Malediven Schatten im Paradies
Es ist Montag im Indischen Ozean, Juni 2007 Auf den Straßen von Malé, Hauptstadt der Republik Malediven, steht sich im Weg, was vorwärts will, Fahrräder, Motorräder, Autos, Laster, Menschen vom Minarett lädt ein Sänger zum Gebet.
Sie möchte, hat eine Frau gesagt, die heute Morgen zum Schnorcheln anreiste in einem Flugzeug namens Edelweiß, dass ihre Asche, wenn es so weit sei, ins göttlichgrüne Wasser der Malediven gefächert werde, Paradies auf Erden, hat sie gesagt, als sie den Airbus verließ, eine Schweizerin, zum fünften Mal im Land, das fast nichts ist als Wasser.
Heiß und feucht, mittags Durch Malé geht kein Wind, kein Hund um diese Zeit. Hier lebt ein Drittel des Volkes in seiner einzigen Stadt, ein Geschwür aus Pflaster und Beton, 100000 Menschen auf zwei Quadratkilometern, Malé ist eine Insel, überbucht und ungezogen. Alles hier ist eine Insel, der Flughafen, das Öllager, das Gefängnis, die Urlaubsnester der Fremden, die Malé nie sehen, nie riechen, weil sie, kaum aus dem Flieger, sich auf ein Schnellboot retten, das sie ins Reservat bringt, 200 Euro die Nacht oder 2000, White Sands Resort, Sun Island Resort, Palm Tree Resort, Laguna Beach Resort, jedes auf Korallen gebaut, unerreichbar für Einheimische.
In der Zeitung von gestern ist zu lesen, Seine Exzellenz Präsident Maumoon Abdul Gayoom, politisches und religiöses Oberhaupt aller Malediver, habe eine Tunfischdosenfabrik eröffnet und vor Rührung geweint, als ihn die Arbeiterinnen mit Gesang beehrten, Seine Exzellenz.
Ja, sagt der Taxifahrer, es gibt hier einen Hund, den jeder kennt.
Er lächelt, zwängt sein Auto durch Gassen, die wenig breiter sind als der Wagen, die Häuser hier haben keine Nummern, nur Namen.
Das Haus, in dem Mariyam Manike lebt, heißt Asia, ein Schlafzimmer, eine Küche, Wellblech und nackter Beton, es liegt am Shariu Wardee, rosaroter Weg, nicht zu finden für einen, der noch nie in Malé war. Barfuß sitzt die Frau an ihrer Nähmaschine, ein grünes Tuch um den Kopf, weiße Rüschen an den Ärmeln der Jacke, sie sitzt und redet und weiß nicht, wohin mit ihren Händen. Evan Naseem war ihr zweiter Sohn, ein guter Mensch, drogensüchtig, gestorben am 19. September 2003, Mittwoch. Wieder hatten sie Evan mit Drogen erwischt, wieder auf die Gefängnisinsel Maafushi verdammt, südlich von Malé. Es gab Streit unter den Männern, ein Zellenblock warf Steine auf den anderen, C3 gegen C5, Evan nahm nicht teil. Dann holten ihn die Wärter, als sie Ruhe befahlen, aus der Zelle.
Ich war nicht dabei, sagte Evan.
Komm raus, rief der Wärter.
Fass mich nicht an, schrie Evan und griff sich ein Stück Holz. Sie kamen zu zehnt, banden ihn im Freien an eine Stange, die Hände über dem Kopf, sie schlugen mit Fäusten, mit Schuhen und Stöcken, Evan verlor das Bewusstsein, kam wieder zu sich, und als er keine Antwort mehr gab, 20 Minuten nach elf, ließen sie ihn liegen im weißen Sand, schafften die Leiche am Morgen des 20. September 2003 in die Hauptstadt Malé, Indira Gandhi Memorial Hospital. Bruch der siebten Rippe rechts, Lungenkollaps, 19-jährig.
Ein Polizist, Soldat oder Schläger auf 60 Bürger
Präsident Gayoom, seit 29 Jahren im Amt, dienstältester Staatschef Asiens, einst Freund von Saddam Hussein, hält sich 5000 Polizisten, Soldaten, Schläger, einen auf 60 Bürger. Seine Sicherheit ist ihm, gemäß Staatsbudget 2007, 1146 Millionen Rufiyaa wert, 90 Millionen amerikanische Dollar, die Pflege seines Palasts, eine weiße, weite Villa, begabt mit Schießscharten und Erkern, 11,6 Millionen Dollar, das präsidentielle Büro 9,5 Millionen, die Justiz 7,3 Millionen.
Mariyam Manike weiß nicht, wohin mit ihren Händen.
Am Morgen des 20. September vor vier Jahren, sieben Uhr, klopfte jemand an meine Tür, ein Gefängniswärter. Ich müsse seinen Chef anrufen, den obersten Wärter aller Wärter.
Dein Sohn ist tot, sagte der Wärter aller Wärter.
Weshalb?
Komm hierher.
Sie führten die Mutter zur Leiche des Sohnes, Mariyam Manike sah nur sein Gesicht, sie wusste, sie hatten ihn getötet, und riss das Tuch weg, das ihn umhüllte. Blaue Flecken, Wunden, Blut.
Jemand sagte: Die Leiche muss, wie Gott es befiehlt, sofort ins Grab.
Nicht bevor man sie fotografiert hat, schrie Mariyam, nicht bevor die Welt sie gesehen hat.
Sie brachten Evan Naseem auf den Friedhof neben der Abfallsammelstelle, hohe, weiße Mauern, Hunderte waren dort, auch der Präsident, umwattet von Polizisten, viele begannen, als die Leiche in die Erde glitt, zu murren, zu lärmen. Schreiend zogen sie später durch die Stadt Malé und wurden immer mehr, Tausende, sie legten Feuer, zündeten Polizeistationen an, das Gerichtsgebäude, das alte Parlament, und im Gefängnis von Maafushi erhoben sich Gefangene, die Wärter schossen, töteten drei, verletzten 17. Aber Maumoon Abdul Gayoom, zurück in seiner Festung, lobte in eine Kamera: Es blieb uns, um unser Volk vor Kriminellen zu schützen, keine andere Wahl. Er befahl ein Ausgangsverbot, rief, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, den Notstand aus, setzte die Verfassung außer Kraft, Artikel 151(c): Leben, Freiheit, Leib, Name, Ruf oder das Eigentum einer Person dürfen keine nachteilige Behandlung erfahren, außer sie ist im Gesetz vorgesehen.
"Aus seinen Ohren tropfte weißer Sand"
Der Präsident der Republik Malediven führt auch die Polizei, die Armee, die Küstenwache, die Feuerwehr, die Justiz und, bis vor einem Jahr, die Finanzen und die Zentralbank, er besitzt einen eigenen Landungssteg, einige Karossen mit dem Kontrollschild G, G für Government, er hat seine eigene Insel und ist beteiligt an Ferienresorts, seine Minister sind Freunde oder Verwandte, beteiligt an Ferienresorts, dem einzigen Reichtum des Landes.
Im Schein ihrer schwachen Lampe sagt Mariyam Manike: Ich bin nicht mehr die Gleiche.
Zitternd öffnet sie eine Tüte aus Plastik, darin die Fotos des Gefolterten, sie legt sie neben die Nähmaschine, schaut und schweigt.
Aus seinen Ohren tropfte weißer Sand, sagt sie.
Präsident Gayoom berief eine Kommission zur Untersuchung der Ereignisse. Fünf Tage nach dem Aufruhr, am 25. September 2003, bestimmte ihn das Parlament, das er zum Teil selber beschickt, einstimmig zum einzigen Präsidentschaftskandidaten, und zwei Monate später, mit 90,3 Prozent der Wählenden gewählt, trat er sein Amt zum sechsten Mal an. Den Bericht der Untersuchungskommission ließ er zensieren, Evans Mörder, der Ruhe zuliebe, verhaften.
Mariyam sagt: Mich tröstet, dass nach Evans Tod auch der Staat nicht mehr der Gleiche ist.
Wie meinst du das?
Zum ersten Mal hatte der Hund seine Schwäche gezeigt.
Die Nacht ist tief und laut, Motorräder kreischen, Kinder schreien, Mariyam Manike legt die Fotos in die Tüte zurück, legt die Tüte in ihren Schrank.
Anni, 40 Jahre alt, Oppositionspolitiker, 13-mal in Haft
Im Tea House an der Hauptstraße der Stadt, Majeedi Magu Männer auf Stühlen aus billigem Plastik, Reden und Lachen, Propeller rühren die dicke Luft, unter der Decke hängt die gelbe Fahne der MDP, der größten Oppositionspartei, Maldivian Democratic Party, an der Wand klebt das Bild eines Toten, der in hellem, klarem Wasser liegt, daneben die Kopie seines Totenscheins, Todesursache: Not known.
In der Zeitung von heute: Die Zahl der Touristen, die im ersten Halbjahr die Malediven heimsuchten, habe einen neuen Höchststand erreicht, 304.058, 39.445 Touristen mehr als in der gleichen Periode des Vorjahrs.
Dienstag Auf den Straßen von Malé steht sich im Weg, was vorwärts will, vom Minarett mahnt ein Sänger zum Gebet, Harry Potter im Schaufenster.
Sosun Magu, Haus Sharasha, es ist Vormittag. 42 Prozent der Malediver, sagt Mohamed Nasheed, genannt Anni, Geschäftsführer der Maldivian Democratic Party, leben von weniger als 1,17 US-Dollar am Tag. Unruhig sitzt er an einem langen, breiten Tisch, Stellwände im Rücken, darauf das Zeichen der MDP, zwei Waagschalen, beide auf gleicher Höhe. Vor drei Wochen erst ist Anni aus Sri Lanka zurückgekehrt, geheilt vom Rippenbruch, den ihm Gayooms Schläger, die Star Force, beigebracht hatten.
Das Problem der Regierung, sagt Anni, besteht darin, dass nach der Ermordung von Evan Naseem nichts mehr ist wie einst. Das Volk hat sich erhoben. Die Europäische Union verlangt Reformen. Vor zwei Jahren konnte Gayoom nicht mehr anders, als politische Parteien zu erlauben, obwohl dies seit 1998 in der Verfassung festgeschrieben ist. Es geht ihm nicht gut derzeit, Seiner Exzellenz.
Anni, 40 Jahre alt, ausgebildet in England, kann die Anklagen nicht aufzählen, die der Staat gegen ihn bereits erhob, er muss lachen, 13 Mal war Anni schon im Gefängnis, insgesamt fünf Jahre lang, 18 Monate Einzelhaft, Landesverrat, Terrorismus, Diebstahl, Widerstand, Zusammenrottung, Ehebruch, Homosexualität, Anni muss lachen.
Vor dem Büro der MDP in der Sosun Magu steht ein Mann, seit Tagen der gleiche, er steht und schaut hinüber, zückt sein Telefon, wenn jemand das Haus betritt oder verlässt.
Ein Drittel der Jungen nimmt Drogen
Heute, Dienstag, ist in der Zeitung zu lesen, der Präsident habe seinen Botschafter in Singapur entlassen, weil der sich zu dem Satz hinriss, die Regierung zeige in ihrem Willen, die Verfassung des Staates neu zu schreiben, wenig Ernsthaftigkeit. In der Zeitung steht, die Regierung habe vor, ihr "Nasandhura Palace Hotel", teuerstes Haus am Platz, zu ersetzen durch einen Fünfsterneneubau.
Nachmittag im Indischen Ozean, unerträglich und laut 200 Menschen ziehen durch die Straßen der Hauptstadt Malé und schreien wider die Mächtigen, Drug addiction is not a crime but a disease, Drogensucht ist kein Verbrechen, sondern eine Krankheit. Polizisten spazieren an der Spitze des Zuges und halten Motorräder an, Polizisten fotografieren die Lärmenden, One voice to save our nation.
Irgendwo gelesen: Ein Drittel der Jungen auf den Malediven nehmen Drogen, Brown Sugar, vier Fünftel der Gefangenen in Maafushi, insgesamt 2000, sitzen ein, weil sie Drogen nahmen, ein Drittel lebenslänglich. Hier geht die Rede, die Regierung unternehme deshalb so wenig gegen die Unhaltbarkeit, weil ihr die Zersetzung der Jugend, die ihr gefährlich werde, willkommen sei, es geht das Gerücht, ein gewisser Brigadier, Glied des Kabinetts, leite heimlich die Schmuggler an. Wahr ist, dass Polizisten, um danach loszuprügeln, Drogenkranke dafür bezahlen, dass die sich zwischen Demonstranten schleichen und Steine werfen gegen die Obrigkeit.
Sie schreien vorbei am Gesundheitsministerium, dem Finanzministerium, der Generalstaatsanwaltschaft, vorbei an der Abfallsammelstelle am Hafen, wo vor zwei Monaten, es war Sonntag, eine Leiche trieb, vorbei am Kraftwerk mit den sieben Kaminen, an der hohen metallenen Säule, Erinnerung an den Tsunami von 2004, 108 Tote, 2500 zerstörte Häuser. Wolken ziehen auf, ein heißer Wind, Dienstagabend, unter den Menschen Mariyam Manike, leise und schüchtern.
Gefoltert durch die Mörder ihres Sohnes
Elf Monate nach Evans Tod, am 12. August 2004, versammelten wir uns auf dem großen Platz vor dem Polizeihauptquartier. Dort, wo die höchste Fahnenstange der Malediven steht, Platz der Republik. Wir versammelten uns, weil fünf Männer verhaftet worden waren, Demokraten, Reformisten. Es wurde Nacht, und immer mehr Menschen kamen auf den Platz, 10000 Menschen. Die Polizei fuhr in Schützenpanzern vor und jagte uns durch die Stadt. Ich schrie: Ihr habt meinen Sohn ermordet, Evan Naseem, er war mein Sohn.
Irgendwann, als es hell wurde, ging ich nach Hause und war glücklich.
Mariyam Manike war kaum eingeschlafen, als die Polizei die Tür eintrat, fünf Uhr morgens. Sie legten ihr Handschellen an, verbanden die Augen, einer begann sie zu schlagen auf Kopf und Rücken.
Du also bist Evans Mutter. Die Handschellen, die du trägst, trug auch er. Der Tod, der ihn holte, holt auch dich.
Einer holte mit dem Schlagstock aus, schlug Mariyam zwischen die Schenkel und lachte, Blut floss über Mariyams Beine und Füße, 13. August 2004.
Und Präsident Maumoon Abdul Gayoom sprach von Mob und Vaterland, 600 Menschen sperrte er weg, kappte die Internetverbindungen ins Ausland.
Sie schafften Mariyam Manike auf die Insel Girifushi, Übungsgelände der Polizei, hielten sie sieben Tage lang fest, holten sie dann nach Dhoonidhoo, die berüchtigte Verhörinsel im Norden, nicht weit vom Flughafen, wo die Touristen ankommen, der Bauch schmerzte, die Beine, der Kopf. Ihre Zelle war neun Fuß lang, acht Fuß breit, manchmal, mit Ketten an den Füßen, durfte sie ins Freie, um ihre Wäsche zu waschen, sie sah die Mörder ihres Sohnes, zwölf Männer ohne Fesseln, sie spielten Karten, laut und lustig, einer sagte: Dein Sohn, als er noch lebte, pflegte auf den Koran zu pissen.
Einmal traf sie einen Mann mit langem, schwarzem Haar, gefangen wie sie, zitternd vor Angst, er heiße IC, sagte er, und fürchte zu sterben. Mariyam sah sich seine Wunden an, die letzte Zeugin vielleicht.
Am 11. Oktober 2004 schickte die Polizei Mariyam Manike nach Hause, wortlos, und Ende des Jahres, gnädig gestimmt nach dem Schrecken des Tsunamis, gefiel Präsident Maumoon Abdul Gayoom, alle Verhafteten von Klage und Strafe zu befreien, Mariyam erfuhr es aus dem Fernseher.
Manchmal geht sie durch die Straßen der Stadt, manchmal sieht sie einen Mann, der ihr Angst macht ohne Grund. Dann denkt sie, vielleicht ist das Sankar, der mich folterte. Sie kennt nur seinen Namen, nicht sein Gesicht.
Per SMS: Einer von euch muss sterben
Am Ostrand von Malé feiert heute Nacht, Mittwoch, die Maldivian Democratic Party den zweiten Jahrestag ihrer Anerkennung, Mohamed Nasheed, genannt Anni, steht auf einer Bühne und redet sich heiser. Zwei Musiker spielen, The sound of silence, Sultans of swing. Der Mond fast voll.
Seit zwei Jahren verkraftet Präsident Maumoon Abdul Gayoom fünf Parteien, die eigene, DRP, die alles bestimmt, die demokratische MDP, deren Mitglieder er ab und an durch die Straßen jagt und einsperrt, die islamische AP, außerdem MSDP und IDP, beide klein und nebensächlich. Freie Wahlen, seit 1965 aus dem britischen Protektorat ein unabhängiger Staat wurde, gab es auf den Malediven noch nie.
Donnerstagmorgen In der Astafee Magu liegt ein Mädchen im Innenhof, 16 Jahre alt und drogenkrank, Mizna Adam. Sie sei, reden die Gaffer, drei Tage lang nicht mehr im Haus der Eltern gewesen. Die Polizei sperrt ab, Police Line Do Not Cross, niemand hält sich daran, das Mädchen, heißt es, sei noch am Leben, das Mädchen, sagt man, sei vom Balkon gestoßen worden, dritter Stock, und plötzlich beginnt die Menge zu rennen, Polizisten schwingen sich über Mauern, setzen auf Dächer, die Menge, dem Geschehen näher zu sein, wechselt die Straße, eine wilde Jagd durch Malés Nordosten. Das Mädchen, sagt jemand, sei vom eigenen Freund ermordet worden, dem Mitglied einer Bande namens Bosnia. Und jetzt führen Polizisten einen jungen Mann durch die Meute, seine Arme verdreht, er schreit vor Schmerz und Angst.
Die Marken der Jugendbanden von Malé leuchten von Mauern und Türen, Bosnia, Gaamagu, Machangolhi buru, nachts, heißt es, kämpfen sie mit Schwertern aus Saudi-Arabien.
Innenminister wird zum Atollminister
Heute ist zu lesen, nach der jüngsten Gefängnisrevolte vor drei Wochen habe Seine Exzellenz der Präsident das Kabinett neu bestellt. Seinen Innenminister, durch den Hungerstreik der Gefangenen unhaltbar geworden, habe er zum Minister für Atollentwicklung bestimmt, den bisherigen Atollentwicklungsminister zum Jugend- und Sportminister, den bisherigen Jugend- und Sportminister zum Minister für Fischerei und Landwirtschaft, den bisherigen Fischerei- und Landwirtschaftsminister zum neuen Innenminister, in der Zeitung steht, die Menschen auf der Insel Hanimadhu seien bereit, die Bevölkerung der Insel Hathifushi aufzunehmen, 27 Menschen, deren Häuser jüngst überflutet wurden.
Kein Flecken Erde überragt hier den Meeresspiegel mehr als anderthalb Meter. Die Malediven sind 1190 Inseln, verteilt auf 26 Atolle. Wie ein Band leuchten sie aus dem Indischen Ozean, 823 Kilometer lang, 130 breit. Rund 200 Inseln sind bewohnt, weitere 100 den Touristen vorbehalten. Nur 0,3 Prozent des Staatsgebiets sind Land.
Vergangene Nacht warf jemand schwarze Farbe ans Haus einer Zeitung und schlug das Fenster ein. Die Zeitung, den Demokraten verlobt, hatte geschrieben, wenn schon die Frauen sich verhüllen müssten, um die Männer nicht zu reizen, dann müssten sich auch alle Männer verhüllen, um gewisse Männer nicht zu reizen, mehr noch, alles Wertvolle müsste vermummt werden, um Diebe nicht zu versuchen.
Freitag Im Propellerflugzeug nach Gan aufs Addu-Atoll. Hochglanz liegt auf, The wonderful Maldivian climate at full sailing, diving, surfing, relaxing. Addu liegt am Ende des Staates, jenseits des Äquators. Polizisten empfangen am Flughafen, eine ehemaligen Piste der britischen Royal Air Force, die das Land 1976 verließ. Addu ist eine Hochburg der Maldivian Democratic Party MDP, das Sorgenatoll des Präsidenten.
Am liebsten würdest du ihn wegputzen?
Nein, antwortet Abdullah Rasheed, den alle IC nennen, ich will nicht die Revolution, ich will, dass die Leute hier erwachen und ihre Rechte wahrnehmen, ich will Wahlen, wirkliche und freie und friedliche Wahlen, ich will ein Parlament, das das Volk vertritt, nicht den Präsidenten. Der Präsident ist mir egal.
IC, 39, langes wildes Haar, die Sonnenbrille in der Frisur, sitzt im Speisesaal des einzigen Hotels auf Gan, die ehemalige Offiziersmesse der Briten, hier arbeitete einst sein Vater, Waiter Number One. Vor fast drei Monaten, erzählt IC, am 9. April 2007, war es wieder so weit, Präsident Gayoom reiste an, um hier eine Landungsbrücke zu eröffnen. Kommt Gayoom, kommt die Küstenwache, seine halbe Armee. Kommt Gayoom, befiehlt die Polizei, die Häuser neu zu streichen, den Vorplatz zu rechen und sich dann an die Straße zu stellen und zu winken und zu loben. Wer zu Hause bleibt, wird verhaftet, sagt IC, der 18 Jahre lang Touristen diente.
Zwei Tage zuvor hatten wir Spruchbänder geschrieben: Wo sind die Reformen? Wo die neue Verfassung? Anni war hier, der Vorsitzende der MDP, um uns zu helfen. Und Hussein Salah, der ein Motorrad besaß, war sein Fahrer. Das hat Hussein das Leben gekostet.
Per SMS: Einer von euch muss sterben
In der Halle des "Equator Village Hotel" läuft der Fernseher, Maumoon Abdul Gayoom, die Hände verschränkt, als wollte er beten, sitzt kurzärmelig vor der Fahne seines Reiches, feine Brille, dicke Uhr, in der Brusttasche ein Kugelschreiber, und redet die zweite seiner allmonatlichen Reden, Voice of Maldives und Television Maldives übertragen. Ungehorsam, schimpft der Präsident, und Hungerstreiks sind nicht Teil der maledivischen Lebensart. Keiner schaut hin.
Am Mittag Eine Fahrt auf der längsten Straße der Republik, 18 Kilometer, vier Inseln sind mit Dämmen verbunden, Gan, Feydu, Maradhu, Hithadhu, Palmen am Weg und Wellblechhütten, Frauen, die Korallen zu Staub schlagen, Männer, die bis zum Hals im Meer stehen und tauchen, weißen, feinen Sand in Säcke füllen, drei Rufiyaa für einen Sack Baustoff, 20 europäische Cent.
Hussein Salah, 30, war Sandtaucher.
Am 7. April 2007 nahm er Anni auf seinem Motorrad mit, den Parteichef der Demokraten, der ihm einst, als beide zusammen im Gefängnis von Maafushi waren, von seinem Shampoo geschenkt hatte. Stunden später erhielt Anni eine SMS: Einer von euch muss sterben.
Sie holten Hussein am Abend des 9. April 2007, brachten ihn auf ein Boot, die Reise in die Hauptstadt dauerte drei Tage. Als er in Malé war, rief er uns kurz an und sagte, er sei mit den Polizisten, alles Gute, bis bald, erzählt sein Bruder, Ibrahim Zareer, der älteste von zehn Geschwistern.
Das war am 12. April, sagt der Bruder, nachmittags um halb zwei.
Der Bruder, Tränen in den Augen, sitzt auf einem Stuhl aus billigem Plastik, im Arm hält er seine schlafende Tochter, hinter ihm, fast blind, der Vater, daneben die Mutter, die Cousine, die Brüder, die Schwestern, niemand spricht, Beton und Wellblech, Naazukee Hingun, Hithadhu, Addu-Atoll, Republik Malediven.
Todesursache: Not known
Am Abend des nächsten Tages, 13. April 2007, rief ein Polizist an, Hussein sei frei, 21.35 Uhr. Waheeda Ahmed wunderte sich, viermal war ihr Sohn schon im Gefängnis gewesen, noch nie war er so schnell entlassen worden, nie hatte ihr jemand mitgeteilt, Hussein sei wieder frei. 34 Stunden später, am Morgen des 15. April, entdeckten Seeleute eine Leiche am Südrand der Stadt, sie trieb im Wasser, aufgeschwemmt, die Arme seltsam verschränkt. Polizisten zogen sie aus dem Meer, brachten den Toten zum Friedhof.
Ohne Totenschein kommt er hier nicht rein, entschied der Friedhofswärter. Sie schafften ihn ins Indira Gandhi Memorial Hospital, ein Arzt besah sich die Leiche, das Gesicht war geschwollen und blutverschmiert, das Nasenbein gebrochen, Zähne fehlten, Fleischwunden, sie schrieben: Todesursache: Not known.
Und das Fernsehen der Republik teilte mit, die Leiche, die man heute Morgen geborgen habe, zeige keine Spuren äußerer Verletzung.
Um 10.10 Uhr rief uns wieder die Polizei an, man habe einen Toten hier, den man nicht identifizieren könne, vielleicht ihr Sohn Hussein Salah, den wir vor zwei Tagen entlassen haben, gibt es jemanden in Malé, vielleicht einen Verwandten, der ihn identifizieren könnte?
Die Mutter, heute, Samstag, sitzt auf einem Tisch und dreht das Gesicht zur Wand, der Vater schweigt, kratzt sich ständig das Gesicht.
Husseins Onkel erkannte den toten Neffen nicht.
Der Onkel hatte eine Kamera dabei, und als seine Bilder Stunden später im Internet waren, meinte ein Sprecher der Polizei: Die Verletzungen, die man hier sieht, entstanden, als wir den Unbekannten aus dem Wasser zogen. Mit dem Tod des Mannes haben wir nichts zu tun.
Sie verglichen die Fingerabdrücke, es war unser Hussein.
Husseins ältester Bruder, Ibrahim Zareer, flog noch am gleichen Tag nach Malé, eine Stunde und zehn Minuten, Hussein lag in der Leichenhalle von Galholu, ungekühlt und aufgebläht, die Leiche stank.
Dein Bruder muss, wie Gott es will, sofort ins Grab.
Nicht bevor er untersucht worden ist, sagte ich, ich will eine Obduktion.
Arzt zwischen den Fronten
Menschen versammelten sich vor der Leichenhalle, Dutzende, Hunderte, Polizisten kamen gerannt, die Star Force, Gayooms liebste Truppe, junge Schläger in blauen Uniformen, Vollvisierhelm, Nackenschutz, Brustschoner, Armschoner, Hodenschoner, Knie- und Schienbeinschoner, Schlagstöcke. "
Und das Fernsehen der Republik berichtete, Hussein Salah, übrigens ein Drogensüchtiger und notorischer Dieb, sei von der Polizei vor zwei Tagen aus der Haft entlassen worden, auf jeden Fall vor seinem Tod.
Ich wollte eine Obduktion, weint der Bruder und wiegt sein Kind.
Die Obduktion geschah, weil auf den Malediven nicht möglich, in Colombo, Sri Lanka, 21. April 2007. Gegen vier Uhr nachmittags rief der Arzt Husseins ältesten Bruder, Ibrahim Zareer, in einen kühlen Raum, Hussein lag auf einem Tisch, aufgeschnitten vom Bauch bis zum Hals, seine Organe, eines neben dem andern, auf einem Tisch, der Arzt sagte: Meinen Bericht habe ich bereits dem maledivischen Botschafter in Colombo übergeben. Den Umschlag wird er öffnen, sobald du bei ihm bist.
Eine halbe Stunde später, stottert der Bruder, nur eine halbe Stunde später rief mich aus Malé der Onkel an. Und sagte, im staatlichen Fernsehen sei soeben verkündet worden, Hussein sei ertrunken, Hussein sei unverletzt gewesen, kein Knochen gebrochen, keine Zähne hätten gefehlt, keine großen Fleischwunden, und die kleinen Wunden, die er hatte, kämen daher, dass Fische an ihm nagten, therefore death due to physical violence is excluded, deshalb ist der Tod durch physische Gewalt auszuschließen.
Plötzlich streckt sich der Vater in seinem Stuhl: Mein Name ist Hassan Zareer, ich bin ein alter Mann, und ich kenne das Leben, die Menschen. Der Arzt in Colombo, der die Leiche untersuchte, ist ein alter Mann wie ich, man wird nicht stark im Alter, man wird schwach und anfällig. Zwei Regierungen, die maledivische und die srilankische, redeten auf ihn ein, zwei Regierungen, Freunde, wünschten ein Ergebnis in ihrem Sinn. Man wird sehr schwach, wenn man alt ist.
Wie kann es sein, schreit die Mutter mit hoher Stimme, dass der Arzt in Malé Verletzungen sah, die der Arzt in Colombo nicht mehr sah? Weshalb wusch die Polizei sofort seine Kleider? Weshalb nennt uns die Polizei die Leute nicht, die behaupten, sie hätten Hussein noch lebend in einem Tea House gesehen?
Auf dem Friedhof von Malé, wo schon Evan Naseem liegt, der Sohn von Mariyam Manike, waren Kameras versteckt, die Familie des Toten zur Beerdigung nicht zugelassen, 29. April 2007. Wieder eine Jagd durch die Straßen der Stadt, Mariyam, Anni, IC.
Sonntag im Indischen Ozean Hochglanz im Flieger zurück nach Malé, Maldives the sunny side of life. In der Zeitung steht, Präsident Gayoom, ohne seine Partei zu fragen, habe sich für die kommenden Wahlen bereits zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt.
Nachts, wie eine Erlösung, Blitz und Regen. Schließlich Vollmond.