Mexiko Stille statt Blumen über den Gräbern
Xoxocotlan/Mexiko - Der Friedhof von Xoxocotlan ist an Allerheiligen eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Mexiko. Die farbenfroh mit Kerzen und Blumen geschmückten Gräber ziehen jedes Jahr zahllose Touristen an, die dort das besondere Verhältnis der mexikanischen Mentalität zum Tod erleben wollen. Dieses Jahr aber sind nur wenige Besucher nach Xoxocotlan gekommen, einer Siedlung der Zapoteken-Indianer am Stadtrand von Oaxaca de Juárez. Der seit Mai schwelende Konflikt zwischen der Provinzregierung des Bundesstaates Oaxaca auf der einen Seite und aufständischen Linken, Anarchisten und indianischen Aktivisten auf der anderen Seite hat die Touristen fern gehalten. "Unsere Feier ist in diesem Jahr sehr traurig", sagt der 67-jährige José Calido Cruz, der auf einem Plastikstuhl vor dem Grab seiner Eltern in Xoxocotlan sitzt. "Vor einem Jahr waren noch so viele Touristen hier." Reiseführerin Nancy Zaslavsky aus Los Angeles ist trotz der Warnungen auch in diesem Jahr auf den Friedhof gekommen, ihrer Gruppe gehören aber nur sechs Touristen an.
Nach dem Tod von mindestens acht Menschen im bisherigen Verlauf des Aufstands hat die mexikanische Bundesregierung mehr als 3000 Bundespolizisten in die Stadt 400 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt geschickt. Der Widerstand der Rebellen dauert aber weiter an, ihre Hauptforderung ist der Rücktritt von Gouverneur Ulises Ruiz. Dieser lehnt einen Rücktritt jedoch ab.
"Ein Leben für die Wahrheit"
Auch in Oaxaca de Juárez wird an Allerheiligen der Toten gedacht. An einem von den Aufständischen errichteten Altar wird ein Foto von Bradley Roland Will gezeigt, darunter der Schriftzug: "Ich gab mein Leben für die Wahrheit des Volkes". Der 36-Jährige berichtete für den linksalternativen Internet-Nachrichtendienst "Indymedia" über den Konflikt in Oaxaca und wurde am Freitag erschossen. Die Aufständischen machen die Behörden für seinen Tod verantwortlich.
Das Totengedenken verbinden die Aufständischen mit der Erklärung, ihren Widerstand weiter fortzusetzen. Seit der Ankunft der Bundespolizisten vor zwei Tagen haben die Spannungen in der 275.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt aber etwas abgenommen. Dennoch dauert der Widerstand gegen die Behörden weiter an. Die Aufständischen errichteten heute neue Barrikaden, blockierten eine Hauptzufahrtstraße und setzten Autos in Brand. Die meisten Schulen und Geschäfte blieben geschlossen. Etwa 2000 Menschen protestierten gegen den Polizeieinsatz. Starke Polizeikräfte verwehrten ihnen zunächst den Zugang zum Zocalo, dem zentralen Platz der Stadt.
Weiße Kleider gegen die Gewalt
Auch in Mexiko-Stadt demonstrierten Hunderte von Menschen gegen den Polizeieinsatz. Vor der mexikanischen Botschaft in Berlin protestierten heute knapp 100 Demonstranten gegen nach ihren Worten staatliche Willkür in Mexiko.
In Oaxaca de Juárez dürfen einfache Bewohner und Ladeninhaber nun wieder auf den Zocalo-Platz. Der 49-jährige George Lundberg aus Tokio ist einer der wenigen Ausländer, der davon Gebrauch macht. "Ich denke, der Tourismus wird eine Weile brauchen, bis er sich erholt hat", sagt er. Schließlich seien die Touristen vor allem an der ruhigen und pittoresken Stimmung in Oaxaca interessiert, und davon sei inzwischen nicht mehr viel zu spüren.
Die meisten einfachen Bewohner haben genug von der Gewalt. Sie tragen weiße Kleidung - weiß als Symbol für den Frieden. Die Aufständischen aber sagen, sie wollen erst aufgeben, wenn Gouverneur Ruiz nicht mehr im Amt ist.
Mark Stevenson, AP / dpa