Martinique: Rückwärts in den Regenbogen - DER SPIEGEL
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Martinique Rückwärts in den Regenbogen

Wer Canyoning nur mit eiskaltem Wasser und tiefen Alpenschluchten verbindet, war noch nicht auf Martinique: Auf der Antillen-Insel wird die tropische Variante der Extremsportart praktiziert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ächzend erklimmt der Kleinbus die steile, holprige Straße. Gerade noch brannte in der Inselhauptstadt die Sonne vom Himmel, leuchtete das Wasser im Hafen azurblau. Jetzt aber geht es stetig bergauf, hinein in Wolken und Nebel, direkt in den tropischen Regenwald von Martinique .

Nichts zu sehen von der Vulkankette der über tausend Meter hohen Pitons du Carbet. Nichts zu sehen vom immer noch aktiven Mont Pelée (1397 Meter). Der Passat hüllt die Berge in ein dichtes Weiß. Kein Wunder, dass der kleine Ort, den der Kleinbus gerade passiert, Les Nuages, die Wolken heißt.

So stellen sich nur wenige Europäer die Karibik vor - und es kommt noch besser: Kaum hält der Bus am Rand einer kurvigen Gebirgsstraße, setzt ein kräftiger Regenguss ein.

Das scheint Bruno Sainvincent keineswegs zu stören - strahlend und mit nacktem Oberkörper begrüßt er die Besucher. Wasserscheue haben bei Bruno sowieso schlechte Karten, schließlich ist der drahtige Franzose Extremsportler. Die reißenden Gewässer in den engen Schluchten sind sein Revier. "Canyoning", eine Sportart, die sich in den Alpen seit Jahren großer Beliebtheit erfreut, wird auf Martinique in der tropischen Variante praktiziert.

Und das heißt erst mal schwitzen: Alle Teilnehmer müssen in einen hautengen Neoprenanzug schlüpfen, an dem Bruno spezielle Ledergurte festzurrt. Wie in Wurstpelle gehüllt stapft die Gruppe keuchend die steilen, glitschigen Stufen hinauf, die in das schwarze Vulkangestein gehauen sind.

Bis zu den Hüften im Wasser geht es durch gurgelnde Gebirgsflüsse der ersten Herausforderung entgegen. Behände befestigt Bruno ein ganzes Gewirr von Seilen an den Teilnehmern und an im Gestein verankerten Metall-Ösen. "Ihr müsst euch rückwärts ins Seil hängen, mit einer Hand festhalten und mit der anderen nachfassen", erklärt er. "Es ist kinderleicht und absolut ungefährlich - Allez!" - Auf geht's!

Den Neulingen ist mulmig, doch ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Mit dem Rücken zum Abgrund in einem tosenden Wasserfall an einer senkrechten Felswand zu hängen - für einen durchschnittlich sportlichen Büromenschen eine Herausforderung. Aber Bruno hat recht, wenn man den Trick erst mal raus hat, geht es tatsächlich ziemlich einfach: immer wieder sanft mit den Füßen vom Felsen abstoßen, nur nicht mehr mittendrin hängen bleiben.

Bei der zweiten und dritten Steilwand gleiten die meisten schon recht elegant in die Tiefe. Ein tolles Gefühl, wenn um einen herum die Gischt in allen Regenbogenfarben leuchtet. Canyoning - sicher eine der eindrucksvollsten Methoden, diese ungewöhnliche Insel zu erforschen.

Obwohl 7000 Kilometer von Paris entfernt, gehört Martinique als Überseedepartement genauso zu Frankreich wie Nizza oder Korsika. Die Insel im Herzen der Kleinen Antillen hat die Form eines Embryos, ist gerade mal 64 Kilometer lang und maximal 22 Kilometer breit, beherbergt aber 374.000 Einwohner.

Am meisten erstaunt die Vielfalt der Landschaft - gemessen an den meisten anderen Karibikinseln. Spannend ist vor allem der Norden von Martinique mit Städtchen wie Saint-Pierre. In der einst glanzvollen Kolonialmetropole hat 1902 ein Ausbruch des Vulkans Mont Pelée innerhalb einer Minute alles Leben vernichtet.

Wer der Küstenstraße weiter nach Norden folgt, gelangt zur Habitation Céron. Habitation werden auf Martinique die alten Herrenhäuser auf Zuckerplantagen genannt, früher der wichtigste Wirtschaftszweig der Insel.

Heute dient das überall angebaute Zuckerrohr als Grundstoff für die Rumherstellung. Rum ist in Martinique der wichtigste Exportartikel neben Bananen - er gilt unter Kennern als der Beste der Welt.

Informationen:

Da Hotels auf der Insel teuer sind, ist eine Pauschalreise oft die beste Lösung. Angebote gibt es zum Beispiel bei Aeroworld .