Malaysia: Lebendes Huhn im Plastikbeutel - DER SPIEGEL
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Malaysia Lebendes Huhn im Plastikbeutel

Früher gab's hier den Kopf ab für denjenigen, der zum falschen Stamm gehörte. Heute ist das Touristenparadies Sarawak auf andere Weise extrem. Hier, auf der Nordseite von Borneo, verschmelzen Dschungel und Moderne.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kuching macht es Besuchern nicht schwer, die Stadt zu mögen. Die Dschungelmetropole im Nordwesten Borneos ist längst in der Moderne angekommen, Urlauber müssen auf gewohnte Annehmlichkeiten nicht verzichten. Dennoch verleugnet die Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sarawak ihren ostasiatischen Charakter nicht.

Kuching liegt in den Tropen, tagsüber ist es meist um die 30 Grad heiß. Selbst gegen Mitternacht wird es nicht wirklich kühl. Dafür sind die Abende ausgesprochen angenehm. An der Waterfront, der rund einen Kilometer langen Uferpromenade, spiegeln sich dann die Lichter der Stadt im Sarawak River, Fischerboote laufen in Richtung Südchinesisches Meer aus. Tagsüber ist es quirliger und lauter: Rund 450.000 Menschen leben in Kuching und Umgebung.

Von den rund zwei Millionen Einwohnern Sarawaks sind nur die wenigsten Malaien. "Und während Malaysia insgesamt muslimisch ist, sind mehr als die Hälfte der Menschen in Sarawak Christen", erzählt Angela Lin Sam vom Sarawak Tourist Board, die selbst katholisch ist und zum Stamm der Iban gehört.

Einen Abstecher lohnt das chinesische Viertel Kuchings: In Chinatown reiht sich ein Geschäft ans andere: Bäckereien neben Fahrradhändlern, Apotheken neben Läden mit Haushaltswaren. Der Kultur der Chinesen ist das Chinese History Museum mitten in der Stadt gewidmet. Genau gegenüber fällt der Tua Pek Kong Tempel auf, das älteste chinesische Gotteshaus Sarawaks. Ein Tisch mit großen Kerzen steht hinter der offenen Tür - und ganz vorne ein Teller mit Opfergaben: einem Entenfuß und einem Hühnerei.

Ein Stück Richtung Süden ragt das Civic Centre in den Himmel. Das futuristische Gebäude auf Stelzen verfügt über einen Fahrstuhl, mit dem Gäste außen an der Gebäudewand in die Höhe fahren können. Von der Aussichtsplattform aus lässt sich die ganze Stadt überschauen.

Die bunte, asiatische Seite Kuchings ist vielleicht nirgendwo so gut zu erfahren wie auf dem Sonntagsmarkt: Frauen mit Einkaufskörben schieben sich an den Tischen vorbei, auf denen Krabben und Muscheln ausliegen. In Plastikschüsseln schwimmen noch lebende Fische. Sie werden in durchsichtigen Tüten abgewogen und verkauft. Auch wer ein lebendes Huhn haben will, lässt es sich in Plastikbeutel stecken.

Abstecher von Kuching aus bieten sich in den Bako Nationalpark an, in dem Warane ebenso zu sehen sind wie zudringliche Affen. Sinnvoll ist ein Besuch des Sarawak Cultural Village, einem Freilichtmuseum auf der Halbinsel Santu Bong: Dort werden Kultur und Lebensweise der Stämme Sarawaks gezeigt. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein waren viele Gruppen miteinander verfeindet. Bei Stammeskriegen enthaupteten die Kämpfer ihre Gegner - Kopfjäger nannte man sie deshalb.

Sarawak ist heute vor allem für seinen Regenwald bekannt. "Noch immer sind rund 70 Prozent Sarawaks von Wald bedeckt", sagt Mohammed Tuah Jais, Manager beim Sarawak Tourist Board. "Und das Ziel ist es, vom Regenwald so viel wie möglich zu erhalten." Ob der Tourismus dazu beitragen kann, ist allerdings umstritten.

Bei Touren in den Dschungel, die bei Veranstaltern in Kuching gebucht werden können, gehört die Übernachtung in einem Langhaus zum Programm. In diesen Häusern lebten traditionell Sarawaks Ureinwohner. Die Langhäuser der Iban sind meist nur über die Wasserstraßen durch den Dschungel zu erreichen, etwa vom Batang-Ai-Stausee aus. Langhaus-Safaris bieten zumindest einen Hauch von Abenteuer: Zum Transport dienen gut fünf Meter lange Boote, die leicht ins Schwanken geraten. Von dem Stausee aus geht es in das unüberschaubare Flüsse-System, vorbei an der üppig grünen Vegetation des Regenwaldes.

Die Langhaus-Übernachtung hat ihren eigenen Reiz: In der Regel gibt es ein Gästehaus, das für Touristen gebaut wurde. Aber auch ein abendlicher Besuch bei den Iban nebenan gehört dazu: Der Auftritt des Schamanen mit Federschmuck und Schellen am Bein mag Show sein - der Tanz, den er zu Gong und Trommel aufführt, gehört aber zumindest zur Tradition des Stammes. Auch der Chief, das Oberhaupt des Langhauses, ist Gästen gegenüber aufgeschlossen. Wenn der Tuak genannte Reiswein ausgeschenkt wird, ist der Abend nicht zu Ende, sondern beginnt erst.

Morgens in einem Langhaus von den Geräuschen des Dschungels wach zu werden, ist eine ungewohnte Erfahrung: Vor dem Haus grunzen kleine Schweine, und im Wald sind bereits Schmetterlinge unterwegs. Den Regenwald zumindest flüchtig kennen zu lernen, ist im Rahmen geführter "Jungle Walks" möglich. Zwar gilt Sarawak auch im Hinblick auf die Tierwelt als vielfältig. Doch den Hornvogel, das Wappentier des Staates, zu sehen zu bekommen, ist genauso unwahrscheinlich wie die Begegnung mit einer Schlange, obwohl es auf Borneo mehr Arten davon gibt als irgendwo sonst. Mit etwas Glück zeigt sich aber zumindest ein Affe - und sei es nur in weit entfernten Baumwipfeln.

Andreas Heimann, gms

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