Maui Wo einst die Götter wohnten
Sonnenaufgänge sind immer spektakulär. Besonders faszinierend aber sind sie an spektakulären Orten. Klar also, dass an diesem frühen Morgen zahlreiche Touristen am Gipfel des Haleakala dem empfindlich kalten Wind trotzen. Ein bunter Trupp hat sich an Mauis "Haus der Sonne" versammelt, wartet sehnsüchtig auf die ersten Sonnenstrahlen.
Schon seit Jahrzehnten lockt der größte ruhende Vulkan der Erde Frühaufsteher in fröstelige Insel-Höhen. Mark Twain etwa, leidenschaftlicher Hawaii-Fan, schwärmte 1866 schon vom Sonnenaufgang am Haleakala, dem "erhabensten Schauspiel", das er je gesehen habe.
Dunkel bohren sich bizarre Konturen ins dichte Wolkenband. Dann ein zögerliches Schimmern am Horizont. Schnell wird das weiße Getümmel zum orangefarbenen Meer. Die ersten Strahlen erkämpfen sich mühsam ihren Weg. Und unversehens beginnt der Berg zu schillern - gelb, braun, orange und feurigrot. Schlackekegel leuchten auf im majestätischen Kraterbassin. Monumentale rotgelbe Zylinderhüte.
Vom Gipfel schlängelt sich der Sliding Sands Trail hinab zu den Lavapfeilern. Erste Schritte auf knirschendem Gestein kündigen das Abenteuer an. Knapp 20 Kilometer führt der Schlackeweg durch die erstarrte Welt einst brodelnder Gesteinsmassen, mitten durch das 1000 Meter tiefe Kraterbecken. Das übrigens nicht durch Eruptionen entstanden ist, wie das Visitor Center am Eingang des Nationalparks aufklärt. In langen Erosionsjahren höhlten Wind und Wasser die scheinbare Caldera in den Vulkan. Geologisch korrekt also nicht wirklich ein Krater. Doch kaum weniger beeindruckend.
Heftig zerrt der Wind an den Jacken, erstickt jedes Geräusch. Ein Blick zurück zur Aussichtswarte. Die meisten Frühaufsteher geben einer Talfahrt im Auto den Vorzug. Ganz amerikanisch, schnell und wenig anstrengend. Oder sie schwingen sich mit Helm und Windbreaker-Jacken aufs Mountainbike, zu einem Downhill-Vergnügen besonderer Art: von 3000 Metern am Kraterrand durch die Lavafelder cruisen, 60 asphaltierte Kilometer abwärts. Silbrige Tupfer sprenkeln die karge Gesteinslandschaft. Geheimnisvolle Geschöpfe mit fleischig-spitzen Blättern, die sich zu einer kugeligen Rosette zusammenziehen. Ahinahina oder Silversword werden die entfernten Verwandten der Sonnenblume genannt. Scheinbar zufällig bevölkern sie die Weiten der Hänge, wie kosmische Metallgeister. Lange harren sie aus bei Kälte und intensivem Sonnenlicht, um ein einziges Mal - manchmal erst nach 50 Jahren - mit einem rötlichen Blütenstamm zu protzen. Und dann sterben sie, nach diesem letzten, so übernatürlich anmutenden Kraftakt.
Nach sechseinhalb Kilometern Lavapfad führt eine Abzweigung zum Haleamanu-Trail. Hier und da ein trockener Busch, ein robuster Strauch. Immer auf dem vorgegebenen Pfad bleiben, warnt die Info-Broschüre. Bloß keines der endemischen Krabbeltiere zerquetschen, ungewollt eine der ohnehin bedrohten Pflanzen zertreten. Und nur nicht die Ruhe des Haleakala stören. Was, wenn er sein Nickerchen unterbricht? Wie zuletzt 1790.
In mythologischen Zeiten wohnten hier die Götter. Vielleicht wirkt ihr Spirit, ihr polynesisches Mana, nach und sorgt für das magische Fluidum des Vulkans. Die Gesteinsanordnungen inspirieren immer wieder. Nur das Bottomless Pit wirkt zunächst unscheinbar. Auf das gewaltige Erdloch stößt, wer einen weiteren Schlackekegel umrundet. Ein Drahtzaun warnt vor zu intensivem Kontakt. Der Legende nach führt der steinerne Riss weit hinunter, direkt zum Pazifik. Von wissenschaftlichen 65 Fuß spricht nüchtern die Nationalpark-Info.
Immer dichter werden Gräser und Sträucher, wenn man in den subalpinen Bereich vordringt. Richtig lebendig wirkt er inzwischen, der mächtige Haleakala. Kann sein, dass irgendwo eine Nene den Weg kreuzt. Die hawaiische Gans stöbert hier, vom Aussterben bedroht, auf Nahrungssuche durch die niederen Büsche.
Überraschend eröffnen sich phantastische Ansichten der Kratersteilwand im Westen, die sich ein paar hundert Meter in den blauen Hawaii-Himmel reckt. Inmitten friedlicher Gräserdüfte und Vogelrufe können Vulkanbezwinger die letzten Kilometer wohlig durch das gelbgetupfte Buschland dümpeln. Dann wartet noch ein dramatischer Anstieg, die Kraterflanke hinauf. Serpentinen in Fels, 420 Höhenmeter dem Abend entgegen. Am besten immer wieder innehalten, atemberaubende Ausblicke ins Keanae Valley einsaugen. Mit wilder Tropenbewaldung wächst das tiefgrüne Tal der Küste entgegen.
Viel weiter oben, am Gipfel, versinkt die nackte Lavawüste schon langsam im kosmischen Strahlenmeer der untergehenden Sonne. Ganz spektakulär.