Telekommunikation, sondern amüsiert die Menschen lieber mit sechs Restaurants, Aussichtskanzeln mit Glasböden und schwindeligen Spaziergängen am Gängelband auf der geländerlosen Außenplattform in 233 Meter Höhe. Ein riesiges Spielzeug: Draufgänger erklettern die Mastspitze, probieren an der Turmwand Hochseilakte und Freeclimbing, lassen sich angeseilt in Fangnetze schleudern.

Denn dem Spiel hat sich Macau verschrieben. Sitzt palavernd, johlend und Anfeuerungsrufe japsend in der dicken Luft des Casino Lisboa, wo die Nacht 24 Stunden hat. Verbeißt sich in ruinöse Roulette-Serien, chinesisches Domino oder ein Spiel namens "Groß und klein". Hofft auf den Aufstieg in die VIP-Lounges, die "Triumph" heißen, "Golden Dragon" oder einfach "Club Wealthy". Feuert die Windhunde an, die im "Canídromo" Plüschhasen hetzen und "Profit jetzt" heißen, "Gold sehr gut" oder "Geld zuerst". Seit 1847 das Glücksspiel in Macau legalisiert wurde, ist die Zahl der Kasinos auf 18 gestiegen, verspielen die Zocker hier doppelt und dreifach so viel Geld wie in Las Vegas, hält das Glücksspiel weit vor der Schuhindustrie und den über 500 Kleiderfabriken den Löwenanteil am Sozialprodukt.

Und seit die neue Regierung das Monopol des Roulette-Tycoons Stanley Ho aufgehoben hat, kommen die Glücksfabrikanten aus Übersee, will Sheldon G. Adelson aus Las Vegas auch hier ein "Venetian" bauen, ganz wie daheim mit künstlichem Markusplatz und Canal Grande. Schon jetzt lockt das "Sands" mit 277 Spieltischen und 200 Teesorten, mit chinesischem Kuschelpop, einem strafraumgroßen Bildschirm mit Live-Übertragungen der englischen Premier League und Cheerleaderinnen, die im Paillettenkleid die Beine zur präriehimmelhohen Decke schwingen.

Kult des Glücks

Das ist der Kult des Glücks. Wolkendienst wie die Beschwörungen des Priesters, der im Tempel des Kindgottes Na Cha symbolisch Papierfiguren züchtigt, Säuglingskleider streichelt, Federketten zerrupft. Wie die Orakel der Zahlenstäbchen, die den Gläubigen die Zukunft weissagen. Wie der Wurf der glatt geschliffenen Holzblöcke, deren Aufprall göttliches Ja oder Nein enthüllt, im Tempel der Kun Iam, der Göttin der Barmherzigkeit. Dort herrschen, wie in allen Tempeln, noch die drei Farben Portugals: Rot bedeutet Glück, Gelb Wohlstand und Grün langes Leben.

Wer wissen will, wie es weitergeht mit Macau, muss sich hier nur die drei Buddhas ansehen: Sie sitzen hinter Glas, die Augen halb geschlossen, und verkörpern Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Der Buddha der Gegenwart krümmt Daumen und Zeigefinger zum Zeichen der Meditation. Der Buddha der Vergangenheit hält die Lotosblüte nach Westen, der Buddha der Zukunft richtet sie gen Osten. Ansonsten ist zwischen Zukunft und Vergangenheit kein Unterschied.