Madagaskar Chamäleon vor der Küste Afrikas
Antananarivo - Mit jeder gefahrenen Meile offenbart sich auf Madagaskar eine neue Welt. Die viertgrößte Insel der Erde protzt mit 5000 Kilometern Küstenlinie und - so zeigt sich rasch - ist viel zu groß für eine einzige Reise.
Schon die Ankunft in der Hauptstadt Antananarivo - kurz "Tana" - erstaunt viele Touristen: Der Blick auf den von Jacarandabäumen gesäumten See Lac Anosy wirkt so gar nicht afrikanisch. Der Markt im Stadtteil Analakely wiederum ist Afrika pur. Bauern aus der Umgebung bieten hier an jedem Freitag ihre Waren an. Unter schmutzigweißen Sonnenschirmen stapeln sich neben frischem Obst und Gemüse, Heilkräutern und Gewürzen jede Menge Kunsthandwerk und auch Sandalen aus alten Autoreifen.
Von der Oberstadt in Tana betrachtet, über die Seen des Imerina-Landes hinweg, rückt ein anderer Erdteil in greifbare Nähe: Nur 400 Kilometer vom afrikanischen Festland entfernt, prägen Reisfelder das Landschaftsbild und verleihen der durch Erosion zerklüfteten Hochebene einen Hauch von Asien. Mühsam pflügen die Bauern Meter um Meter durch den bewässerten Boden. Entlang der Nationalstraße 7 erstrecken sich die Reisfelder bis zum Horizont.
Autos gibt es nur wenige. Allerdings fährt auf der Strecke von Tana nach Antsirabé und Fianarantsoa mehrmals in der Woche eine Eisenbahn. Sie schlängelt sich am Fluss Onive entlang - vorbei an den schroffen Abhängen des Tsifajavona im Westen und den Reisfeldern im Osten. Einen Fahrplan gibt es nicht: "Mura, mura" - langsam, langsam - ist das Motto der Madagassen. Etwas leichtsinnig wäre es dagegen, sich mit einem Leihwagen selbst auf den Weg zu machen. Wer sich abseits der Pisten verirrt, hat verloren: Unbefestigte Straßen ohne Beschilderung, dafür aber mit umso mehr Schlaglöchern und Schlamm, können jenseits der Zivilisation auch bei Autos mit Allradantrieb zu einer echten Gefahr werden.
Der Weg nach Süden ist gesäumt von Teeplantagen, Reis-, Maniok- und Maisfeldern. Vorbei geht es an Antsirabé. In dem Ort blitzt unter einer dicken Schicht Staub noch etwas der Glanz der französischen Kolonialzeit auf. Geprägt wird das Stadtbild von vielen Rikschas, die hier "Pousse-Pousse" heißen.
Und dann verwandelt sich Madagaskar erneut: Es wird tropisch - und "tierisch": Ranomafana ist einer von fünf Nationalparks, die ebenso wie die vielen staatlichen und privaten Reservate bemüht sind, die Flora und Fauna Madagaskars zu erhalten. Seit Jahren werden die Regenwälder kleiner, die Trockenwälder versteppen, die Steppen verwandeln sich langsam, aber sicher in Wüsten. Madagaskar brennt: Trotz Verbots werden Steppen abgefackelt und der Wald gerodet.
In Ranomafana aber ist es gelungen, Naturschutz, eine nachhaltige Bewirtschaftung und sanften Tourismus zu verbinden. Hier gibt es eine große Vielfalt von Lemuren. Mit etwas Glück kann man auf nächtlichen Streifzügen unverhofft die blitzenden Augen dieser Halbaffen entdecken.
Die Nationalstraße 7 führt weiter zur märchenhaften Kulisse des Andringitra-Massivs und den Savannen des Horombe-Plateaus. Das Andringitra-Narurreservat mit dem 2658 Meter hohen Pic Boby wird geschützt wie kein anderes Gebiet auf Madagaskar - es ist ein noch fast unerforschtes Biotop. Anders das Plateau: Kein Baum und kein Strauch versperrt hier die Sicht. Nur einige Viehzüchter mit knochigen Zebus durchbrechen die Einsamkeit.
Durch und durch trocken ist auch die Provinz Tulear. Öde ist es deshalb lange nicht. Viele hölzerne Skulpturen, jede mit einer religiösen Bedeutung, ragen hier in den Himmel. An den Gräben der Ahnen ist Respekt gefragt, Fotografieren ist nur mit dem gebotenen Abstand erlaubt. Nur über eine Sandpiste ist schließlich Ifathy ganz im Süden der Insel zu erreichen. In Ifathy wächst auch kein Pfeffer mehr - hier gibt es nur noch Sand, Sonne und Meer.
Informationen: Madagaskar hat kein Fremdenverkehrsamt in Deutschland. Mehrere Reiseveranstalter haben die Insel im Programm