Mexiko-City Anarchie bei den Azteken
Mexikos Fahrlehrer haben bisweilen ungewöhnliche Ratschläge auf Lager. Vor dem Spurwechsel, so empfehlen sie dem Schüler, solle dieser auf keinen Fall den Blinker betätigen. Denn wenn er seine Absicht verrate, könne ihm ein anderer Verkehrsteilnehmer im letzten Augenblick die Lücke verschließen.
In Mexiko-City, einer der größten Metropolen der Welt, artet das Verkehrsgeschehen häufig in Nahkampf aus. Wer nicht Gas gibt, geht unter, und die Vorfahrt hat im Zweifelsfall der Dreisteste.
Mehr als dreieinhalb Millionen Autos kurven durch die über 16 Millionen Einwohner zählende mexikanische Hauptstadt. Bei allen Staus ist die Metropole mit ihren mehrspurigen Achsen und Stadtautobahnen sowie einem recht großen Parkplatzangebot im Prinzip autofahrerfreundlich - zum Leidwesen der Ökologen, die angesichts der Luftverschmutzung eine Einschränkung des Individualverkehrs fordern.
Ordnung in die tagtägliche Anarchie versucht ein ganzes Heer von Ordnungshütern zu bringen. Die Uniformierten erweisen sich als echte Freunde und Helfer, lassen sie doch über jedes Bußgeld mit sich reden. Anstatt einen Strafzettel auszustellen, kassiert der meist schlecht entlohnte "policia" lieber eine kleine "mordida", wie das Schmiergeld in Mexiko heißt. Das kommt den Autofahrer billiger.
Völlig unbekannt sind in Mexiko Alkohol- und Geschwindigkeitskontrollen. Zecher können problemlos von Kneipe zu Kneipe fahren, wobei die Breschen in der Mittelbegrenzung des "Periferico", der äußeren Stadtautobahn, Montagmorgen darauf hindeuten, dass dies nicht immer gut geht.
Auf den modernen mexikanischen Autobahnen gilt das Prinzip "Freie Fahrt für freie Bürger" - allerdings nur für diejenigen, die von ökonomischen Zwängen so frei sind, dass sie die hohe Maut bezahlen können. Angesichts exorbitanter Gebühren werden die "autopistas" in vielen Regionen nur spärlich genutzt. Die Alternative stellen Landstraßen dar, auf denen allerdings oft "topes" (Bodenschwellen) zur Vollbremsung zwingen.
Richtig unangenehme Überraschungen kann der Autofahrer nur erleben, wenn er im Stadtzentrum seinen Wagen im Parkverbot abstellt. Wenn dann das Gefährt plötzlich nicht mehr dasteht, reicht allerdings oft ein Blick in die nähere Umgebung: Meist kurven die Polizisten mit der "grua", dem Abschleppwagen, noch um den Block und geben gegen eine "mordida" den Wagen wieder frei. Zur Not bringen sie, ganz Freund und Helfer, den Fahrer auch zum nächsten Geldautomaten.
Klaus Blume, dpa