Mexiko Hexenzauber im Akkord
Frauen-Sanftstimmer-Pulver, Finanzen-Verbesserer-Seife oder schwarzes Salz, um unliebsame Nachbarn zu vertreiben: Zum Mercado de Sonora, dem größten Hexenmarkt von Mexiko-Stadt, kommen die Kunden mit ungewöhnlichen Einkaufslisten.
Auf der Suche schieben sie sich durch enge Gänge, es riecht nach Räucherkerzen und Kräutern. Aus irgendeiner Ecke kommt Salsa-Musik, kaum zu hören bei dem Geschrei der Marktverkäufer. "Amiga! Was suchst du amiga, frag nur, Hochzeitsbeschleuniger-Lotion vielleicht?"
Ich suche etwas anderes. Ich will selber herausfinden, ob der ganze Hexenzauber Humbug ist, oder ob sich dahinter doch mehr verbirgt. Wo man eine spirituelle Reinigung bekommen kann, frage ich Alejandro, einen der Verkäufer. "Dritter Gang rechts und dann zweite links, Stand 37 A, Hexe Rocío", antwortet er.
Die Hochzeits-Lotion gibt es erst seit diesem Frühjahr, genau wie das zugehörige Kräuter-Zauber-Spray. Viele Mexikaner finden das praktischer als Zauberkerzen, und moderner ist es sowieso. Trotzdem sind Kerzen immer noch der Renner. Man kann damit angeblich Paare auseinander bringen, Kunden ins Geschäft locken und im Glücksspiel gewinnen. Dazu muss man sie nur anzünden, schnell zu einem Ort laufen, wo man die Sterne sehen kann, dann wieder zurück, ein Gebet aufsagen, fertig.
Christentum und Schamanenglauben
Die Mexikaner finden nichts Ungewöhnliches daran, die Wirkung der Zauberkerze mit einem "Ave Maria" zu beschwören. "Warum denn auch nicht", sagt Alejandro, "das machen wir schon immer so." Die mexikanische Kultur besteht schon lange aus einer Mischung der Traditionen. 90 Prozent der Menschen sind katholisch. Sie sind es aber nicht immer im streng orthodoxen Sinne. Nach der spanischen Eroberung mussten die Eingeborenen Wege finden, ihre eigenen indianischen Gottheiten in den christlichen Glauben zu integrieren.
Das Naheliegende war, sie mit den Heiligen der katholischen Kirche zu verschmelzen, die bis heute mit großer Inbrunst verehrt werden. Und es kommen immer wieder neue dazu. Die jüngste Erfolgsgeschichte ist "La Santissima Muerte" die Jungfrau des Heiligsten Todes. Dabei handelt es sich um ein Skelett mit Totenkopf in Frauenkleidern. Sie schützt besonders Kriminelle und andere Sünder.
Gerade unter einfachen Mexikanern ist Aberglauben weit verbreitet. Die spirituellen Reinigungen, die "Limpias", gehören für die meisten zum Alltag, so wie sie wegen eines kleinen Ausschlages den Hautarzt aufsuchen oder noch einen Friseurbesuch einschieben würden.
Spirituelle Reinigungen für die Massen
Der Weg zur Hexe Rocío dauert länger als gedacht, ich muss mich vom Menschenstrom an der richtigen Stelle mitreißen lassen, mich vorwärts schieben, Körper an Körper mit anderen, die im Halbdunkel vielleicht nach Amuletten zum Schutz ihrer Babys suchen, nach Katzenkrallen, Heiligenfiguren oder Rattenfellen.
Hier, weiter hinten, warten die Heiler, Schamanen, Handleser und Kartenleger auf ihre Kundschaft. Und Rocío. Sie macht spirituelle Reinigungen im Akkord. In der kleinen Warteschlange vor ihrer winzigen Bude stehen geduldig vier Frauen und ein Mann. Elena erzählt, dass sie eine fünfjährige Tochter hat, die ins Bett macht und damit aufhören soll. Carlos, der nervös von einem Bein aufs andere tritt, will nicht sagen, was ihn hergebracht hat.
"Die meisten kommen wegen Liebe oder Geld", sagt Rocío, als ich nach 35 Minuten endlich dran bin. Sie muss das wissen, denn sie vollzieht seit 20 Jahren Limpias. "Manche befürchten aber auch, verwünscht worden zu sein. Je nachdem wie schlimm es ist, müssen die dann entweder alle acht oder alle drei Tage kommen."
Hexe Rocío ist etwa 1,60 Meter groß. Die Haare hat sie blondiert und streng zurückgebunden, die Augenbrauen zu dünnen Strichen gezupft. Die karierte Marktschürze spannt über ihrem stämmigen Körper. Die Limpia führt Rocío in ihrer kleinen Verkaufsbude durch: zwei Quadratmeter, vollgestellt mit Kerzen, Sprays, Knoblauchknollen. Am Boden in der Ecke scharrt eine weiße Taube nervös in ihrem Käfig herum. Hoffentlich wird sie nicht Teil der Zeremonie.
Hexenkräfte im Einsatz: Alles muss raus
Rocío mustert mich kurz und nickt ernst: "Du hast negative Energien aufgesogen. Das erkenne ich an deiner Aura. Das muss alles raus." Während sie das sagt, sprüht sie ein Gebinde aus Rosmarin, Basilikum, Hauswurz, roten und weißen Nelken großzügig mit einem Spray ein, der nach Vanille und Kokos riecht. Sie bittet mich, die Augen zu schließen und leise das Vaterunser zu sprechen.
Dann drückt sie mir den Strauß fest auf die Stirn, bis die von dem Spray klebrig ist, streicht über das Gesicht, die Haare, dann den Nacken und den ganzen Körper, klopft und reibt, so wie es die indianische Tradition vorschreibt. Formeln spricht Rocío dabei nicht, sie atmet nur immer wieder heftig aus. Vielleicht aber auch nur vor Anstrengung, denn sie ist mit dem Strauß nicht unbedingt zimperlich. Zum Schluss muss ich auf dem Strauß herumtreten und meine Schuhe daran abwischen.
Als Zweites nimmt sie ein Ei und erklärt: "Das ist ein Ei von einem schwarzen Huhn. Das Ei war in früheren Kulturen immer wichtig, und das schwarze Huhn ist ein sehr starker Energieleiter. Deswegen zieht das Ei die negativen Energien aus dem Körper raus." Während ich noch über diese vage Begründung nachdenke, bittet mich Rocío energisch, doch bitte die Augen wieder zu schließen. Ihr genervter Tonfall macht deutlich, was sie von "Anfängerinnen" wie mir hält.
Dann reinigt sie mich energisch weiter, rollt mir das Ei über die Stirn, den Nacken, die Arme, bis alle negativen Energien aufgesaugt sind. Zur Sicherheit pustet sie mir noch über die Schulter. Am Ende der Zeremonie drückt sie mir einen weißen Alaunen-Stein in die Hand und sprüht mich noch einmal komplett mit dem Spray ein quasi als Imprägniermittel für meine Aura, wie sie erklärt. "Jetzt geht es dir besser", konstatiert Rocío und nickt zufrieden.
Negative Energien in der Plastiktüte
"Ich habe eine Gabe", sagt sie. "Das ist, als ob Engel mir ins Ohr flüstern, dass eine Person krank ist. Dass ich diese Gabe besitze, habe ich mit den Jahren durch Wahrnehmungen und Visionen gemerkt. Und ich helfe den Leuten." Gleichzeitig hilft die besondere Gabe ihrem eigenen Geldbeutel, für ihre Dienste nimmt Rocío 200 Pesos, etwa 15 Euro. Ein guter Lohn für knapp zehn Minuten Ritual.
Die weiße Taube kommt dann doch nicht zum Einsatz, denn die braucht sie selber noch. "Die Taube ist ein Schutz für mich. Ich empfange hier viele Leute, und durch meinen Laden fließen viele negative Energien. Und die müssen wir mit bestimmten Tieren ausgleichen."
Zum Abschluss drückt mir Hexe Rocío die schwarze Mülltüte mit dem spirituell verseuchten Gebinde und dem Ei in die Hand und bittet mich, das Ganze möglichst weit weg von ihrem Laden zu entsorgen. Ich bedanke mich und gehe.
Auf dem Nachhauseweg horche ich in mich hinein: Eine Wirkung der Limpia will sich nicht einstellen. Trotz aller Mühen der Hexe Rocío fühle ich mich ohne negative Energien nicht anders als zuvor. Nun, ein bisschen anders doch: Zu Hause werde ich erst mal duschen, um mich von dem schweren Duft der Zaubermittel zu befreien.